
Ein Gefangener kann kurze Meldungen durch die Dauer seiner Lidschlüsse übertragen: kurz für einen Morsepunkt, länger für einen Strich. Offene Augen bilden die Pausen. So lässt sich ein sichtbarer Mitgefangener erreichen, obwohl Stimme, Hände oder Schreibmaterial nicht frei verfügbar sind. Zur vollständigen Nachricht gehören außer den Buchstaben auch erkennbare Grenzen, ein Wechsel zwischen Senden und Empfangen und eine Möglichkeit, fehlende oder falsch gelesene Teile zu wiederholen.
Empfänger, Inhalt und gemeinsamer Zeichenvorrat
Direkter Austausch verlangt einen tatsächlichen Blick auf die Lider. Der Empfänger muss erkennen können, wann die Augen schließen und wieder öffnen; ein sichtbares Gesicht allein reicht bei verdeckten oder stark verschatteten Augen nicht. Beide brauchen die Morsefolgen und eine gemeinsame Sprache. Die Augenbewegung trägt die Zeichen, die Sprache gibt ihnen den Inhalt.
Vorbereitet wird eine kurze, konkrete Mitteilung, etwa die Anzahl erkrankter Mitgefangener oder eine notwendige Information über den eigenen Zustand. Der Text wird zuerst als vollständige Aussage festgelegt und dann in Wörter und Zeichen zerlegt. Ein nur intern bekanntes Kürzel spart zwar Bewegungen, kann für einen anderen Gefangenen aber eine unbekannte Buchstabenfolge bleiben. Für einen nicht eingeweihten Empfänger wird deshalb ein kurzes verständliches Wort gewählt.
Bei bekanntem Gegenüber werden außerdem Beginn, Nachrichtenende, Antwort und Wiederholungsbedarf vereinbart. Eine vorhandene Kopf- oder Körperbewegung kann als Rückmeldung dienen, wenn beide ihre Bedeutung kennen. Ein Nicken hat dabei die abgesprochene Bedeutung; aus irgendeiner sichtbaren Bewegung wird nicht automatisch eine Empfangsbestätigung.
Signalzustand und Zeitverhältnis
In der hier beschriebenen Ausführung ist der geschlossene Zustand die Marke. Ein kurzer Lidschluss mit anschließendem Öffnen ergibt einen Punkt. Der Strich hält die Augen ungefähr dreimal so lange geschlossen. Der Empfänger liest die geordnete Folge dieser kurzen und langen Marken. Seitliche Blickrichtungen werden für dieses Verfahren nicht als zusätzliche Buchstaben verwendet.
| Teil | Augen | Dauer |
|---|---|---|
| Punkt | geschlossen | 1 Einheit |
| Strich | geschlossen | 3 Einheiten |
| Im Zeichen | offen | 1 Einheit |
| Zeichenpause | offen | 3 Einheiten |
| Wortpause | offen | 7 Einheiten |
Diese Werte beschreiben Verhältnisse. Das Tempo wird so gewählt, dass Schließen, Halten und Wiederöffnen sichtbar auseinanderfallen. Zwei schnelle Lidschlüsse mit kaum erkennbarem Öffnen dazwischen können wie eine einzige längere Marke wirken. Innerhalb einer kurzen Nachricht bleibt die Grunddauer möglichst gleich, damit ein späterer Punkt nicht wie ein früherer Strich gelesen wird.
Die Zeichenpause dauert insgesamt drei Einheiten, die Wortpause insgesamt sieben. Nach der letzten Marke wird also die entsprechende offene Pause gehalten; eine zusätzliche kurze Pause wird nicht davor angehängt. Drei kurze Marken mit kurzen Zwischenpausen bilden S, ···. Mit jeweils einer Zeichenpause dazwischen ergeben dieselben Bewegungen drei E, · · ·. Die Trennung verändert den Inhalt.
Alphabet und Ziffern für eigene Meldungen
Die folgende Tabelle enthält die vollständigen Folgen für A–Z und 0–9. Jeder Tabellenwert ist ein einzelnes Zeichen: Die Marken werden in der angegebenen Reihenfolge übertragen, erst danach folgt die Zeichenpause. H, ····, und Y, −·−−, haben beispielsweise beide vier Marken. Ihre Dauerfolge unterscheidet sie.
| Buchstabe | Morse | Buchstabe | Morse |
|---|---|---|---|
| A | ·− | N | −· |
| B | −··· | O | −−− |
| C | −·−· | P | ·−−· |
| D | −·· | Q | −−·− |
| E | · | R | ·−· |
| F | ··−· | S | ··· |
| G | −−· | T | − |
| H | ···· | U | ··− |
| I | ·· | V | ···− |
| J | ·−−− | W | ·−− |
| K | −·− | X | −··− |
| L | ·−·· | Y | −·−− |
| M | −− | Z | −−·· |
| Ziffer | Morse | Ziffer | Morse |
|---|---|---|---|
| 0 | −−−−− | 5 | ····· |
| 1 | ·−−−− | 6 | −···· |
| 2 | ··−−− | 7 | −−··· |
| 3 | ···−− | 8 | −−−·· |
| 4 | ····− | 9 | −−−−· |
Ein eigener Nachrichtentext wird Zeichen für Zeichen in diese Folgen umgesetzt. Für deutsche Wörter können die Beteiligten etwa AE, OE, UE und SS als Schreibweise vereinbaren. Dann entstehen aus Ä zwei gesonderte Buchstaben A und E mit einer Zeichenpause dazwischen. Diese Schreibweise gehört zur gemeinsamen Abrede des Textes.
Beginn, Nachrichtenende und Antwort unterscheiden
Eine Wortpause lässt erkennen, dass ein Wort beendet ist. Für den Empfänger kann danach aber noch ein weiteres Wort folgen. Deshalb braucht ein direkter Dialog zusätzlich ein erkennbares Nachrichtenende und einen festgelegten Wechsel zur Antwort. Die folgenden Morse-Steuerzeichen lassen sich dafür in einer gemeinsamen Abrede verwenden. Die hier gewählte Austauschfolge beschreibt eine konkrete Anwendung über Lidschlüsse.
| Morsegruppe | Vereinbarte Funktion |
|---|---|
−·−·− | Beginn einer Übertragung |
·−·−· | Ende einer einzelnen Nachricht |
−·− | Der andere kann antworten |
···−· | Verstanden |
··−−·· | Nicht verstanden: wiederholen |
········ | Eigener Sendefehler |
···−·− | Austausch beendet |
Jedes Steuerzeichen wird als eine zusammenhängende Gruppe gesendet. Das Anfangszeichen −·−·− bekommt nur die kurzen Pausen zwischen seinen fünf Marken. Werden stattdessen K und A mit einer Zeichenpause getrennt gesendet, sind es zwei gewöhnliche Buchstaben. Ebenso bilden ·−·−· als Nachrichtenende und −·− als Antwortfreigabe zwei getrennte Steuerzeichen mit einer Zeichenpause dazwischen.
Der Sender beginnt bei tatsächlich vorhandenem Sichtkontakt mit dem vereinbarten Anfangszeichen. Danach folgt der vorbereitete Text: Marken innerhalb eines Zeichens, Zeichenpausen innerhalb eines Wortes und Wortpausen zwischen den Wörtern. Er schließt mit dem Nachrichtenende und der Antwortfreigabe. Anschließend hält er die Augen offen, um die Rückmeldung zu lesen. Beide Personen gleichzeitig mit geschlossenen Augen würden die Antwort gegenseitig verpassen.
Der Empfänger liest zunächst die Folge kurzer und langer Lidschlüsse bis zur Zeichenpause, bestimmt daraus den Buchstaben oder die Ziffer und fügt die Zeichen bis zur Wortpause zusammen. Er wartet auch nach dem Nachrichtenende auf die vollständig gelesene Antwortfreigabe. Für eine Rückübertragung verwendet er dieselbe vollständige Folge: Anfangszeichen, gelesener Text, Nachrichtenende und Antwortfreigabe. Der ursprüngliche Sender übernimmt erst nach dieser zurückgegebenen Freigabe wieder das Senden.
Eine selbst gewählte Nachricht: 3 KRANKE
Die Beispielmeldung benennt eine Anzahl und einen Zustand. Die Zahl 3 ist ein Wort, KRANKE das zweite. Die Zeichenfolgen lauten:
| Zeichen | Morsegruppe |
|---|---|
| 3 | ···−− |
| K | −·− |
| R | ·−· |
| A | ·− |
| N | −· |
| K | −·− |
| E | · |
Für die 3 folgen drei kurze und zwei lange Lidschlüsse, jeweils mit einer kurzen offenen Pause dazwischen. Danach bleiben die Augen sieben Einheiten offen. K beginnt das nächste Wort mit lang–kurz–lang. Zwischen K, R, A, N, K und E liegen jeweils drei offene Einheiten. Innerhalb jedes dieser Buchstaben bleiben es die kurzen Pausen von einer Einheit. Nach E folgen das vereinbarte Nachrichtenende und die Antwortfreigabe; der Sender öffnet die Augen für die Rückmeldung.
Der Empfänger kann nun 3 KRANKE mit denselben Zeichen zurücksenden. Auch diese Rückmeldung beginnt mit dem Anfangszeichen und endet mit Nachrichtenende und Antwortfreigabe. Der ursprüngliche Sender liest währenddessen bis zu dieser Freigabe, statt gleichzeitig zu blinzeln. Stimmen die zurückgelesene Zahl und das Wort mit seinem Text überein, sendet er das vereinbarte „verstanden“ und anschließend das Abschlusszeichen für den beendeten Austausch.
Sichtunterbrechungen und falsch gelesene Zeichen
Eine Abwendung des Gesichts, ein Hindernis oder Schatten über den Augen kann einen Teil der Folge verdecken. Fehlt mitten im Zeichen die Sicht, ist möglicherweise gerade der Wechsel zwischen geschlossen und offen verloren. Der Empfänger kann dann weder die Dauer der Marke noch die Zahl der inzwischen erfolgten Lidschlüsse vollständig bestimmen. Die zuvor gelesenen Zeichen bleiben erhalten; der verdeckte Abschnitt wird als fehlender Teil behandelt.
Auch mit durchgehendem Blick können falsch getrennte Marken einen gültigen anderen Buchstaben ergeben. T ist ein langer Lidschluss, −. Kommt vor der Zeichenpause ein kurzer hinzu, entsteht N, −·. Ein gewöhnliches zusätzliches Blinzeln kann deshalb in die Nachricht geraten. Die Unterscheidung verlangt sowohl den Beginn der beabsichtigten Folge als auch ihren gleichmäßigen Rhythmus und die richtige Abschlusslücke.
Bei Zahlen kann bereits eine falsch gelesene Dauer den Inhalt entscheidend ändern. Wird in ···−− die dritte kurze Marke als lang gelesen, entsteht ··−−−: statt 3 die Ziffer 2. Die Rückmeldung „verstanden“ würde diesen Fehler nicht zeigen, weil der Empfänger tatsächlich eine vollständige Zahl gelesen hat. Sendet er 2 KRANKE zurück, erkennt der ursprüngliche Sender die Abweichung sofort am Inhalt.
Wiederholen und korrigieren
Bei fehlendem oder unklarem Empfang fordert die vereinbarte Wiederholungsfrage ··−−·· eine neue Übertragung an. In dieser Austauschfolge wird danach die Antwortfreigabe −·− gesendet: Die kurze negative Rückmeldung ist beendet, und der ursprüngliche Sender kann erneut übernehmen. Bei einer dafür vereinbarten Körperreaktion muss ebenso ihr Ende erkennbar sein. Während dieser Rückmeldung bleiben die Augen des ursprünglichen Senders offen.
Wird im Beispiel 2 KRANKE zurückgelesen, wartet der ursprüngliche Sender bis zur Rückgabe durch die Antwortfreigabe und verwirft den abweichenden Inhalt. Er beginnt mit dem vereinbarten Anfangszeichen und sendet 3 KRANKE vollständig erneut, gefolgt von Nachrichtenende und Antwortfreigabe. Die neue Zahl gehört damit zur neu begonnenen vollständigen Meldung. Ein unvermittelt angehängtes KE könnte dagegen der Rest eines alten Wortes oder Teil einer neuen Folge sein. Der Empfänger liest nun die korrigierte Nachricht zurück und gibt das Senden erneut frei. Erst wenn der ursprüngliche Sender tatsächlich 3 KRANKE gelesen hat, bestätigt er den übereinstimmenden Inhalt mit „verstanden“ und beendet den Austausch.
Bemerkt der Sender selbst eine falsche Marke, hält er zunächst die offene Zeichenpause von drei Einheiten, damit die bisherige Gruppe endet. Im vereinbarten Ablauf folgen acht kurze Marken als Fehlerzeichen, wieder eine Zeichenpause und das neue Anfangszeichen. Danach wird die abgebrochene kurze Nachricht vollständig neu gesendet. Der Empfänger verwirft die angefangene Fassung und liest ab dem neuen Anfang. Acht gewöhnliche unregelmäßige Blinkbewegungen erfüllen diese Funktion nicht: Auch das Fehlerzeichen braucht seine erkennbare zusammenhängende Folge.
Bleibt die Antwort aus, beobachtet der Sender zunächst weiter, ob das Gegenüber noch Sicht und eine Gelegenheit zur Rückmeldung hat. Ein abgewandtes Gesicht oder eine unterbrochene Begegnung erklärt die fehlende Antwort anders als eine ausdrücklich gelesene Wiederholungsfrage. Erst ein tatsächlich empfangenes Antwortzeichen liefert die vereinbarte Information über den Empfang.
Eine Kamera ist ein einseitiger Kanal
Der amerikanische Marineflieger Jeremiah Denton blinkte während eines erzwungenen Fernsehinterviews in nordvietnamesischer Gefangenschaft TORTURE. Während er sprach, wiederholte er das Wort mit den Augen. Die Aufnahme wurde später von der amerikanischen Marineaufklärung ausgewertet. Die mit den Augen übermittelte Nachricht über Misshandlung konnte dadurch unabhängig vom gesprochenen Interview gelesen werden.
Vor einer Kamera bleibt die spätere Auswertung für den Sender unsichtbar. Er kann keine Antwortfreigabe an einen späteren Zuschauer mit einer tatsächlichen Antwort verknüpfen. Die vollständige Wiederholung eines kurzen Wortes bietet dagegen mehrere sichtbare Vorkommen desselben Inhalts. Wird eine Folge durch eine Bewegung verdeckt oder bei der Bearbeitung gekürzt, kann eine andere noch vollständig erhalten sein. Ein Zuschauer bestimmt die Zeichen aus den vorhandenen Schließ- und Öffnungsfolgen; eine verlorene Bildfolge lässt sich durch bloße Kenntnis des Alphabets nicht nachträglich ergänzen.
Wann ein gezählter Kanal besser passt
Sind gleichartige Bewegungen zählbar, ihre kurze und lange Dauer aber nicht unterscheidbar, passt ein anderes Codeprinzip besser. Der Klopfcode mit fünf mal fünf Feldern überträgt eine gezählte Zeilen- und eine gezählte Spaltengruppe. Er kann ebenfalls durch sichtbare Bewegungen getragen werden. Dafür müssen beide seine Matrix und die Trennung der beiden Gruppen kennen. Eine Morsefolge lässt sich nicht allein durch das Zählen ihrer Marken in diesen Code umwandeln.
Die Lidschlüsse bleiben auch für einen Bewacher sichtbare Bewegungen. Kennt er Morse und erkennt die Gliederung, kann er die gleichen Buchstaben und Zahlen lesen. Lange regelmäßige Folgen vergrößern zudem den Zeitraum, in dem diese Struktur beobachtet werden kann. Die Auswahl einer kurzen notwendigen Meldung begrenzt diesen sichtbaren Austausch; der öffentliche Zeichencode verschlüsselt ihren Inhalt nicht.