
Eine Fluchtkarte auf Stoff konnte mehrere Länder abdecken und zusammengefaltet in einer kleinen Tasche verschwinden. Ihr militärischer Nutzen entstand aus dem Zusammenspiel von Kartenbild, tragfähiger Unterlage und haltbarem Druck. Britische MI9-Karten, amerikanische AAF Cloth Charts und australische RAAF-Seidenkarten lösten diese Aufgabe mit unterschiedlichen Materialien und Druckverfahren. Die spätere Evasion Chart verbindet die geografische Darstellung zusätzlich mit ortsbezogenen Informationen für Survival und Evasion.
Seide und Rayon: eine Karte, die am Körper bleiben konnte
Die frühen britischen MI9-Karten wurden auf Seide gedruckt. Das dünne Gewebe ließ sich eng falten, an unauffälliger Stelle mitführen und nach einer Durchnässung weiter benutzen. Papier braucht für dieselbe Beanspruchung zusätzlichen Schutz; bei einer Stoffkarte musste dagegen vor allem der Druck zur Unterlage passen und auch nach dem Nasswerden lesbar bleiben. Auch das geringe Rascheln gegenüber Papier war für die Handhabung bei Nacht nützlich.
Ein konkretes frühes Exemplar ist die britisch gefertigte Waddington-Karte S2/S3 aus der Zeit um 1941, die Sergeant Richard Sydney Turner vom Australian Army Service Corps in Griechenland verwendete. Der schwarze Druck auf Seide zeigt auf einer Seite Griechenland und Kreta, auf der anderen einen größeren Raum mit Italien, dem Balkan und der Ägäis. Ein Umrechnungsschlüssel für Kilometer und englische Meilen sitzt auf der Übersichtsseite. Vorder- und Rückseite lieferten damit unterschiedliche räumliche Zusammenhänge, ohne ein zweites Stück Material mitführen zu müssen.
Etwa ab 1942 führte Seidenknappheit zur Verwendung behandelter Rayonstoffe. Dazu gehörten Viskose, Cupro und Acetat. Die Behandlung bereitete die Oberfläche für den Druck vor und konnte ihr zunächst einen steiferen Griff geben. Bei der um 1942 gefertigten MI9-Karte K3/H2, die mit dem RAAF-Flieger Norman Frederick Skinner verbunden ist, wurden Schwarz, Rot und Grün auf Rayon gedruckt. K3 umfasst Nordafrika im Maßstab 1:6.000.000, H2 Spanien, Sardinien und die nordafrikanische Küste im Maßstab 1:3.000.000. Eine gleiche Strecke auf dem Stoff bezeichnet auf der Nordafrikaseite also die doppelte Entfernung. Wer die Karte umdreht, muss auch den Maßstab wechseln.
1943 und 1944: Blattpaare, Grenzvergrößerungen und Gelände
Die britische Europaserie von 1943 erweiterte das mehrfarbige Kartenbild und verwendete Kennungen wie 43/C und 43/D. Das erhaltene Blattpaar C/D misst 71 × 73 Zentimeter. Seine beiden großen Darstellungen umfassen die Niederlande, Belgien, Nordostfrankreich und Teile Deutschlands beziehungsweise Südostfrankreich, Südwestdeutschland und die Schweiz. Eine zusätzliche Karte vergrößert die belgisch-deutsche Grenzregion. Damit ließ sich der weiträumige Zusammenhang auf derselben Unterlage mit einer genaueren Darstellung eines besonderen Übergangsraumes verbinden.
Höhenstufenfarben und einzelne Höhenangaben, Straßen mit Entfernungen, Eisenbahnen und Gebirgspässe machten mehr sichtbar als die Lage von Städten. Gegenwärtige und frühere Grenzen sowie eine Demarkationslinie halfen, politische und militärisch geprägte Räume der damaligen Ausgabe auseinanderzuhalten. Die Legende erklärte, welche Linien Grenzen und welche Verkehrswege darstellten; beim flüchtigen Hinsehen konnten diese verwechselt werden. Beim Falten mussten Kennung, Legende und die für den nächsten Abschnitt benötigte Darstellung erreichbar bleiben.
Die südostasiatischen Blätter 44/C und 44/D von 1944 zeigen eine andere Aufteilung. Auf einer 62 × 96 Zentimeter großen Stoffunterlage stehen Teile Burmas, Siams und Französisch-Indochinas beziehungsweise das äußerste Südburma und Südsiam. Beide Seiten verwenden 1:1.000.000. Höhenlinien, Höhenstufenfarben und Höhenpunkte ergänzen Straßen, Wege, Gewässer und Grenzen. Eine kleine Übersicht zeigt die Lage benachbarter Gebiete. Sie hilft festzustellen, ob die benötigte Fortsetzung auf der Rückseite liegt oder ein anderes Blatt voraussetzt.
Amerikanische und australische Karten im selben Satz
Amerikanische Herstellung bedeutete nicht ausschließlich amerikanische Verwendung. Die vom US Army Map Service gefertigte AAF Cloth Chart C-43/C-44 aus der Zeit um 1944 verbindet Mindanao und Nordborneo auf den beiden Seiten einer weißen Acetatunterlage; beide Karten haben den Maßstab 1:1.000.000. Ein solches Exemplar gehörte zum tatsächlich ausgegebenen Fluchtsatz des Navigators Robert Forbes in der Catalina A24-97 der 42 Squadron RAAF. Er trug ihn bei der Operation im Raum Manila am 14. Dezember 1944.
Derselbe Satz enthielt eine australische Seidenkarte von Halmahera und Westneuguinea aus der Zeit um 1944. Sie ist nur einseitig bedruckt und verwendet die Angabe sechs Zoll für 90 englische Landmeilen. Unterschiedliche nationale Lieferungen konnten so in einer persönlichen Ausgabe zusammenkommen. Für den Benutzer zählten die dargestellten Gebiete und die jeweilige Entfernungsangabe.
Auch die Fertigung wich ab. Am 1. September 1944 wurden beim Argus in Melbourne Rollen von Seidentuchmaterial durch eine Rotationsdruckmaschine geführt, um Karten für australische Flugzeugbesatzungen im Südwestpazifik herzustellen. Üblicherweise wurden solche Stoffkarten auf zugeschnittenen Bögen in lithografischen Druckmaschinen gedruckt. Bei diesem australischen Verfahren wurde eine fortlaufende Stoffbahn bedruckt. So ist eine RAAF-Seidenkarte auch technisch von einer auf Acetat gedruckten amerikanischen Ausgabe zu unterscheiden, selbst wenn beide für denselben möglichen Isolationsraum mitgeführt wurden.
Die US-AAF-Karte Nr. 135: Karte und Hilfsersuchen
Die im CIA-Museum erhaltene Stoffkarte Nr. 135 zeigt Kunming in Yunnan bis Chabua in Assam, hier den östlichen Teil. Das 86 × 75 Zentimeter große Objekt trägt einen Druckvermerk vom Januar 1944 mit US Army Map Service, Aeronautical Chart Service und Coast and Geodetic Survey. Wasserfeste Farbstoffe auf Seide verhinderten bei dieser Karte, dass die Farben nach dem Nasswerden verliefen. Am unteren Rand stehen Zeichen für Straßen, Wege, Brücken, Eisenbahnen und weitere Geländemerkmale, dazu eine Angabe zur magnetischen Deklination. Eine kleine Übersicht bezeichnet die Abdeckung und verweist für den westlichen Teil auf die Rückseite.
Der breite seitliche Streifen trägt ein Hilfsersuchen in mehreren Sprachen. Es bezeichnet den Träger als amerikanischen Flieger mit zerstörtem Flugzeug und bittet um Nahrung sowie den Weg zum nächsten alliierten Militärposten. Eine Belohnung wird zugesagt. Das erfüllt eine verwandte Funktion wie ein Blood Chit, befindet sich hier aber unmittelbar neben dem Kartenbild. Für die eigene Orientierung konnte die Karte verdeckt bleiben; zum Vorzeigen des Textes musste die Person ihre Zugehörigkeit offenlegen. Ob sie diesen Kontakt einging, musste sie nach dem Verhalten der angetroffenen Menschen und der örtlichen Lage entscheiden. Der vorgedruckte Text konnte eine Sprachbarriere überbrücken.
Evasion Charts: vom Gewebe zur bedruckten Faserbahn
Bei amerikanischen Tyvek-Evasion-Charts liegen das Navigationskartenbild und die Randinformationen zu Survival und Evasion auf derselben Unterlage. Es gibt Ausführungen im Maßstab 1:250.000. Die Randfelder können ortsbezogene Hinweise zu Navigation, Umweltgefahren, Schutz und Versorgung aufnehmen. Ihr Platz auf derselben Unterlage hält diese Information zusammen mit dem geografischen Bezug verfügbar. Das ist besonders nützlich, wenn getrennte Unterlagen verloren gegangen sind und kein elektronisches Gerät mehr benutzt werden kann.
Tyvek besteht aus sehr feinen, fortlaufenden Fasern aus hochdichtem Polyethylen. Sie werden als ungeordnete Faserbahn abgelegt und durch Wärme und Druck verbunden. Anders als bei Seide oder Rayon entsteht die Fläche also ohne gewebte Kett- und Schussfäden. Das wenig wasseraufnehmende Material verbindet geringe Masse mit hoher Festigkeit. Die robuste, strapazierfähige und wasserfeste Unterlage ermöglicht das wiederholte Mitführen und Benutzen einer EVC unter Nässebeanspruchung.
Für den Druck müssen Oberfläche, Farbe und Verfahren zusammenpassen. Manche Verfahren benötigen eine geeignete Beschichtung, damit die Farbe auf dem wenig saugfähigen Material hält. Gewöhnliche Laserdrucker arbeiten beim Fixieren häufig mit Temperaturen oberhalb des Tyvek-Schmelzpunktes von 135 °C. Die NGA stellt ihre Print-on-Demand-Karten, darunter EVCs, als farbverwaltete Druckdateien für verschiedene Ausgabegeräte bereit. Eine solche Datei auf normalem Papier gibt die Kartendarstellung wieder; erst eine geeignete Unterlage und ihr passender Druck ergeben die physische, wasserfeste Karte.
Lesbarkeit und vollständige Information erhalten
Vor dem Mitführen werden beide Seiten geöffnet und Blattkennung, Gebiet, Ausgabe, Maßstab und Randfelder zugeordnet. Die Karte wird dann so gefaltet, dass der benötigte Ausschnitt sichtbar werden kann, ohne jedes Mal die ganze Fläche auszubreiten. Das schont den Druck und begrenzt die offen liegende Fläche. Ein ausgeschnittener Kartenrand spart zwar Platz, kann aber gerade die Legende, den Maßstab oder die Übersicht für die Fortsetzung entfernen. Eine kleine, vollständige Faltung ist funktional günstiger als ein verkleinertes Fragment ohne seine Leseschlüssel.
Bei einer beschädigten Karte wird zuerst geprüft, welche Information tatsächlich verloren ist. Ein Loch in einem freien Rand hat eine andere Folge als Abrieb auf einer Flussquerung oder einer Straßengabelung. Schneiden und dichtes Nähen können eine Tyvek-Unterlage zusätzlich schwächen: Einstichlöcher schließen sich in der verbundenen Faserbahn nicht wie in einem verschiebbaren Gewebe. Wenn die Karte als Materialreserve zweckentfremdet wird, können dabei beide bedruckten Seiten und die darin festgehaltene Orientierung zugleich verloren gehen.
Jede Karte bleibt an ihren Erhebungs- und Ausgabestand gebunden. Straßen, Brücken und Grenzen können sich geändert haben; auf historischen Karten gehört auch die Deklinationsangabe zur damaligen Ausgabe. Werden eine aktuelle Karte und eine Geräteposition zusammen verwendet, müssen geodätischer Bezug und Koordinatenformat übereinstimmen. Der Zusammenhang ist im Eintrag zu MGRS und geodätischem Bezug erklärt.