EWST steht für Enhanced Wilderness Survival Training und bezeichnet eine vertiefte kanadische militärische Wildnisüberlebensausbildung, in der Canadian Rangers ihre Fertigkeiten an Soldaten weitergeben. Im Mittelpunkt steht der eigenständige Aufenthalt mit wenigen Mitteln: Schutz herstellen, Feuer unterhalten, Wasser erschließen und die Versorgung aus der Umgebung organisieren. Das Ranger-Modell verbindet angeleitete praktische Arbeit mit einem anschließenden Alleinaufenthalt, bei dem dieselbe Person alle lebenswichtigen Aufgaben über mehrere Nächte bewältigen muss.
Ranger-Wissen für selbstständiges Überleben
Canadian Rangers arbeiten in abgelegenen nördlichen und küstennahen Regionen Kanadas. Ihre Ortskenntnis und Erfahrung mit den verfügbaren Materialien tragen die Ausbildung. Ein EWST-Lehrgang bei Coal Harbour an der Nordküste von Vancouver Island wurde von Angehörigen der 4th Canadian Ranger Patrol Group für Soldaten der 3rd Canadian Division durchgeführt. Das vermittelte Wissen sollte anschließend auch in deren eigene Einheiten gelangen.
Enhanced bezeichnet hier die Vertiefung der Wildnisfertigkeiten. Neben Basic Wilderness Survival Training führen die Rangers EWST als eigenen Lehrgangsnamen. Der Schwerpunkt des beschriebenen Modells liegt auf einem länger tragfähigen Umgang mit den vorhandenen Mitteln: Material gewinnen und bearbeiten, Schutz instand halten und neue Versorgungsmöglichkeiten erschließen, statt die verfügbaren Vorräte lediglich aufzubrauchen.
Vom Unterricht zum Alleinaufenthalt
Zuerst vermitteln die Rangers Schutzbau, Feuer, Herstellung und Nutzung von Werkzeugen wie Axt und Säge, Nahrungssuche und Jagd, das Finden von Wasserquellen sowie Entsalzung. Hinzu kommt der Umgang mit der psychischen Belastung des Alleinseins. Auch die Verarbeitung beschaffter Nahrung gehört zum praktischen Wissen: Ein gefangenes Tier muss erst verwertbar gemacht werden. Fang, Verarbeitung und die dafür nötige Arbeit bilden zusammen die Versorgungsaufgabe.
Im bei Coal Harbour praktizierten Modell folgten drei Nächte an einem isolierten Platz, jeweils allein und mit wenigen Vorräten. Zur vorhandenen Kleidung kamen unter anderem Axt und Schleifstein, eine Schrotflinte, Funkgerät und Satellitentelefon. Der Teilnehmer musste selbst einen Schutz bauen, Feuer herstellen und eine Wasserquelle erschließen. Ranger und Sanitäter prüften täglich, ob er den Aufenthalt gesundheitlich fortsetzen konnte. Diese Besuche und Kommunikationsmittel gehörten zur Übungsaufsicht; zwischen den Kontrollen blieb die Feldarbeit seine eigene Aufgabe.
Schutz und Versorgung zusammenhalten
Die Aufgaben greifen ineinander. Wer Baumaterial und Brennstoff bearbeitet, braucht Werkzeug, Zeit und Kraft. Ein Schutz mit einer isolierenden Unterlage vermindert den Kontakt zum kalten, feuchten Boden und schafft einen Ruheplatz. Muss das Feuer ständig nachgebessert werden, wird Schlaf immer wieder unterbrochen. Deshalb zählt neben dem ersten Aufbau auch, ob der geschaffene Schutz und die Brennstoffversorgung den nächsten Ruheabschnitt tragen.
Die Küstenlage macht den Wasseranteil besonders anschaulich. Meerwasser und erreichbares Süßwasser verlangen unterschiedliche Arbeit: Für Meerwasser muss Salz aus dem gewonnenen Wasser entfernt werden. Dazu gehören ein beherrschtes Verfahren und geeignete Mittel. Eine Wasserquelle zu finden, ihre Nutzung zu organisieren und den weiteren Bedarf zu decken sind zusammenhängende Aufgaben.
Nahrungssuche und Jagd können die Vorräte ergänzen, verlangen aber Orts- und Artenkenntnis sowie Arbeit für Suche, Fang und Verarbeitung. Wer seine verbleibende Kraft vollständig auf einen erhofften Fang verwendet, kann Schutz- und Wasserarbeiten versäumen. Für die allein handelnde Person folgt daraus eine konkrete Einteilung: notwendige Arbeiten mit den vorhandenen Mitteln erledigen und den zusätzlichen Versorgungsaufwand danach ausrichten, was sie tatsächlich noch leisten kann.
Allein handeln bei Hunger und Müdigkeit
Hunger, unterbrochene Nächte und nachlassende Kraft können die Aufmerksamkeit auf eine einzige Tätigkeit verengen. Wer nur noch am Feuer sitzt und es am Erlöschen hindert, hat damit weder die nächste Wasserbeschaffung noch den Schutz oder den Brennstoffnachschub erledigt. Der psychologische Anteil des EWST betrifft diese praktische Handlungsfähigkeit: die nächste notwendige, überschaubare Aufgabe erkennen und wieder ausführen, bevor weitere unerledigte Arbeiten den Aufenthalt erschweren.
Auch die Arbeitsmenge gehört zu dieser Entscheidung. Ein aufwendiger Ausbau oder eine zusätzliche Suche verbraucht Kraft, die später zum Unterhalten des Schutzplatzes fehlt. Ruhe, Materialbearbeitung und Versorgung müssen innerhalb der eigenen Leistungsfähigkeit bleiben. Zur wiederholten Werkzeugarbeit mit der ausgegebenen Axt gehört deshalb auch, ihre Schneide mit dem Schleifstein instand zu halten.
EWST und gegnerbedrohte Isolation
EWST erklärt einen konkreten kanadischen Weg zur selbstständigen Wildnisversorgung. Luftfahrzeugbesatzungen haben daneben eigene Überlebens- und SERE-Ausbildungsaufgaben an der CFSSAT, der Canadian Forces School of Survival and Aeromedical Training. SERE steht für Survival, Evasion, Resistance and Escape und verbindet Umweltüberleben mit dem Entziehen, dem Widerstand gegen gegnerische Ausnutzung und dem Entkommen aus Gefangenschaft. EWST bezeichnet keine SERE-C-Stufe.
Für eine gegnerbedrohte Person verändert sich bereits die Nutzung der Wildnisfertigkeiten: Feuerlicht, Rauch und Geruch können den Aufenthaltsort verraten; Materialsuche und Bearbeitung erzeugen Bewegung, Geräusche und Spuren. Der Schutzplatz muss dann auch Verbergen und Beobachtung ermöglichen. Wer ein Feuer zur Wärmeversorgung erwägt, muss dessen Nutzen gegen diese Entdeckungszeichen abwägen und die vorhandenen Schutzmittel einbeziehen. Die im Ranger-Modell geübte Eigenversorgung bleibt dafür wertvoll, muss aber mit den Aufgaben der Evasion verbunden werden.