
Die britische MI9 entwickelte im Zweiten Weltkrieg sehr kleine Kompasse für Flucht- und Ausweichsituationen. Sie sollten bei der Person bleiben und möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen. Einige bestanden nur aus einem magnetisierten Metallstreifen, andere waren in Knöpfen, Gürtelschnallen oder kleinen Messinggehäusen verborgen. Entscheidend war stets, dass sich der magnetische Teil frei nach Norden ausrichten konnte.
Magnetstreifen und Knöpfe an einem Faden
Der einfachste „Swinger Compass“ war ein kleiner rautenförmiger Stahlstreifen. Ein Faden durch die mittlere Öffnung diente als Aufhängung. Zwei kleine Löcher kennzeichneten das Nordende, ein Loch das Südende; bei manchen Ausführungen waren die Nordmarken mit Leuchtfarbe gefüllt.
Nach demselben Prinzip funktionierte der Bakelit-Knopfkompass, auch Weskit Compass genannt. In den Kunststoff war ein Magnet eingelassen, auf der Rückseite markierten zwei Leuchtpunkte Norden und ein Punkt Süden. Zur Benutzung hing der Knopf frei an einem Faden. Das Knopfgehäuse tarnte den Kompass, ersetzte aber keine ruhige, freie Aufhängung.
Zwei Knöpfe bilden gemeinsam einen Kompass
Beim Brass Service Fly Button dienten zwei Messingknöpfe als Anzeige und Lager. Der untere Knopf trug eine kleine Spitze, der obere eine passende Vertiefung und die magnetische Markierung. Auf die Spitze gesetzt, konnte sich der obere Knopf drehen. Getrennt wirkten beide Teile wie gewöhnliche Knöpfe eines Hosenschlitzes.
Diese Ausführung war nur mit dem vollständigen Paar benutzbar. Stand der untere Knopf schief oder berührten sich die Ränder, konnte sich der obere nicht frei ausrichten.
Gekapselte Miniaturkompasse
Andere Modelle brachten Magnet, Lager und Anzeige in einem kleinen Messinggehäuse unter. Frühe Rotoren verwendeten eine gelochte Stahlscheibe unter Glas, spätere einen sternförmigen Zeiger. Eine farbige oder gepunktete Markierung bezeichnete das Nordende. Die Gehäuse waren teilweise nur etwa dreizehn Millimeter breit.
Das Foto auf dieser Seite zeigt zwei verdeckte Kompasse aus dem amerikanischen OSS-Bestand, nicht die im Text beschriebenen britischen MI9-Exemplare. Rechts ist der sternförmige Zeiger eines gekapselten Kompasses sichtbar. Die Aufnahme veranschaulicht damit dieselbe Bauidee: ein vollwertiger kleiner Rotor in einer unauffälligen Form.
Uniformknopf und Kragenknopf als Tarnung
Bei einem britischen RAF-Knopf ließ sich die Rückseite abschrauben; darunter saß ein glasgedeckter Miniaturkompass. Andere Knopfkompasse öffneten sich über einen Klappdeckel. Es gab sogar Gewinde, die sich im Uhrzeigersinn öffneten und damit der üblichen Erwartung widersprachen. Der Träger musste deshalb den Mechanismus seines eigenen Modells kennen.
Eine weitere Ausführung verbarg die Anzeige unter weißer Farbe auf dem Glas eines Kragenknopfs. Zum Ablesen wurde die Farbschicht an der vorgesehenen Stelle entfernt. Die äußere Form blieb bis dahin die eines unscheinbaren Kleidungsstücks.
Klarsichthüllen für tropische Einsätze
Für tropische Gebiete wurden gekapselte Miniaturkompasse zusätzlich in transparente Kunststoffhüllen eingeschweißt. Die Anzeige blieb durch die Hülle ablesbar, während Feuchtigkeit vom Metallgehäuse und vom Lager ferngehalten wurde. Manche Hüllen waren nur wenig größer als der Kompass, andere besaßen ein Band zum Tragen um den Hals.
Kompassnadel und Drehpunkt in einer Gürtelschnalle
Eine RAF-Gürtelschnalle nahm eine herausnehmbare Kompassnadel und den zugehörigen Drehpunkt auf. Die Nadel saß in einer verschiebbaren Halterung an der Mittelstrebe. Für die Benutzung wurde sie entnommen und auf eine kleine ausklappbare Spitze gesetzt. Danach konnte sie sich wie eine einfache Kompassnadel ausrichten.
Stahlteile und Magnete in unmittelbarer Nähe können solche kleinen Kompasse ablenken. Eine Klinge oder ein anderes magnetisches Ausrüstungsteil gehört deshalb nicht neben die frei aufgehängte Nadel oder den Rotor, wenn eine Richtung abgelesen wird.
Belegte Herkunft einzelner Stücke
Die heute erhaltenen Stücke stammen aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen. Ein früher Rotor gehörte dem australischen Soldaten Richard Sydney Turner, der nach seiner Gefangennahme in Griechenland aus einem Transportzug entkam. Die australische Armeeschwester Sylvia Muir sammelte zwei Knopfkompasse während ihrer japanischen Gefangenschaft. Weitere Miniaturkompasse blieben in RAF-Escape-Kits aus dem europäischen und pazifischen Einsatzraum erhalten.
Diese Provenienzen belegen nicht, dass jeder Kompass bei einer erfolgreichen Flucht benutzt wurde. Sie zeigen jedoch, wie MI9 dieselbe Grundfunktion – eine unauffällige Richtungsanzeige – an Uniform, Klima und vorgesehene Trageweise anpasste.