Wiki · Begriffserklärung

CAC · Conduct After Capture

CAC steht für Conduct After Capture, das Verhalten nach Gefangennahme. Der Begriff umfasst den Erhalt der eigenen körperlichen und geistigen Handlungsfähigkeit, den Schutz relevanter Informationen, Widerstand gegen Ausnutzung und Verantwortung gegenüber Mitgefangenen. Dazu gehört, die eigene Gefangenschaftslage zu beurteilen und mögliche Wege aus ihr zu berücksichtigen. Kriegsgefangenschaft, staatliche Festhaltung außerhalb eines Krieges und Geisellagen stellen dabei unterschiedliche Anforderungen an Auskünfte, Zusammenarbeit, Fluchtentscheidungen und das Verhalten bei einer Freilassung oder Befreiung.

Die Gefangenschaftslage erkennen

Wer festhält, welchen rechtlichen Status die gefangene Person besitzt und was die Festhalter erreichen wollen, sind drei verschiedene Fragen. Ein Soldat kann auch in der Gewalt staatlicher Polizei Kriegsgefangener sein, wenn die Voraussetzungen aus Konflikt und Personengruppe erfüllt sind. Umgekehrt macht eine Uniform einen Festgehaltenen außerhalb eines entsprechenden bewaffneten Konflikts nicht zum Kriegsgefangenen. Bei einer Geiselnahme wird die Sicherheit oder Freilassung der Person als Druckmittel gegen Dritte eingesetzt. Auch ein staatlicher Akteur kann diesen Mechanismus nutzen. Die Bezeichnung des Festhalters allein bestimmt deshalb weder die Auskunftspflichten noch eine sinnvolle Fluchtentscheidung.

LageKonkrete VerhaltensfrageFolge für die eigene Entscheidung
KriegsgefangenschaftWelche Angaben sind geschuldet, welche Informationen würden eigene Kräfte oder Mitgefangene gefährden?Identität angeben, militärische Informationen schützen; nationale Dienstpflichten, Gefangenengruppe und besondere Regeln für Fluchtversuche berücksichtigen.
Staatliche Festhaltung außerhalb eines KriegesWas würde die Festhaltung zusätzlich verschärfen oder weitere Strafvorwürfe ermöglichen?Keine zusätzlichen aggressiven oder rechtswidrigen Handlungen; nationale Vorgaben zu Auskünften und Dokumenten beachten. Eine militärische Fluchtpflicht aus Kriegsgefangenschaft lässt sich hier nicht voraussetzen.
GeisellageWelche Forderung an Dritte soll mit der eigenen Person durchgesetzt werden?Überleben und Informationsschutz verbinden, zusätzliche Eskalation vermeiden und Lebenszeichen von erzwungenen Forderungen oder Propaganda unterscheiden.

Kriegsgefangenschaft: Auskünfte, Gruppe und Flucht

Kriegsgefangene müssen bei Befragung Namen und Vornamen, Dienstgrad, Geburtsdatum und militärische Kennnummer oder gleichwertige Angaben nennen. Operationspläne, Fähigkeiten der eigenen Kräfte und Kenntnisse über andere Gefangene gehören nicht zu diesen Pflichtangaben. Ein Anliegen zu Wasser, Verletzungen, Unterkunft oder dem Wohlergehen der Gruppe ist etwas anderes als die Preisgabe militärischer Informationen. Auch die Mitteilung der Gefangennahme an Angehörige hat einen anderen Zweck als ein Propagandagespräch.

Für Angehörige der US-Streitkräfte verbindet der Code of Conduct den Informationsschutz mit fortbestehender militärischer Verantwortung. Der ranghöchste militärische Gefangene übernimmt die Führung; kann er nicht führen, übernimmt der nächste in der militärischen Rangfolge. Mitgefangene dürfen nicht durch Aussagen oder Handlungen geschädigt werden. Sondervorteile auf Kosten anderer widersprechen diesem Rahmen. Führung dient auch dazu, Versorgung, Hygiene und die Unterstützung Kranker oder Verwundeter zu organisieren. Die militärische Führung ist von der kriegsgefangenenrechtlichen Interessenvertretung zu unterscheiden: In Lagern ohne Offiziere vertreten gewählte Vertrauensleute gegenüber der Gewahrsamsmacht die gemeinsamen Anliegen.

Der US-Code verlangt Bemühungen zur Flucht und Hilfe für andere Fluchtwillige. In gemeinsamer Gefangenschaft gehören die militärische Führung und die Folgen für Zurückbleibende zur Entscheidung. Das Kriegsgefangenenrecht regelt daneben die Sanktionen: Der bloße erfolglose Fluchtversuch darf nur disziplinar geahndet werden. Als gelungen zählt eine Flucht im rechtlichen Sinn beispielsweise mit dem Erreichen eigener oder verbündeter Streitkräfte oder dem Verlassen des gegnerischen Herrschaftsbereichs. Wer danach erneut gefangen genommen wird, darf wegen dieser Flucht nicht bestraft werden. Gewalt gegen Personen kann dagegen strafrechtliche Folgen haben.

Staatliche Festhaltung außerhalb eines Krieges

Bei staatlichem Gewahrsam außerhalb eines Krieges können örtliche Strafgesetze und ein Verfahren über die Freilassung entscheiden. Für US-Militärpersonal in solchen Operationen sieht der Verhaltensrahmen deshalb ruhiges, höfliches Auftreten und die Vermeidung aggressiver, kämpferischer oder rechtswidriger Handlungen vor. Eine Auseinandersetzung mit einem Bewacher kann zusätzliche Vorwürfe erzeugen und die Festhaltung verlängern. Neben den Identitätsangaben sollen die unverfänglichen Umstände der Festhaltung erläutert werden; weitere Gespräche sollen sich auf Wohlergehen, Mitgefangene und Heimkehr beschränken. Das ist eine andere Vorgabe als die begrenzte Pflichtauskunft eines Kriegsgefangenen.

In diesem US-Rahmen sollen Festgehaltene das Unterzeichnen von Dokumenten und das Abgeben von Aussagen vermeiden. Die Festhalter können solche Erklärungen als Geständnisse oder zur politischen Ausnutzung verwenden. Werden Festgehaltene dazu gezwungen, sollen sie die preisgegebene Information möglichst begrenzen. Sie sollen unverzüglich und wiederholt Zugang zu US-Botschaftspersonal oder einem Regierungsvertreter eines verbündeten oder neutralen Staates verlangen.

Auch die Fluchtentscheidung unterscheidet sich hier vom US-Rahmen für Kriegsgefangenschaft. Die US-Vorgaben empfehlen Flucht aus der Haft eines unfreundlichen Staates außerhalb eines Krieges nur bei lebensbedrohlichen Umständen. Ein Fluchtversuch kann als zusätzliche Straftat verfolgt werden. Für die Person bedeutet das, die unmittelbare Lebensgefahr gegen die Folgen eines gescheiterten oder gelungenen Versuchs abzuwägen.

Geisellage: Überleben unter Druck auf Dritte

Geiselnehmer halten eine Person fest und drohen ihr, um beispielsweise eine Regierung, Organisation oder Familie zu einer Handlung oder Unterlassung zu zwingen. Die Geisel besitzt deshalb eine Funktion in einer Auseinandersetzung, die sie selbst kaum steuern kann. Ruhiges, vorhersehbares Verhalten und das Vermeiden plötzlicher Bewegungen oder politischer Streitgespräche verringern zusätzliche Konflikte, die von ihr selbst ausgehen. Soweit die Lage es zulässt, können unverfängliche Gespräche über alltägliche Themen helfen, als einzelne Person wahrgenommen zu werden. Wer ein solches Gespräch führt, muss dennoch sensible Informationen und das Wissen über Mitgefangene schützen.

Ein Foto oder Video kann zeigen, dass eine Geisel noch lebt, und zugleich für Forderungen oder Propaganda benutzt werden. Die zivilen US-Vorgaben für die dort erfassten im Ausland tätigen Beschäftigten des Foreign Service und Civil Service empfehlen die Mitwirkung an einem Lebenszeichen. Militärangehörige unterliegen ihren eigenen Vorgaben zum Informations- und Propagandaschutz. Wird eine Geisel gezwungen, Forderungen weiterzugeben, soll sie soweit möglich erkennbar machen, dass diese von den Festhaltern stammen. Eine Aufnahme zu machen und deren politischen Inhalt als eigene Überzeugung zu vertreten sind verschiedene Vorgänge.

Unauffällige Beobachtung kann Lagewissen erhalten: Fahrtdauer, erkennbare Richtungen, Geräusche und Wechsel des Aufenthaltsortes können später für die Beurteilung eines Auswegs oder die Rekonstruktion der Gefangenschaft wichtig sein. Die Person nutzt dafür nur Wahrnehmungen, die ihr tatsächlich möglich sind. Auffälliges Auskundschaften kann die Aufmerksamkeit der Bewacher auf sie ziehen.

Handlungsfähigkeit mit begrenzten Mitteln

In Gefangenschaft bestimmen die Festhalter wesentlich über Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung, Bewegung und persönliche Ausrüstung. Ein eigener Sanitätsvorrat kann abgenommen worden sein; selbst vorhandene Versorgung hängt davon ab, was die Festhalter leisten können und zulassen. Praktisches Verhalten beginnt daher mit dem tatsächlich verfügbaren Spielraum: angebotene Nahrung und Wasser zum Erhalt der Kräfte nutzen, Hygiene soweit möglich erhalten und gesundheitliche Bedürfnisse sachlich mitteilen.

Lange Untätigkeit und Einzelhaft erschweren die geistige Orientierung. Eine wiederkehrende Folge der möglichen täglichen Tätigkeiten und selbst gewählte Denkaufgaben helfen, den Tag zu ordnen. Die Person kann Erinnerungen bewusst durchgehen, eine Aufgabe im Kopf planen oder Beobachtungen ordnen. Wie viel sie sich vornimmt und körperlich betätigt, muss zu Nahrung, Gesundheit, Platz und erlaubter Bewegung passen. Besteht Kontakt zu Mitgefangenen, lassen sich Aufgaben und Unterstützung abstimmen. Bei Trennung oder fehlendem Kontakt braucht sie eine Routine, die sie allein ausführen kann.

Information über einen Mitgefangenen kann dessen Befragung verschärfen: Tätigkeit, Spezialkenntnisse oder persönliche Beziehungen können den Festhaltern zeigen, bei wem sie weiter ansetzen sollen. Darum umfasst Informationsschutz auch andere Personen. Gemeinsame Absprachen sollen interne Konflikte begrenzen und verhindern, dass jeder für sich widersprüchliche Angaben oder Zusagen macht. Nach einer erzwungenen Aussage bleibt es sinnvoll, weitere Ausnutzung wieder zu begrenzen; eine einzelne unter Druck entstandene Mitwirkung macht weitere Preisgabe nicht unausweichlich.

CAC und Resistance to Interrogation

Resistance to Interrogation, RtoI oder RTI, behandelt vor allem den Widerstand gegen Befragung und den Schutz von Informationen. CAC umfasst außerdem das Leben im Gewahrsam, Verhalten gegenüber Festhaltern, Verantwortung in der Gruppe, Ausnutzung für Propaganda und den möglichen Ausgang der Gefangenschaft. Im australischen CAC-Modell wurde der frühere Schwerpunkt auf Befragungen um Foreign Government Detention, Hostage Survival und Military Exploitation erweitert. In diesen Szenarien sollen die Teilnehmer je nach Lage anders entscheiden: staatliche Festhaltung bewältigen, als Geisel überleben oder militärische Ausnutzung begrenzen. CAC wird dort unter anderem in der Vorbereitung von Lufttransportpersonal verwendet.

In Großbritannien gehört CAC zur praktischen Resistance-Ausbildung; die britische SERE-Level-C-Ausbildung wird durch die Defence SERE Training Organisation durchgeführt. Im NATO-Stufenrahmen werden Resistance-Inhalte bei Level B im Unterricht behandelt und bei Level C umfangreich praktisch in einer kontrollierten, realistischen Umgebung angewendet. Australische CAC-Stufen bezeichnen den Gefangenschaftsanteil und sind keine vollständigen NATO-SERE-Abschlüsse.

Kanada verwendet Conduct after Capture und französisch Conduite après la Capture. Eine kanadische Ausprägung bereitet zunächst auf Gefangenschaftslagen und eigene Stressreaktionen vor, lässt anschließend Verfahren zur Selbststeuerung üben und verbindet sie danach mit kontrollierten Gefangenschaftsszenarien. Dazu gehören kontrollierte Atmung, Muskelentspannung und bewusstes inneres Sprechen: Die Person soll starke Aktivierung regulieren und eine konkrete nächste Aufgabe im Blick behalten. Ausgebildete CAC-Instruktoren übernehmen glaubhafte Rollen der Festhalter. In der deutschen SERE-Ausbildung gehören der Schutz der eigenen Person und relevanter Informationen bei Gefangennahme sowie die Vorbereitung auf die Rückführung zum Gegenstand. Der US-Code bleibt dagegen ein nationaler Verhaltensrahmen für US-Militärangehörige; zivile Beschäftigte erhalten dadurch keine militärischen Dienstpflichten.

Freilassung, Flucht und tatsächliche Befreiung

Gefangenschaft kann durch Freilassung oder Übergabe, eigene Flucht oder eine Befreiungsoperation enden. Bei einem eigenen Ausweg sind unmittelbare Bedrohung, körperliche Fähigkeiten, Umgebung und Folgen für Mitgefangene zusammen zu beurteilen. Nach dem Verlassen des Gewahrsams können erneut Survival und Evasion erforderlich sein: Die Person braucht Schutz und Versorgung und muss weitere Gefangennahme vermeiden.

Bei einer bewaffneten Befreiung müssen die eintreffenden Kräfte zunächst Geiseln und Festhalter unterscheiden. Die Geisel hält sich niedrig, vermeidet plötzliche Bewegungen, lässt Hände und Gesicht erkennbar und folgt den Anweisungen der Kräfte. Eigenmächtiges Mitkämpfen oder das Zulaufen auf Bewaffnete erschwert diese Unterscheidung. Nach erlangter Freiheit gehören medizinische Versorgung, die Rekonstruktion von Gefangenschaft und möglicher Informationspreisgabe sowie weitere Reintegration zur Rückführung.