Fachwissen · Internationale Ausbildung

APROC: Luftgestützte Rückführung im multinationalen Verband

Wie Flugbesatzungen und Bodenkräfte gemeinsam Rückführungsmissionen planen und durchführen: von der Lage und Rollenverteilung bis zu Schutz, Versorgung und Aufnahme.

Rettungskräfte steigen aus einem französischen NH90 und verteilen sich neben dem Hubschrauber
Französische und spanische Rettungskräfte verlassen während APROC in den Niederlanden einen französischen NH90, um im Übungsszenario nach einer isolierten Person zu suchen.

APROC steht für Air Centric Personnel Recovery Operatives Course. In diesem multinationalen Lehrgang des European Personnel Recovery Centre planen und fliegen Luftfahrzeugbesatzungen gemeinsam mit Bodenkräften die Rückführung isolierter Personen. Aufnahmehubschrauber, Begleitflugzeuge, Aufklärungs- und Führungselemente müssen dabei als zusammenhängender Verband handeln. Der praktische Auftrag kann beispielsweise darin bestehen, eine abgeschossene Besatzung in feindlichem Gelände zu finden, ihre Identität zu prüfen, sie zu schützen und mit dem Hubschrauber zurückzuführen.

Wer teilnimmt und welche Aufgaben geübt werden

Der Lehrgang richtet sich an mehrere Gruppen mit unterschiedlichen Aufgaben. Besatzungen mit wenig Erfahrung in Personnel Recovery üben die Planung und Durchführung von Missionen mit mehreren Luftfahrzeugen unterschiedlicher Typen und Nationen. Erfahrene Piloten übernehmen die Rolle des Rescue Mission Commander, RMC: Sie führen die Missionsplanung, stellen den Auftrag dem Verband und der Führung vor und leiten die Durchführung. Die Führer der Extraction Forces beteiligen sich an derselben Planung, damit das Vorgehen am Boden von Beginn an berücksichtigt wird.

Weitere Ausbildungsgelegenheiten betreffen die luftgestützte Koordination und die Führung im Aufnahmebereich. Besatzungen von Frühwarnflugzeugen können Aufgaben als Airborne Mission Coordinator übernehmen; Kräfte der Rescue Escort üben die Rolle des On-scene Commander. Die einzelnen Lehrgangsteile werden deshalb teilweise parallel und nach Funktion getrennt durchgeführt. Dazu gehören vertiefte Anteile für angehende Missionsführer. Präsentationen, Unterlagen und Befehle sind auf Englisch.

Wie der Rückführungsverband zusammenspielt

Die fliegenden und bodengebundenen Teile bilden eine Personnel Recovery Task Force, PRTF. Im APROC steht die Aufnahme durch Hubschrauber im Mittelpunkt. Begleitkräfte können sowohl mit Hubschraubern als auch mit Flächenflugzeugen eingesetzt werden. Die Zusammensetzung richtet sich nach der Übungsmission.

Aufgaben im APROC-Rückführungsverband
ElementBeitrag zur Mission
RMCFührt die Planung und Durchführung der gemeinsamen Rückführungsmission.
Recovery VehicleNimmt das isolierte Personal auf. Im APROC erfüllen vor allem Aufnahmehubschrauber diese Aufgabe.
Extraction ForceStellt am Boden Kontakt her, prüft die Identität, schützt und versorgt Betroffene und bringt sie zur Aufnahme.
Rescue EscortBegleitet und schützt die Rückführungskräfte. Aus diesem Element kann auch der On-scene Commander gestellt werden.
Koordina­tions- und Aufklärungs­elementeUnterstützen Lagebild und Verbindung. Ein fliegendes Relais kann isoliertes Personal, Hubschrauber und Operationszentrum miteinander verbinden.

Die Extraction Force verbindet den luftgestützten Teil der Mission mit dem Geschehen am Boden. Ihre Führer müssen mit den Besatzungen abstimmen, wie die Gruppe eingesetzt wird und wie sie die isolierten Personen zur Aufnahme bringt. Ein Aufklärungsflugzeug kann zugleich als Funkrelais die Verbindung zwischen Boden, Hubschraubern und Operationszentrum unterstützen.

Von der Lage zur gemeinsamen Missionsplanung

Zu Beginn stehen das Personnel-Recovery-Konzept und die rollenbezogene Vorbereitung auf die Übungsmissionen. Anschließend planen Besatzungen und Bodenkräfte gemeinsam. Ihr Plan muss den Weg in den Zielraum, den Schutz der eingesetzten Kräfte, die Aufnahme und die Rückkehr verbinden. Eine brauchbare Lösung hängt deshalb auch davon ab, was die Extraction Force nach dem Absetzen am Boden leisten muss und wie die Betroffenen den Aufnahmehubschrauber erreichen.

Der im APROC verwendete Rahmen 4T umfasst Task, Target, Threats und Tactics: Auftrag, Ziel, Bedrohungen und taktisches Vorgehen. Der RMC führt die Beiträge der beteiligten Kräfte zu einem gemeinsamen Missionsplan zusammen und erläutert die geplante Mission im Briefing. Verändert sich die Lage während der Durchführung, müssen die beteiligten Teile ihr Handeln erneut aufeinander abstimmen.

Mission Mentors and Monitors, kurz MIMO, begleiten den Planungsprozess. Sie unterstützen die verschiedenen Funktionen und achten darauf, dass Sicherheitsaspekte in die Vorbereitung eingehen. Ergänzend können spezialisierte Stabselemente mitwirken: Eine Joint Operational Planning Group wurde als gemeinsame Planungszelle eingebunden; ein Legal Advisor beriet in einem weiteren Durchgang die Kräfte bei Planung und Durchführung in rechtlichen Fragen.

Was die Extraction Forces praktisch trainieren

Die Bodenkräfte erhalten eigene theoretische und praktische Ausbildungsanteile. Dazu gehören das Zusammenwirken mit den Luftfahrzeugen, das Absetzen im Einsatzraum, der Kontakt zu isolierten Personen und deren Aufnahme. Zu den geübten Einbringungsverfahren kann Fast Rope gehören, das Abgleiten an einem Seil aus dem Hubschrauber.

Im Aufnahmebereich müssen die Kräfte klären, wen sie vor sich haben. Das Übungsgeschehen kann neben den gesuchten Personen weitere Menschen einschließen. Bei der Authentifizierung prüfen die Kräfte, ob es sich um die gesuchten Personen handelt. In deutschen Ausbildungsbeispielen werden bekannte Erkennungsmerkmale abgeglichen und unbekannte Personen getrennt behandelt. Zugleich sichert die Gruppe die Betroffenen und bereitet ihre Bewegung zum Luftfahrzeug vor.

Verletzte verändern diesen Ablauf. Mit dargestellten Verwundungen üben die Kräfte, den Zustand der Betroffenen zu beurteilen, Erstversorgung beziehungsweise Stabilisierung zu leisten und sie zum Hubschrauber zu bringen. Medizinisches Ausbildungspersonal und realistische Verletzungsdarstellung unterstützen diese Szenarien. Neben dem Auffinden und Erkennen der richtigen Person muss der Verband also auch die Versorgung und den Transport eines Menschen bewältigen, der sich möglicherweise nicht selbstständig zur Aufnahme bewegen kann.

Wie eine praktische Rückführungsmission abläuft

Ein typisches Szenario ist eine abgeschossene Besatzung in feindlichem Gelände. Nach der gemeinsamen Vorbereitung fliegt der Verband in den Übungsraum. Dargestellte Gegenkräfte und simulierte bodengebundene Luftabwehr bilden die Bedrohung ab. Aufklärung, Kommunikation und Schutz unterstützen die Annäherung der Aufnahmehubschrauber. Ein eingesetztes fliegendes Relais kann den Kontakt zwischen den isolierten Personen, den Hubschraubern und dem Operationszentrum aufrechterhalten.

Am Boden steigt die Extraction Force aus, sichert den Aufnahmebereich und nimmt die Personen in Empfang. Die Kräfte führen die erforderliche Identitätsprüfung und Versorgung durch und bringen die Betroffenen an den Hubschrauber. Nach dem Einschiffen schützt die Eskorte die weitere Rückführung. Bedrohung, Verletzungen und eingesetzte Mittel beeinflussen die Reihenfolge der einzelnen Handlungen.

Die Missionen werden schrittweise komplexer. Die fiktive Ausgangslage kann sich von einem Flugtag zum nächsten ändern. Neben speziell vorbereiteten militärischen Personen kommen auch anderes militärisches Personal und Zivilpersonen als Rückzuführende vor. Der allgemeine APROC-Lehrgangsaufbau sieht Tagmissionen vor. Nach den Flügen werden Planung und tatsächlicher Verlauf besprochen, damit etwa Probleme bei Verbindung, Abstimmung oder Aufnahme in die nächste Mission einfließen.

Internationale Zusammenarbeit in der Praxis

Die multinationale Zusammensetzung bringt unterschiedliche Luftfahrzeuge und militärische Spezialisierungen zusammen. Deutsche Beiträge zeigen etwa das Zusammenwirken von CH-53-Besatzungen mit Kampfrettern, spezialisierten Heereskräften und eigens vorbereiteten Panzergrenadieren als Extraction Forces. Italienische Beiträge verbinden Flugbesatzungen mit SERE-Ausbildern, Spezialisten für die Luft-Boden-Koordination und technischer Unterstützung. Spanien stellt mit dem Ausbildungsraum um Albacete einen Rahmen für die gemeinsamen Flug- und Bodenmissionen bereit.

Der fachliche Kern dieser Zusammenarbeit liegt in den Übergaben zwischen den Kräften: Eine Besatzung muss mit einer Bodenkomponente planen können, die möglicherweise aus einem anderen nationalen System kommt. Eskorte, Aufnahmehubschrauber und Verbindungselemente benötigen ein gemeinsames Verständnis von Auftrag und Zuständigkeiten. Englische Unterlagen und gemeinsam geübte Verfahren ermöglichen diese Zusammenarbeit, ohne dass die beteiligten Streitkräfte dieselben Luftfahrzeuge oder dieselbe nationale Organisationsstruktur besitzen müssen.

APROC, SERE und die Rückkehr nach der Aufnahme

SERE bereitet die gefährdete Person auf Überleben, Ausweichen, Gefangenschaft und das Mitwirken an ihrer Rückführung vor. APROC trainiert vor allem die Kräfte, die eine luftgestützte Rückführungsmission planen und ausführen. Die Verbindung entsteht beim Kontakt: Das Verhalten der isolierten Person, die Authentifizierung, die Arbeit der Extraction Force und die Aufnahme müssen zusammenpassen.

Im Umfeld von APROC können gesonderte Reintegration- und Debriefing-Anteile für SERE-Ausbilder, Psychologen, Führungspersonal und nachrichtendienstliches Personal stattfinden. Sie betreffen die Betreuung und Befragung nach der Rückführung und sind von der fliegerischen Missionsausbildung zu unterscheiden.