Fachwissen · Personnel Recovery

Personnel Recovery

Wie isoliertes Personal gefunden, unterstützt und zurückgeführt wird – und wie Person, Koordinierungsstellen und Rückführungskräfte zusammenarbeiten.

Pararescuemen tragen einen Verletzten durch die Wüste zu einem wartenden Hubschrauber
Pararescuemen transportieren bei einer Personnel-Recovery-Übung in Djibouti einen Verletzten auf einer Trage zu einem CH-53E.

Personnel Recovery (PR) umfasst die militärischen, diplomatischen und zivilen Bemühungen, isoliertes Personal zurückzuführen und anschließend zu betreuen und wieder einzugliedern. Im militärischen Einsatz verbindet PR die Vorbereitung des Einzelnen mit Meldung, Ortung, Unterstützung und Aufnahme durch eigene oder verbündete Kräfte. Medizinische und psychologische Versorgung sowie die Aufarbeitung der Isolation gehören ebenfalls dazu.

Wann wird Personnel Recovery benötigt?

Personal gilt als isoliert, wenn es von seiner Einheit oder Organisation getrennt ist und nicht mehr unter der vorgesehenen eigenen Kontrolle steht. Das kann Soldaten ebenso wie ziviles Personal innerhalb des Einsatzsystems betreffen. Mögliche Ausgangslagen sind eine Luftfahrzeugnotlage, ein Angriff, ein liegen gebliebenes Fahrzeug oder das Abgeschnittenwerden während einer Bewegung.

Die Person muss dabei weder allein noch grundsätzlich zur selbstständigen Rückkehr unfähig sein. Auch mehrere gemeinsam abgeschnittene Angehörige können isoliert sein. Gefangenschaft ist eine weitere mögliche Lage. Die Rückführung muss deshalb den Aufenthaltsort, den Zustand der Betroffenen, die Bedrohung und die tatsächlich verfügbaren Handlungsmöglichkeiten berücksichtigen.

Vorbereitung vor einer möglichen Isolation

Die Vorbereitung klärt, wie gefährdetes Personal Verbindung herstellen, seinen Standort melden, Signalmittel verwenden und bei einer Aufnahme mitwirken soll. Dazu kommen passende Überlebensausrüstung und Ausbildung. Auf der anderen Seite müssen Führung und Rückführungskräfte wissen, welche Mittel verfügbar sind, wer Entscheidungen trifft und wie die beteiligten Stellen Informationen austauschen.

Ein Isolated Personnel Report (ISOPREP) stellt Angaben für Identifizierung und Authentifizierung bereit. Ein Evasion Plan of Action (EPA) beschreibt beabsichtigtes Verhalten im Isolationsfall.

Ein nationaler PR-Ansprechpartner kann Angaben prüfen, Kontakt zu den zuständigen Koordinierungsstellen herstellen, Verfahren mit Partnern abstimmen und in vorhandenes Überlebens- und Rettungsgerät einweisen.

Die fünf Aufgaben während eines PR-Ereignisses

  1. MeldenEine mögliche Isolation erkennen und zuständige Stellen informieren.
  2. OrtenDen Aufenthaltsort bestimmen und die Angaben überprüfen.
  3. UnterstützenVerbindung, Versorgung und Schutz aufrechterhalten.
  4. RückführenPersonal unter die Kontrolle einer eigenen oder befreundeten Organisation bringen.
  5. ReintegrierenVersorgen, betreuen und Erkenntnisse aus der Isolation aufnehmen.

Report – die Isolation melden

Die erste Meldung kann von der isolierten Person selbst, ihrer Einheit, Augenzeugen oder Aufklärungsmitteln ausgehen. Auch eine überfällige Rückkehr kann einen Hinweis liefern. Bei einem Unfall oder Angriff kann die Aufmerksamkeit zunächst auf dem Ereignis liegen, während das Fehlen einzelner Angehöriger unbemerkt bleibt. Deshalb muss die Einheit feststellen, wer noch bei ihr ist und wer fehlt.

Die Meldung muss verifiziert und an die zuständigen Führungs- und PR-Stellen weitergegeben werden. Dabei sind Fehlmeldungen und Täuschungsversuche zu berücksichtigen. Befinden sich geeignete Kräfte bereits vor Ort, kann eine unmittelbare Rückführung möglich sein. Das Einschalten der Koordinierungsstellen dient dann der Abstimmung und Unterstützung; es ist kein Grund, eine tatsächlich mögliche örtliche Hilfe grundsätzlich aufzuschieben.

Locate – den Aufenthaltsort feststellen

Eine Standortangabe kann aus Funkkontakt, Beobachtung, Positionsdaten oder Meldungen anderer Kräfte stammen. Diese Angaben werden überprüft und mit dem Lagebild verbunden. Gelände, mögliche Bewegung, Verletzungen und gegnerische Aktivität beeinflussen, wo und unter welchen Bedingungen eine Person erreicht werden kann.

Koordinaten zeigen, wo sich ein Kontakt befindet. Authentifizierung soll bestätigen, dass der Kontakt tatsächlich zur gesuchten Person gehört. Sie schützt die isolierte Person und die Rückführungskräfte vor Täuschung. Die dafür vorgesehenen Informationen und Verfahren müssen gegen Preisgabe und Missbrauch geschützt werden.

Support – bis zur Aufnahme unterstützen

Unterstützung kann beginnen, bevor eine physische Aufnahme möglich ist. Dazu gehören Verbindung, Orientierungshilfen, Versorgung, psychische Unterstützung und Maßnahmen gegen die gegnerische Bedrohung. Ein erreichter Funkkontakt ermöglicht beispielsweise, Informationen über den Zustand der Person zu erhalten und das weitere Vorgehen mit ihr abzustimmen.

Die Unterstützung muss die nächste Bewegung und eine mögliche Aufnahme berücksichtigen. Wird eine Person an einen anderen Ort geleitet, verändern sich Aufenthaltsort, Zeitbedarf und die Bedingungen für die Rückführung. Daher werden Informationen und Unterstützung während des weiteren Verlaufs aktualisiert.

Recover – die Person aufnehmen und zurückführen

Die Rückführung bringt isoliertes Personal wieder unter die physische Kontrolle einer eigenen oder befreundeten Organisation. Dafür kann ein einzelnes geeignetes Fahrzeug ausreichen; unter anderen Bedingungen müssen mehrere Luft-, Land- oder Seeelemente zusammenwirken. Die Rückführungskräfte müssen die Person erreichen, ihre Identität bestätigen und die Aufnahme unter den jeweiligen Bedingungen durchführen können.

Die isolierte Person unterstützt diesen Vorgang mit zutreffenden Angaben und abgestimmtem Verhalten. Relevant sind unter anderem Personenzahl, gesundheitlicher Zustand, erkennbare Gefahren, Hindernisse und verfügbare Signalmittel. Annäherung, Erkennung und Bewegung müssen zwischen beiden Seiten zusammenpassen.

Reintegrate – Versorgung und Betreuung nach der Rückführung

Nach der Aufnahme können medizinische und psychologische Versorgung sowie weitere Betreuung erforderlich sein. Hinzu kommen Gespräche zur Isolation, zum Gegner und zu den eingesetzten Verfahren. Solche Informationen können etwa für die Suche nach weiteren isolierten Personen oder für die Verbesserung der Vorbereitung wichtig sein.

Die Planung und Durchführung liegen grundsätzlich in nationaler Verantwortung. Partner können auf Grundlage entsprechender Vereinbarungen mitwirken. Versorgung und Gesprächsführung müssen den Zustand und die Bedürfnisse der zurückgeführten Person berücksichtigen.

Wer plant und führt die Rückführung?

Im PR-System wirken drei militärische Elemente zusammen: isoliertes Personal, Führung und Stäbe sowie die Rückführungskräfte. Koordinierungsstellen führen die Informationen zum Lagebild zusammen und stimmen den Einsatz der verfügbaren Kräfte ab.

Wichtige Führungs- und Koordinierungsfunktionen
KürzelAufgabe
JPRCJoint Personnel Recovery Centre: bündelt Informationen und koordiniert PR komponentenübergreifend im Auftrag der gemeinsamen Führung.
PRCCPersonnel Recovery Coordination Cell: plant und koordiniert PR innerhalb einer Komponente und hält Verbindung zur gemeinsamen Führung.
RMCRescue Mission Commander: plant und führt die PR-Mission und hat die taktische Kontrolle über die für die Aufnahme eingesetzten Kräfte.
OSCOn-scene Commander: koordiniert vor Ort, insbesondere während der Unterstützung, und kann die Führung an einen geeigneten RMC übergeben.

Eine Personnel Recovery Task Force (PRTF) wird für die konkrete Mission zusammengestellt. Zu ihren Aufgaben können Ortung, Authentifizierung, Schutz, Führung und Aufnahme gehören. Das Recovery Vehicle ist das Luft-, Land- oder Seemittel, das die Person aufnimmt. Weitere Elemente können Schutz und Begleitung übernehmen oder am Boden den physischen Kontakt herstellen.

Rückführung durch eigene, zugeordnete oder gemeinsame Kräfte

Bei Self-recovery gelangt isoliertes Personal auf eigene Initiative wieder unter eigene Kontrolle. Das kann ohne Unterstützung geschehen, aber auch mit sich bietender Hilfe. Unit recovery bezeichnet die Rückführung durch die eigene Einheit. Bei Component recovery kommen Kräfte einer funktionalen Komponente zum Einsatz, etwa der Land- oder Luftkomponente; Joint recovery verbindet mindestens zwei Komponenten.

Diese Begriffe unterscheiden, welche Kräfte die Rückführung durchführen. Eine Einheit kann zunächst versuchen, die Lage mit vorhandenen Kräften zu lösen. Reichen deren Möglichkeiten nicht, wird Unterstützung auf der Komponenten- oder gemeinsamen Ebene koordiniert. Joint bezeichnet dabei das Zusammenwirken verschiedener Komponenten, nicht die bloße Beteiligung mehrerer Staaten.

Combat Recovery, CSAR und SAR

Im NATO-Rahmen bezeichnet Combat Recovery (CR) die militärische Rückführung nicht in Gewahrsam befindlichen isolierten Personals aus feindlicher oder potenziell feindlicher Umgebung mit konventionellen militärischen Verfahren. Die Befreiung von Personen aus gegnerischem Gewahrsam fällt damit nicht unter diese CR-Definition.

Combat Search and Rescue (CSAR) ist darin eine Form von Combat Recovery mit SERE-ausgebildetem und entsprechend ausgerüstetem Personal sowie speziell organisierten und ausgerüsteten, national für PR bestimmten Fähigkeiten. Die Voraussetzungen betreffen beide Seiten: die isolierten Personen und die Rückführungskräfte. Bewaffnete Begleitung allein macht eine Rettung deshalb noch nicht zu CSAR.

Search and Rescue (SAR) bezeichnet Suche und Rettung aus Notlagen an Land oder auf See. Wie SAR-Fähigkeiten in die militärische PR-Planung eingebunden werden, ist national unterschiedlich. Der belgische Ansatz schließt sie als mögliche Fähigkeit ausdrücklich ein. Das britische PR-Modell arbeitet mit für die jeweilige Aufgabe geeigneten Kräften aus deren regulären Aufgabenbereichen und setzt keine eigene dedizierte CSAR-Truppe voraus.

Wie SERE und Personnel Recovery zusammengehören

SERE bereitet gefährdetes Personal darauf vor, eine Isolation zu überleben, Gefangennahme zu vermeiden, gegnerischer Ausnutzung zu widerstehen und die Rückkehr zu unterstützen. Personnel Recovery umfasst darüber hinaus das System, das diese Personen unterstützt, ihre Rückführung organisiert und ihre Reintegration vorbereitet.

Auch Führung und Stäbe brauchen eigene PR-Vorbereitung. In den USA unterstützt die Joint Personnel Recovery Agency (JPRA) unter anderem Operationsplanung, Reintegration, SERE-Ausbildung und die PR-Ausbildung von Führungspersonal und Stäben. Nationale Ansprechpartner und gemeinsame Koordinierungsstellen stimmen diese Vorbereitung auf die Verfahren und Mittel des jeweiligen Einsatzes ab.