Evasion · Beobachtung · Dunkelheit

Nächtliche Beobachtung ohne Nachtsichtgerät

Dunkeladaptation, außermittiges Sehen und geordnete Suchmuster für Beobachtungshalte während einer nächtlichen Evasion.

Besatzungsmitglieder der 66th Rescue Squadron bestimmen ihre Position auf einer Karte während einer nächtlichen SERE-Übung bei Nellis, 2013. Das Rotlicht beleuchtet die unmittelbare Arbeitsfläche.
Besatzungsmitglieder der 66th Rescue Squadron bestimmen ihre Position auf einer Karte während einer nächtlichen SERE-Übung bei Nellis, 2013.

Bei nächtlicher Evasion werden schwache Konturen und Bewegungen oft zuerst neben der eigentlichen Blickrichtung wahrgenommen. Wer die betreffende Stelle daraufhin starr fixiert, kann sie wieder verlieren. Nächtliche Beobachtung verbindet deshalb Dunkeladaptation mit außermittigem Sehen und einem geordneten Suchmuster: im Sichtschutz anhalten, den nächsten Geländeabschnitt absuchen und auffällige Veränderungen prüfen, bevor die eigene Bewegung fortgesetzt wird.

Dunkeladaptation und nutzbares Restlicht

Die Netzhaut arbeitet bei wenig Licht anders als am Tag. Die Zapfen ermöglichen scharfes Sehen und Farbunterscheidung bei ausreichender Helligkeit; im Zentrum der Fovea befinden sich ausschließlich Zapfen. Die lichtempfindlicheren Stäbchen liegen außerhalb dieses Zentrums. Sie liefern bei sehr schwacher Beleuchtung vor allem Informationen über Helligkeitsunterschiede, Lage und Bewegung. Feine Einzelheiten und Farben gehen dabei verloren.

Nach einem Wechsel aus heller Umgebung nimmt die Lichtempfindlichkeit allmählich zu. Für eine weitgehende Dunkeladaptation liegt die Größenordnung bei einer halben Stunde. Bereits vorher werden Konturen erkennbar; vorausgegangene Beleuchtung und das Licht am Beobachtungspunkt bestimmen, wie viel Anpassung erreicht wird. Ein heller Bildschirm zwischen zwei Beobachtungsphasen kann die gerade gewonnene Empfindlichkeit wieder beeinträchtigen.

In der Dämmerung, bei hellem Mondlicht oder in einem beleuchteten Bereich arbeiten Stäbchen und Zapfen zusammen. Dort kann ein direkter Blick weiterhin Einzelheiten liefern. Erst bei sehr schwachen Konturen wird der Blick daneben besonders wichtig. Unter dichtem Bewuchs können deshalb andere Sehbedingungen herrschen als auf einer offenen Fläche derselben Nacht: Entscheidend sind Helligkeit und Kontrast im betrachteten Gelände.

Außermittiges Sehen richtig anwenden

Beim Off-centre Viewing wird knapp neben den fraglichen Gegenstand geblickt, ungefähr zehn Grad nach links, rechts, oben oder unten. Sein Bild fällt dadurch außerhalb des stäbchenfreien Sehzentrums auf die Netzhaut. Eine schwache Kontur kann deutlicher hervortreten, obwohl sie nicht direkt angesehen wird. Gemeint ist ein kleiner Blickversatz, nicht der äußerste Augenwinkel. Der Kopf kann für diese kleinen Wechsel ruhig bleiben; die Augen wandern zwischen benachbarten Punkten um den Gegenstand.

Auch ein außermittig betrachtetes schwaches Bild kann beim langen Festhalten des Blicks in einer gleichmäßigen Fläche verschwinden. Deshalb ruht der Blick nur wenige Sekunden auf einer Stelle; zwei bis drei Sekunden sind ein brauchbarer Anhalt für den Blickwechsel. Anschließend wird etwas oberhalb oder auf der anderen Seite derselben Kontur angesetzt. So bleibt sie im lichtempfindlicheren Gesichtsfeld, ohne immer wieder in die Mitte zurückgezogen zu werden.

Das Gelände in Abschnitten absuchen

Ein schneller Blickschwenk über die gesamte Fläche überspringt leicht kleine Veränderungen. Das Suchmuster besteht aus langsamen, geordneten Blickwechseln mit kurzen Halten. Zunächst werden deutlich hervortretende Konturen erfasst. Anschließend folgen zusammenhängende Teilbereiche von links nach rechts oder umgekehrt, mit einer kleinen Überlappung zum vorherigen Bereich. Bei einem schwachen Hinweis wird das außermittige Sehen eingesetzt und danach an der unterbrochenen Stelle weitergesucht.

Nahe Bodenfläche, mittlerer Bereich und entfernter Hintergrund werden getrennt betrachtet. Dadurch wird beispielsweise eine Öffnung im Bewuchs nicht nur vor dem helleren Himmel gesehen, während der dunkle Boden darunter unbeachtet bleibt. Ein Geländeabschnitt mit dichter Vegetation braucht kleinere Suchbereiche als ein offener Hang. Der Blick erfasst dabei auch die Ränder von Hindernissen, an denen zuvor verdeckte Bewegung sichtbar werden kann. Größere Richtungswechsel erfolgen aus dem vorhandenen Sichtschutz; für das Prüfen einer einzelnen Kontur genügen die kleinen Augenbewegungen.

Konturen, Bewegung und fehlende Einzelheiten

Bei sehr wenig Licht tragen Umriss, Größe im Gesichtsfeld und Lage zum Hintergrund mehr Information als Farbe. Ein dunkler Gegenstand kann sich vor einer helleren Lücke deutlich abzeichnen und vor dem nächsten Baumstamm wieder verschwinden. Deshalb wird seine Lage gegenüber mehreren festen Geländemerkmalen verfolgt. Wechselt die Kontur von einer Öffnung zur nächsten, lässt sich tatsächliche Bewegung eher erkennen als beim isolierten Starren auf den dunkelsten Fleck.

Die geringe Detailauflösung begrenzt die Deutung. Eine bewegte Form kann bereits Anlass sein, den geplanten Abschnitt zurückzustellen, obwohl Kleidung oder Ausrüstung noch nicht erkennbar sind. Für eine genauere Einordnung werden wiederholte Bewegungsabläufe, die zusammenhängende Kontur und ihre Beziehung zum Boden betrachtet. Bleibt die Form teilweise hinter Bewuchs, wird auch der nächste sichtbare Zwischenraum beobachtet, statt ihr durch eigenes Vorbewegen näherzukommen.

Scheinbewegung eines einzelnen Lichtpunkts

Ein einzelner ruhender Lichtpunkt kann im Dunkeln zu wandern scheinen, wenn er längere Zeit angestarrt wird. Diese Autokinese ist besonders irreführend, wenn in seiner Nähe kaum andere Konturen sichtbar sind.

Zur Prüfung wird der starre Blick gelöst und die Umgebung erneut abgesucht. Danach wird die Lage des Lichts mit sichtbaren festen Merkmalen verglichen, etwa einer Baumkante oder einem Gebäuderand. Eine seitliche Verlagerung zeigt sich gegenüber diesen Bezugspunkten. Ein Licht, das sich annähernd auf die beobachtende Person zubewegt, kann dagegen in derselben Blickrichtung bleiben. Fehlen feste Bezugspunkte, bleibt die Bewegungsrichtung des isolierten Lichts ungeklärt; es wird nicht allein wegen seines scheinbaren Wanderns als marschierende Person oder fahrendes Fahrzeug eingeordnet.

Blendung begrenzen und Naharbeit trennen

Helle Lampen, Scheinwerfer oder ein ungedimmtes Display können schwache Geländekonturen nach dem Wegblicken vorübergehend verschwinden lassen. Der Blick wird von der Lichtquelle abgewandt; eine vorhandene Barriere kann die direkte Blendung abschirmen. Nach der Belichtung wird aus dem Halt erneut geprüft, welche Konturen und Bodenmerkmale tatsächlich noch sichtbar sind. Die zuvor beurteilte Strecke kann für die eigene Bewegung jetzt schlechter erkennbar sein.

Ist für eine kurze Arbeit eine vorhandene Leuchte nötig, wird ihre Helligkeit so weit vermindert, wie es die Aufgabe zulässt, und die Beleuchtungszeit kurz gehalten. Schwaches Rotlicht erleichtert den Erhalt eines gewissen Anpassungsgrades, verändert aber die Farbwahrnehmung. Farbige Kennzeichnungen an Ausrüstung können damit ununterscheidbar werden. Für eine solche Unterscheidung ist kurz eingesetztes, schwaches Weißlicht zweckmäßiger. Leuchte und beleuchteter Gegenstand bleiben innerhalb des Sichtschutzes, weil auch eine rote Lichtquelle nach außen sichtbar sein kann.

Bei notwendiger Naharbeit im Stillstand kann ein Auge geschlossen beziehungsweise vor dem Licht geschützt bleiben. Nach dem Ausschalten steht mit diesem Auge eher noch ein nutzbares Dunkelbild zur Verfügung. Während nur ein Auge benutzt wird, sind räumliches Sehen und Gesichtsfeld eingeschränkt. Deshalb wird die Arbeit im Halt erledigt; vor dem Weitergehen werden beide Augen geöffnet und der unmittelbar folgende Bodenabschnitt erneut betrachtet.

Aus dem Beobachtungsergebnis die nächste Bewegung ableiten

Am verdeckten Anhaltepunkt werden der nächste Bewegungsabschnitt, seine erreichbaren Sichtbarrieren und mögliche Aktivität in den angrenzenden Bereichen betrachtet. Stämme können vor dem Himmel sichtbar sein, während eine Rinne oder eine Kante im dunklen Vordergrund verschwindet. Die weitere Bewegung wird deshalb an den tatsächlich erkennbaren Boden und den nächsten gedeckten Beobachtungspunkt gebunden.

Wolken, Nebel und der Wechsel von offenem Gelände in dichten Bewuchs können den Kontrast während der Bewegung stark vermindern. Fehlt der zuvor sichtbare Anschluss, wird aus dem Sichtschutz erneut gesucht. Reicht der Einblick nur noch für eine kürzere Teilstrecke bis zu einem erreichbaren Sichtschutz, wird die Bewegung auf diesen einsehbaren Abschnitt begrenzt. Ein anderer abgeschirmter Blickpunkt oder das Abwarten besserer Lichtverhältnisse kann helfen, den bislang unklaren Bodenabschnitt zu erkennen.