Fachwissen · SERE

SERE

Survival, Evasion, Resistance und Escape beziehungsweise Extraction: Überleben, Gefangennahme vermeiden, Ausnutzung widerstehen und zu eigenen Kräften zurückkehren.

Hände drücken die Sendetaste eines CSEL-Survivalfunkgeräts
Ein SERE-Ausbilder betätigt während des S-V-80-A-Lehrgangs die Sendetaste eines CSEL-Funkgeräts.

SERE bereitet militärisches Personal darauf vor, nach der Trennung von eigenen Kräften körperlich handlungsfähig zu bleiben, Gefangennahme zu vermeiden, gegnerischer Ausnutzung in Gefangenschaft zu widerstehen und zu eigenen Kräften zurückzukehren. Die Person muss mit dem arbeiten, was sie nach einem Absturz, einem Überfall oder dem Verlust des Anschlusses tatsächlich bei sich hat. Wenn sie Schutz oder Wasser sucht, sich bewegt oder verbirgt, muss sie dabei ihre verbleibenden Kräfte und die Entdeckungsgefahr berücksichtigen. Auch unbeabsichtigt preisgegebene Informationen können ihre Lage verschlechtern.

Bedeutung der Abkürzung

In den USA steht SERE für Survival, Evasion, Resistance and Escape: Überleben, Gefangennahme vermeiden, Widerstand gegen Ausnutzung und Entkommen. Die NATO und die Bundeswehr verwenden für das letzte E auch Extraction, also Rückführung. Die britische Form lautet Survive, Evade, Resist, Extract. Escape bezeichnet das Entkommen aus Gefangenschaft, Extraction die Rückkehr unter Kontrolle eigener beziehungsweise verbündeter Kräfte. Eine Person kann entkommen sein und trotzdem noch durch feindliches Gebiet ausweichen müssen.

Die vier Bereiche greifen ineinander. Wasser und Witterungsschutz werden auch während Evasion benötigt; Hunger, Verletzung und Kälte wirken in Gefangenschaft weiter. Gefangennahme verändert vor allem den Handlungsspielraum: Über Aufenthaltsort, Bewegung, Versorgung und Kommunikation entscheidet jetzt wesentlich die festhaltende Seite. Nach einer Flucht können erneut Orientierung, Verbergen und Beschaffung nötig werden. Bei einer Aufnahme wiederum muss sich die zuvor verborgene Person gezielt zu erkennen geben, ohne die Rückführungskräfte über Identität oder Lage im Unklaren zu lassen.

Die militärische Isolationslage

Militärische Isolation bedeutet, dass die Verbindung zur eigenen Einheit oder Organisation und deren unmittelbare beziehungsweise verfahrensmäßige Kontrolle verloren gegangen ist. Das betrifft einen versprengten Soldaten ebenso wie eine am Boden befindliche Luftfahrzeugbesatzung; innerhalb einer Operation können auch zivile Mitarbeiter isoliert werden. Nach einem unübersichtlichen Ereignis wissen die übrigen Kräfte möglicherweise noch nicht, wer fehlt. Die isolierte Person muss deshalb ihre unmittelbare Lage beurteilen: Welche Gefahr besteht am jetzigen Ort, was ist über die eigene Position bekannt, wer ist verletzt, und welche Ausrüstung wurde mitgeführt oder konnte erhalten werden?

Eine akute gegnerische Bedrohung kann ein sofortiges Verlassen des Ortes erzwingen. Für eine längere Bewegung braucht es dagegen ein erreichbares Ziel oder zunächst ein sinnvolles Zwischenziel. Verletzung, Gelände, Tageszeit, Wasservorrat und erkennbare gegnerische Aktivität bestimmen, was erreichbar ist. Eine ungefähre Position kann reichen, um sich einer unmittelbaren Gefahr zu entziehen. Vor einem langen Marsch muss die Person ihren Standort genauer bestimmen, damit sie die Richtung und den nächsten Abschnitt zum gewählten Ziel planen kann. Wer danach ohne Ziel weitergeht, verbraucht Vorräte und Kräfte, ohne zu wissen, ob der Weg die Rückkehr näherbringt.

Survival: körperliche Handlungsfähigkeit erhalten

Beim Survival innerhalb von SERE muss die Person beurteilen, wie eine Maßnahme ihr hilft und welchen Gefahren sie sich damit aussetzt. Eine Unterkunft kann vor Wind und Niederschlag schützen, aber schon der Zugang, das Sammeln von Material und wiederholte Bewegungen können auf ihren Standort aufmerksam machen. Für einen kurzen Halt wird deshalb zunächst geprüft, ob vorhandenes Gelände ausreichenden Schutz bietet. Gleichzeitig braucht die Person Einblick auf mögliche Annäherungen und eine Möglichkeit, den Ort wieder zu verlassen. Ein windgeschützter Einschnitt mit nur einem Ausgang kann zum schlechten Ruheplatz werden; ein trockenes Bachbett kann bei Niederschlag Wasser führen.

Bekleidung, Witterungsschutz und Bodenschutz erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Bekleidung hält eine isolierende Luftschicht am Körper; eine Unterkunft begrenzt Wind und Durchnässung; Material unter dem Körper verringert die Wärmeabgabe an den kalten Boden. Wer nur ein Dach baut und anschließend unmittelbar auf nassem oder kaltem Untergrund liegt, verliert durch den Bodenkontakt weiterhin Wärme. Bewegung und Ruhe verlangen außerdem unterschiedliche Anpassungen: Starkes Schwitzen während eines anstrengenden Abschnitts kann die Wärmedämmung während des anschließenden Halts beeinträchtigen. In heißer Umgebung müssen Sonnenbelastung, Arbeitsaufwand und Wasserverlust gemeinsam in die Wahl von Halt und Bewegung eingehen.

Wasserplanung beginnt mit dem vorhandenen Vorrat, einem brauchbaren Behälter und den verfügbaren Aufbereitungsmöglichkeiten. Ein erreichbarer Wasserpunkt ist nur dann für den weiteren Weg nutzbar, wenn die Person dort Wasser gewinnen, gegebenenfalls aufbereiten und mitnehmen kann. Der Abstecher kostet Zeit und Kräfte und kann zu einem beobachteten oder häufig aufgesuchten Ort führen. Vor der nächsten Strecke ist deshalb zu prüfen, ob der mitgeführte Vorrat reicht, vorher Wasser aufgenommen werden muss oder ein anderes Zwischenziel nötig ist. Bei Nahrung wird der mögliche Nutzen gegen Suchaufwand, Aufenthaltsdauer und Entdeckungsgefahr abgewogen. Mitgeführte Rationen ersparen zunächst die Suche nach zusätzlicher Nahrung.

Feuer kann wärmen, Wasser erhitzen oder Nahrung garen. Rauch, Licht, Geruch und das Sammeln von Brennstoff können jedoch die Anwesenheit der Person verraten. Sie muss abwägen, wie dringend sie das Feuer für Wärme, Wasseraufbereitung oder Nahrungszubereitung braucht und welches Entdeckungsrisiko sie am jeweiligen Ort eingeht. Vorhandene Kleidung und ein geeigneter geschützter Halt können den Bedarf an zusätzlicher Wärme verringern.

Verletzung, Durst, Hunger, Angst und Müdigkeit können Entscheidungen erschweren. Typische Folgen sind vergessene Arbeitsschritte, Unentschlossenheit oder sorgloser Umgang mit Ausrüstung. Dann hilft es, sich auf überschaubare Aufgaben zu beschränken und deren Ergebnis zu prüfen: Position abgleichen, den nächsten Abschnitt bestimmen, Vorrat und Ausrüstung kontrollieren, danach handeln. In einer Gruppe lassen sich Beobachtung, Versorgung und Vorbereitung danach verteilen, was die einzelnen Mitglieder noch leisten können. Ein Verletzter verändert Tempo und Routenwahl der Gruppe; ein übermüdeter Beobachter kann einen Halt gefährden, obwohl dessen Lage gut gewählt wurde.

Evasion: Entdeckung und Gefangennahme vermeiden

Evasion richtet Bewegung und Verbergen auf ein Rückkehrziel aus. Das kann ein eigener Bereich, ein vereinbarter Aufnahmeraum oder zunächst ein Geländeabschnitt sein, von dem aus die nächsten Schritte möglich werden. Der vor dem Einsatz erstellte Evasion Plan of Action, kurz EPA, beschreibt solche Absichten für eine mögliche Isolation. Nach dem tatsächlichen Ereignis muss die Person sie gegen ihre Lage prüfen: Ist die vorgesehene Richtung erreichbar, wird der Weg beobachtet, und reichen Beweglichkeit und Vorräte? Eine Straße kann die Entfernung verkürzen und zugleich die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung erhöhen.

Bewegung erfolgt in überschaubaren Abschnitten. Aus einem verdeckten Halt wird die nächste Strecke beobachtet: Menschen, Fahrzeuge, Geräusche, Rauch und Veränderungen im Gelände liefern Hinweise auf Aktivität. Danach wird entschieden, ob der nächste Abschnitt gegangen, ein anderer Weg gewählt oder zunächst gewartet wird. Diese Prüfung wird wiederholt, weil eine frühere Beobachtung nur die damalige Lage erfasst. Ein Fahrzeug, neue Stimmen oder eine erkennbare Suche können aus einem brauchbaren Halt einen Ort machen, der verlassen werden muss.

Die Person reduziert dabei die Hinweise, die sie selbst erzeugt. Lose Ausrüstung kann klappern, glänzende Flächen können auffallen, ein Körper auf einer Geländekante zeichnet sich gegen den Hintergrund ab. Vor der Bewegung werden solche Ausrüstungsprobleme behoben; im Gelände werden vorhandene Sichtdeckung und verdeckte Beobachtung genutzt. Unnötiges Abbrechen von Vegetation, zurückgelassene Gegenstände und wiederholtes Begehen derselben Verbindung können den Aufenthalt oder den zurückgelegten Weg verraten. Der Aufwand für Tarnung muss zur Umgebung und zur notwendigen Bewegung passen: Er darf Sicht, Bedienung der Ausrüstung oder einen zügigen Ortswechsel nicht behindern.

Dunkelheit und schlechtes Wetter können die Sichtbeobachtung erschweren, begrenzen aber auch die eigene Orientierung und das Erkennen von Hindernissen. Die Person wählt Zeitpunkt und Tempo nach der tatsächlich erkennbaren Bedrohung und ihrer eigenen Sehleistung. Ein längerer verdeckter Halt kann Kräfte für den nächsten Abschnitt erhalten; wiederholte Beschaffungsgänge oder Signale können denselben Halt verraten. Wann die Person beobachtet, Vorräte ergänzt, ruht oder weitergeht, hängt deshalb auch davon ab, was sie für die nächste Etappe ihrer Rückkehr braucht.

Resistance: gegnerischer Ausnutzung widerstehen

Resistance bereitet auf den Umgang mit einer festhaltenden Seite vor, die Informationen, Aussagen oder Verhalten für eigene Zwecke nutzen will. Befragung kann auf militärisches Wissen, andere Angehörige der Einheit oder vorbereitete Rückführungsverfahren zielen. Aufgezeichnete oder schriftliche Aussagen können auch als Propaganda eingesetzt werden. Informationsschutz beginnt deshalb schon vor einer Gefangennahme: Mitgeführte Unterlagen, eingezeichnete Wege und Angaben über beabsichtigte Aufnahmeräume können dem Gegner Informationen liefern, die die Person später bei einer Befragung zurückhalten möchte.

Für die Vorbereitung werden Kriegsgefangenschaft, staatliche Festhaltung in anderen Zusammenhängen und Geiselnahme unterschieden. Kriegsgefangenschaft gehört zum Rahmen internationaler bewaffneter Konflikte; zu den geschützten Personengruppen zählen neben Angehörigen der Streitkräfte auch bestimmte berechtigt mitgeführte Zivilpersonen. Staatliche Festhaltung kann außerhalb dieses Rahmens auftreten. Bei Geiselnahme dienen Festhalten und Drohung gegen die Person dazu, von einem Dritten eine Handlung oder Unterlassung zu erzwingen. Für den Gefangenen ist damit entscheidend, welche Informationen militärisch nutzbar sind und wie seine Person oder seine Aussagen Druck auf andere ausüben können. Die Vorbereitung verbindet diesen Kontext mit den eigenen nationalen und statusbezogenen Verhaltensvorgaben.

Der US-amerikanische Code of Conduct gibt US-Militärangehörigen einen konkreten Rahmen für Kriegsgefangenschaft. Bei Befragung umfasst die vorgesehene Identitätsangabe Name, Dienstgrad, Dienstnummer und Geburtsdatum; weitergehenden Fragen soll nach den eigenen Möglichkeiten ausgewichen werden. Mündliche und schriftliche Aussagen sollen weder illoyal gegenüber dem eigenen Land und seinen Verbündeten sein noch deren Sache schaden. Die Verantwortung gegenüber Mitgefangenen umfasst den Schutz vor schädlichen Informationen und Handlungen sowie die Unterstützung rechtmäßiger Führung innerhalb der Gefangenengruppe. Dieser nationale Rahmen wird in US-Ausbildung mit den erwartbaren Gefangenschaftslagen verbunden.

Bei einer Befragung muss die Person unterscheiden, welche verlangte Angabe zur Identität gehört und welche andere Menschen, Operationen oder eine Rückführung offenlegen würde. Sie muss auch berücksichtigen, wie sich ihr Handeln auf Mitgefangene auswirkt. Zugleich braucht sie weiterhin Wasser, Nahrung und Schutz, kann darüber und über ihre Bewegung aber möglicherweise kaum noch selbst bestimmen. In praktischer Resistance-Ausbildung üben Teilnehmer in kontrollierten Gefangenschaftslagen, unter diesen Einschränkungen Informationen zu schützen und Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Escape, Extraction und Personnel Recovery

Escape bezeichnet das Entkommen aus Gefangenschaft. Der US-Code of Conduct fordert Bemühungen um die eigene Flucht und Unterstützung anderer beim Entkommen. Die nachfolgende Lage kann aber weiterhin feindlich sein: Orientierung, Ausrüstung und Vorräte können fehlen, Verletzung und Erschöpfung die Bewegung begrenzen. Nach dem Entkommen müssen deshalb der nächste erreichbare Ort, die eigene Verfassung und die Bedrohung erneut beurteilt werden. Die Rückkehr aus Isolation kann durch eigene Bewegung oder durch tatsächlich verfügbare Rückführungskräfte erfolgen.

Bei Personnel Recovery arbeiten die isolierte Person, Rückführungskräfte sowie Führung und Stäbe zusammen. Die Person bereitet sich mit ihrer Einsatzausrüstung, den geltenden Rückführungsanweisungen und gegebenenfalls persönlichen Vorbereitungsunterlagen darauf vor. Der ISOPREP unterstützt Identifizierung und Authentifizierung; der EPA beschreibt das beabsichtigte Verhalten während Evasion. Diese Unterlagen helfen den Kräften festzustellen, wen sie suchen und welchen Weg die Person voraussichtlich nimmt. Vor dem Einsatz prüft sie die zugehörigen Anweisungen und eigenen Unterlagen und schützt sensible Angaben zu Identitätsprüfung und Rückführung.

Stehen ein geeignetes Kommunikationsmittel und eine erreichbare Gegenstelle zur Verfügung, übermittelt die Person Angaben, mit denen die Rückführungskräfte sie finden und die Aufnahme planen können. Dazu gehören Position und deren Bestimmungsgrundlage, Anzahl der Personen, Zustand und Beweglichkeit, beobachtete Bedrohungen sowie Merkmale eines möglichen Aufnahmeortes. Eine Ortsangabe allein erklärt beispielsweise weder einen verletzungsbedingt notwendigen Zugang noch ein Hindernis am Aufnahmepunkt. Bei bestehender Verbindung meldet die Person auch Änderungen ihrer Lage. Bis zu einer möglichen Aufnahme muss sie weiterhin selbst für Schutz, Versorgung und Verdeckung sorgen.

Signalisierung und Authentifizierung erfüllen verschiedene Funktionen. Ein Signal macht auf die Person aufmerksam oder hilft, ihren genauen Ort zu erkennen; Authentifizierung prüft, ob das Gegenüber wirklich die gesuchte Person ist. Die Prüfung schützt auch Kräfte, die sich bei der Aufnahme besonders exponieren. Signalgeräte werden vorbereitet und gemäß den geltenden Anweisungen oder im tatsächlichen Kontakt mit den Rückführungskräften eingesetzt. Licht oder Rauch kann zugleich anderen Beobachtern den Standort zeigen. Ohne Funk kann ein Sichtsignal einen geeigneten Empfänger vor Ort erreichen, wenn zum gewählten Zeitpunkt Sichtverbindung besteht.

Für die Aufnahme wird lose Ausrüstung verstaut und gegen Verlust gesichert. Die Person hält das benötigte Signal bereit, bleibt bis zur bevorstehenden Aufnahme möglichst verborgen und befolgt die Anweisungen der tatsächlich eingesetzten Kräfte. Bei einem Fahrzeugkontakt gehören eine erkennbare, nicht bedrohliche Haltung, gesicherte Waffen und das Vermeiden plötzlicher Bewegungen dazu. Das Annähern erfolgt auf Anweisung; bei Luftfahrzeugen kommen Rotoren, Propeller und lose Gegenstände als konkrete Gefahren hinzu. Erst wenn die Person tatsächlich wieder unter Kontrolle eigener oder verbündeter Kräfte steht, beginnt die Reintegration mit Versorgung und geordneter Rückkehr.

Wie die Aufgaben in der Ausbildung verbunden werden

Zu Beginn der SERE-Ausbildung lernen Teilnehmer, welche Isolationslagen sie erwarten können und welche Aufgaben sie darin selbst übernehmen müssen. In Programmen mit praktischen Anteilen üben sie anschließend an Stationen den Umgang mit persönlicher Ausrüstung, Schutz und Versorgung, Orientierung, Geländenutzung, Signalisierung und Kommunikation. In einer zusammenhängenden Feldlage wenden sie diese Fähigkeiten dann gleichzeitig oder nacheinander an. Ein neu gewählter Ruhepunkt verändert den Versorgungsweg; eine Verletzung verändert die erreichbare Strecke; eine gegnerische Suche verändert Zeitpunkt und Richtung der Bewegung.

In der Gefangenschaftsvorbereitung kann die Person ihren Aufenthaltsort nicht mehr frei wählen. Unter fremder Kontrolle muss sie ihre körperlichen Bedürfnisse berücksichtigen, Informationen schützen und Verantwortung gegenüber anderen übernehmen. Bei vertiefter praktischer Ausbildung können Feldphase, kontrollierte Gefangenschaft und Aufnahme in einer Übung verbunden sein. Nationale Lehrgangsmodelle setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte. Auch unter Hunger, Müdigkeit und Unsicherheit müssen die Teilnehmer weiterhin beobachten, sich orientieren, Ausrüstung bedienen, die Weitergabe von Informationen begrenzen und den nächsten notwendigen Schritt bestimmen können.

Vor einer konkreten Verwendung kommt die Vorbereitung auf Einsatzgebiet, Ausstattung und gültige Verfahren hinzu. Ein Teilnehmer kann im Lehrgang ein anderes Signalgerät bedient haben, als er im Einsatz erhält; ein Aufnahmeplan kann andere Räume oder Zeiten vorsehen. Deshalb wird vor der Verwendung geprüft, ob die mitgeführten Geräte, die geltenden Kommunikations- und Rückführungsanweisungen und die geplanten Ausweichwege zusammenpassen. Die Person und die Rückführungskräfte müssen auf dieselben Verfahren für Verbindung, Identifizierung und Aufnahme vorbereitet sein.

SERE Level A, B und C

Im NATO-Rahmen richtet sich die Ausbildungsstufe nach dem Risiko von Isolation und Ausnutzung sowie den Folgen einer solchen Ausnutzung. Einheit, Aufgabe, Einsatzprofil, Kenntnisse und Verantwortlichkeit beeinflussen diese Einordnung. Eine Luftfahrzeugbesatzung kann nach einem Abschuss weit von eigenen Kräften entfernt sein; die Kenntnisse einer gefangenen Person können für den Gegner besonders wertvoll sein. Je nach Stufe unterscheiden sich deshalb Umfang und Tiefe der theoretischen und praktischen Vorbereitung.

Ausbildungsstufen im NATO-Rahmen
Stufe und RisikoprofilAusbildungsinhaltAufgabe der Person
Level A · geringes RisikoTheoretische Grundlagen; einfache praktische Survival-Anteile können in kontrollierter Umgebung hinzukommen.Isolationsgefahren, persönliche Ausrüstung, Verhalten bei Gefangennahme und die eigene Rolle bei Rückführung verstehen.
Level B · mittleres RisikoTheorie, grundlegende praktische Survival- und Evasion-Ausbildung sowie Resistance im Unterricht.Schutz und Versorgung praktisch organisieren, im Gelände ausweichen und persönliche Mittel für Kontakt und Aufnahme einsetzen.
Level C · hohes RisikoTheorie und umfangreiche praktische Survival-, Evasion- und Resistance-Ausbildung in einer kontrollierten realistischen Umgebung.Eine zusammenhängende Isolationslage einschließlich Gefangenschaft und Rückführung mit den verfügbaren eigenen Mitteln bewältigen.

Nationale Programme setzen diesen Rahmen unterschiedlich um. Die Bundeswehr beschreibt Level A als theoretische Ausbildung. Der US-Air-Force-Lehrgang Evasion and Conduct After Capture, ECAC, wird als Level B geführt und enthält neben praktischer Evasion auch ein praktisches Geisel-Resistance-Szenario. Für den tatsächlichen Ausbildungsumfang sind deshalb die nationale Ausführung, die Zielgruppe und das betreffende Programm entscheidend; der Buchstabe allein beschreibt das Gefangenschaftstraining noch nicht vollständig.

Nationale Aufgaben und Schwerpunkte

Deutschland

Die deutsche Verwendung von Extraction betont die aktive Mitwirkung an der Rückführung. Bei Level B werden Survival und Durchschlagen mit dem EPA, dem ISOPREP und dem Verhalten bei der Wiederaufnahme verbunden. Die Person muss einen gangbaren Ausweichweg planen und aus der verdeckten Bewegung heraus nach dem vorgesehenen Verfahren Kontakt aufnehmen können. Im praktischen Feldanteil versorgt sie sich mit begrenzter Ausrüstung und erreicht einen Aufnahmeort.

Level C vertieft Überleben und Durchschlagen und behandelt zweckmäßiges Verhalten in Kriegsgefangenschaft. Resistance to Interrogation, RtoI, ist ein zusätzlicher Anteil insbesondere für Spezialkräfte und Luftfahrzeugbesatzungen; bei seiner Einbindung können auf die Durchschlagephase Gefangenschaft und Befragung folgen. Zunächst übt die Person, dem Zugriff zu entgehen, danach unter fremder Kontrolle Informationen zu schützen und sich gegnerischer Ausnutzung zu widersetzen. Welche zusätzlichen Anteile die deutsche Level-C-Ausbildung umfasst, hängt von den vorgesehenen Teilnehmern ab.

USA

US-Ausbildung verbindet SERE mit dem nationalen Code of Conduct und unterschiedlichen Verwendungslagen. Für gefährdete Luftfahrzeugbesatzungen gehören beispielsweise das Verhalten nach Schleudersitzausstieg oder Landung, Wasserüberleben, Rettungsfloß, Signalisierung und Aufnahmegeräte zum Ausbildungsfeld. ECAC bereitet dagegen auf Evasion und Verhalten in Kriegs-, Friedens- und Geisellagen vor: Unterricht und Rollenspiel werden mit einer praktischen Evasion-Lage und einem abschließenden Geisel-Resistance-Anteil verbunden. Die erwartete Form der Gefangenschaft bestimmt mit, auf welche Versuche gegnerischer Ausnutzung sich die Person vorbereitet und wie sie ihre Reaktion darauf übt.

Ein US-Army-Level-C-Programm richtet sich an als hoch gefährdet eingeordnete Militärangehörige sowie geeignete zivile Regierungsmitarbeiter und Auftragnehmer. Eine zusätzliche spezialisierte Vorbereitung gibt es für Personen, die aufgrund ihres Auftrags, ihrer Funktion oder ihrer Einsatzumgebung für den Gegner besonders wertvoll sein können und über reguläre Programme hinausgehende Inhalte brauchen. Die Ausbildung von SERE-Spezialisten beziehungsweise Ausbildern und die PR-Ausbildung von Führung und Stäben haben andere Aufgaben: Sie bereiten darauf vor, SERE zu vermitteln oder eine Rückführung zu planen und zu koordinieren. Im personenbezogenen SERE-Lehrgang steht dagegen das eigene Verhalten während der Isolation im Mittelpunkt.

Großbritannien

Im britischen System liegt die Verantwortung für das operative Isolationsrisiko beim operativen Kommandeur. Level B wird auf Einheitsebene durchgeführt; für Level C ist die Defence SERE Training Organisation zuständig. So werden gefährdete Personen je nach operativem Bedarf entweder innerhalb der Einheit praktisch vorbereitet oder einer zentralen vertieften Ausbildung zugeführt. Die Bezeichnung Survive, Evade, Resist, Extract verbindet das Überleben und Ausweichen mit der Gefangenschaftsvorbereitung und der Rückkehr.

Das britische Ausbildungsfeld umfasst maritime Survival-Ausbildung für Luftfahrzeugbesatzungen, Escape und Evasion, Resistance beziehungsweise Conduct After Capture sowie Ausbildung in Dschungel-, Wüsten- und Kälteumgebungen. Dafür bestehen unterschiedliche Programme. Die für eine Rückführung vorgesehenen Kräfte sind nach ihrem eigentlichen Auftrag ausgerüstet; ihre Eignung für eine konkrete Aufnahme wird anhand der Umgebung und Bedrohung beurteilt. Mit aktuellen Angaben zu Standort, Zustand und Gefahren hilft die isolierte Person festzustellen, welche verfügbaren Kräfte sie unter diesen Bedingungen aufnehmen können.

Frankreich

Frankreich verwendet Alpha, Bravo und Charlie für die drei risikobezogenen Ausbildungsstufen. Fliegendes Personal der Luft- und Weltraumstreitkräfte erhält die höchste Stufe; die gemeinsame Vorbereitung umfasst auch Luftfahrzeugbesatzungen von Marine und Heer. Im französischen Kompetenzmodell umfasst Bravo die eigene Navigation, Signalisierung und Kommunikation sowie die Mitwirkung bei Identifizierung und Authentifizierung. Charlie ergänzt vertiefte praktische Survival-, Evasion-, Resistance- und Rückführungsaufgaben. Dazu gehören der Umgang mit Einsatzausrüstung und Übungen mit einer Gegenkraft.

Im französischen Modell organisieren die Teilstreitkräfte die Ausbildung und sorgen dafür, dass die erworbenen Fähigkeiten erhalten bleiben. Vor einem Einsatz kommt die Vorbereitung auf die im Einsatzgebiet geltenden Verfahren, Geräte und Rückführungsanweisungen hinzu. Dabei wird geprüft, ob die Geräte aus der Ausbildung den eingesetzten Kommunikationsmitteln entsprechen und ob der geplante Ausweichweg zu den möglichen Aufnahmeverfahren passt. Getrennte Kälte-, Wüsten- und äquatoriale Programme behandeln die jeweiligen Umweltbedingungen. Die Gefangenschaftsvorbereitung umfasst staatliche und nichtstaatliche Festhaltung sowie körperliche und psychologische Aspekte des Überlebens unter fremder Kontrolle.

Verhältnis zu Combat Survival

Combat Survival behandelt das Überleben unter militärischer Bedrohung. Die Person muss Schutz, Versorgung und Bewegung so organisieren, dass sie körperlich handlungsfähig bleibt und die Gefahr einer Gefangennahme berücksichtigt. Wer Wasser beschafft, muss dafür möglicherweise einen verborgenen Ort verlassen. Ein Feuer gegen die Kälte kann den Aufenthalt verraten; ein einfacherer Weg kann näher an gegnerischen Kräften vorbeiführen. Die Person muss daher bei jeder Maßnahme beurteilen, wie diese ihre weitere Evasion und Rückkehr beeinflusst.

SERE umfasst die risikobezogene Ausbildung vor einer möglichen Isolation und die dafür benötigten Fähigkeiten: Survival und Evasion, Verhalten bei Gefangennahme, Entkommen beziehungsweise Extraction sowie die Zusammenarbeit im Rahmen von Personnel Recovery. Die Ausbildung bereitet auch auf Gefangenschaft außerhalb eines laufenden Gefechts vor. Lehrgangsnamen können sich überschneiden: Eine britische Ausbildung mit der Bezeichnung Aircrew Combat Survival Course umfasste auch Conduct After Capture.