
Als André Devigny am 20. August 1943 vom deutschen Militärgericht in seine Zelle zurückkam, wusste er, dass er zum Tode verurteilt worden war. Einen Weg durch die hölzerne Zellentür hatte er bereits vorbereitet. Für die Hindernisse dahinter lagen selbst gefertigte Leinen und Haken bereit. Doch nun saß ein anderer Mann in Zelle 107: Antoine Gimenez, den Devigny nicht kannte. Er musste entscheiden, ob er diesem Mitgefangenen seinen Plan anvertrauen und ihn mitnehmen konnte. In der Nacht zum 25. August verließen beide die Zelle. Bis zur Schweizer Grenze hatte Devigny danach noch eine erneute Festnahme, die Flucht in die Rhône und Tage in einem Versteck vor sich.
Ein Nachrichtennetz zwischen Frankreich und der Schweiz
Devigny war im Sommer 1943 siebenundzwanzig Jahre alt. Er stammte aus der Haute-Savoie, südlich des Genfer Sees, und hatte 1939/40 als Offizier im 5. marokkanischen Schützenregiment gekämpft. Eine schwere Verwundung bei Ham brachte ihn im Mai 1940 in ein Krankenhaus in Bordeaux. Nach seiner Genesung wollte er nach Großbritannien gelangen und den Krieg fortsetzen. Der Kontakt zum britischen Konsulat in Genf führte ihn jedoch zunächst nach Marokko, wo er für einen britischen Nachrichtendienst arbeitete.
Im Herbst 1942 kehrte er nach Frankreich zurück. Die deutsche Besetzung der südlichen Zone im November und die Auflösung der französischen Waffenstillstandsarmee beendeten die Möglichkeit, dort innerhalb einer regulären französischen Truppe weiterzuarbeiten. Über die britische Verbindung in Genf lernte Devigny Oberst Georges Groussard kennen. Dieser baute von der Schweiz aus die Nachrichtennetze Gilbert auf und benötigte verlässliche Offiziere in Frankreich. Devigny warb solche Männer an und organisierte die Verbindungen, über die ihre Informationen nach Genf gelangten.
Der Auftrag verlangte ständige Reisen und persönliche Übergaben. Devigny sammelte Berichte aus dem Süden Frankreichs; andere Verbindungen führten über Lyon. An der Grenze brauchte das Netz Menschen, die einen Boten aufnehmen, eine Nachricht weitergeben oder einen Grenzübertritt ermöglichen konnten. In Gaillard gehörte Irène Gubier dazu. Ihr Haus lag am Foron, unmittelbar an der Grenze zur Schweiz. Devigny nutzte solche Verbindungen auch, um Verfolgten zu helfen. Für ihn waren die Schweizer Kontakte deshalb mehr als eine Adresse im Ausland: Er hatte an dem Netz mitgebaut, auf dessen Hilfe er später selbst angewiesen sein würde.
Im April 1943 wurden Teile dieser Organisation verraten. Ein eingeschleuster deutscher Agent hatte Zugang zum Netz gewonnen. Devigny wurde am 17. April am Bahnhof von Annemasse festgenommen und am folgenden Tag in die Gefängnisanlage Montluc nach Lyon gebracht. Der Mann, der zuvor selbst Nachrichten über die Grenze getragen hatte, musste nun einen Weg finden, aus einer bewachten Zelle überhaupt noch jemanden zu erreichen.
Haft, Verhöre und die erste gescheiterte Flucht
Montluc war eine Militärhaftanstalt, die 1921 neben dem älteren gleichnamigen Fort errichtet worden war. Anfang 1943 übernahmen die deutschen Besatzungsbehörden das Gefängnis vollständig. Dort saßen Widerstandskämpfer und politische Gegner ebenso wie jüdische Verfolgte und Geiseln. Die Gefangenen konnten von hier zur Vernehmung abgeholt, vor ein Militärgericht gestellt, deportiert oder zur Hinrichtung fortgebracht werden.
Die Haft und die Verhöre fanden nicht durchgehend am selben Ort statt. Gefangene wurden in Fahrzeugen zu den Dienststellen der Gestapo gebracht. In Lyon befand sich deren Sitz zunächst im Hôtel Terminus bei der Gare de Perrache, später in der Militärsanitätsschule an der Avenue Berthelot.
Für die Ermittler war Devigny wegen seiner Verbindungen zu Groussard und seiner Kenntnis der Mitarbeiter wertvoll. Klaus Barbie ließ ihn verhören und foltern. Devigny verriet das Netz nicht. Dessen Fortbestand hing zugleich daran, dass die einzelnen Mitarbeiter nur Teile der Organisation kannten: Die Festnahme eines Mannes führte deshalb nicht zwangsläufig zu allen anderen. Für Devigny blieb die Gefahr dennoch konkret. Er wusste, dass weitere Menschen außerhalb der Mauern noch erreichbar und damit bedroht waren.
Während eines Transports versuchte er zu fliehen. Ein Revolverschuss verletzte ihn, und er wurde wieder gefasst. In Montluc folgten weitere schwere Misshandlungen. Zunächst musste er sich von den Verletzungen erholen. Sein nächster Fluchtplan setzte an einem anderen Punkt an: an der Zelle und den Gegenständen, mit denen er dort Tag für Tag allein war.
Mitgefangene und Nachrichten nach draußen
Mitgefangene verständigten sich mit Devigny durch gezählte Klopfzeichen. Die Zahl der Schläge bezeichnete die Stellung eines Buchstabens im Alphabet; so erkundigte sich ein Häftling nach seinen Handfesseln. Weniger streng bewachte Häftlinge reichten kleine Gegenstände zwischen den Zellenfenstern weiter, darunter Schreibmaterial und eine Schnur.
Ein besonders wichtiger Vermittler war der Journalist Charles Bury. Er sprach fließend Deutsch und hatte das Vertrauen des Oberaufsehers gewonnen. Seine Tochter Elisabeth setzte sich dafür ein, ihm ein Paket bringen zu dürfen. Dabei erreichte sie eine außergewöhnliche Erlaubnis: Sie durfte ihren Vater kurz sehen und wiederkommen. Für die anderen Gefangenen entstand dadurch ein schmaler Nachrichtenweg, der von diesen beiden Menschen und den jeweils gestatteten Besuchen abhing.
Bury gab Elisabeth Briefe mit, darunter Nachrichten Devignys. In einer erhaltenen Warnung meldete Devigny einen Verräter im Dienst, einen entdeckten Unterschlupf und den Tod eines Mitarbeiters. Er erwähnte auch die misslungene Flucht und seine Schussverletzung.
Elisabeth brachte die Schreiben zu ihren Empfängern. Am 18. Mai 1943 endeten die Besuche, weil ihr Vater in das Gefängnis Fresnes verlegt wurde. Er wurde anschließend nach Buchenwald und Dora deportiert. Der Bury-Weg stand Devigny somit während der späteren Vorbereitung des Augustausbruchs nicht mehr zur Verfügung. Eine Verbindung, die im Frühjahr funktioniert hatte, konnte nicht einfach weiter eingeplant werden.
Eine Tür, die nach außen geschlossen blieb
Den Ausbruch bereitete Devigny in Zelle 107 im zweiten Obergeschoss des Zellenblocks vor. Die Tür bestand aus Holz. Mit einem eisernen Löffel bearbeitete er sie so, dass sich ein Teil der Bretter herausnehmen ließ. Dabei ging es nicht darum, die ganze Tür aufzubrechen. Er brauchte eine Öffnung, durch die er selbst hinauskam und deren Teile er anschließend wieder einsetzen konnte.
Diese Wiederherstellbarkeit bestimmte die Vorbereitung. Eine dauerhaft offene oder sichtbar zerstörte Tür hätte die Veränderung sofort verraten. Devigny konnte dagegen in den Gang gelangen und in die Zelle zurückkehren, während die Tür von außen weiterhin geschlossen erschien. Der Gang war allerdings noch Teil des bewachten Gebäudes. Vom Zellenblock musste er erst auf das Dach gelangen, dann wieder hinunter und schließlich über die beiden Umfassungsmauern.
Für diesen Weg benötigte er Material, das einen Menschen tragen konnte. Ein richtiges Kletterseil gehörte nicht zu seinem Besitz. Er verwendete die Textilien, die er erreichen konnte: Bettwäsche, Decken und Kleidungsstücke. Aus breiten Stoffstreifen fertigte er die Leinen. Die Streifen wurden gefaltet, mit Draht zusammengehalten und ebenfalls mit Draht zu längeren Stücken verbunden. Der Draht stammte aus dem Bettgestell.
Die Haken entstanden aus Metallteilen der Einfassung der Zellenbeleuchtung. Zusammen mit den Leinen sollten sie das Herablassen vom Dach und das Überwinden der Mauern ermöglichen. Es waren zwei getrennte Leinen; die längere erhaltene misst 10,50 Meter. Das Material war begrenzt, und jeder dieser Gegenstände musste bis zur Flucht unentdeckt bleiben.
Todesurteil und ein unbekannter Mitgefangener
Am 20. August wurde Devigny sein Todesurteil mitgeteilt. Der seit Monaten inhaftierte Offizier musste jetzt damit rechnen, zur Hinrichtung abgeholt zu werden. Für den Ausbruch waren Türöffnung, Leinen und Haken vorbereitet.
Am selben Tag fand er nach der Rückkehr vom Militärgericht Antoine Gimenez in der Zelle vor. Über dessen Zuverlässigkeit wusste er zunächst nichts. Ein neuer Mitgefangener konnte die bearbeitete Tür oder das verborgene Material entdecken. Wenn Devigny ihn einweihte, hing der Plan auch von dessen Verhalten ab; wenn er ihn nicht einweihte, blieb ein fremder Beobachter in unmittelbarer Nähe. Die Anwesenheit des zweiten Mannes ließ sich bei einer Flucht aus dieser Zelle nicht umgehen.
Devigny entschied nicht sofort. Nach einigen Tagen vertraute er Gimenez den Plan an und beschloss, ihn mitzunehmen. Damit wurde aus seinem vorbereiteten Weg ein gemeinsamer Ausbruch. Beide mussten die Zelle verlassen und mit denselben improvisierten Hilfsmitteln über die Hindernisse kommen. In der Nacht vom 24. zum 25. August setzten sie den Plan um.
Vom Zellenblock über das Dach und die Mauern
Durch die vorbereitete Öffnung gelangten die beiden Männer aus der Zelle. Ihr weiterer Weg führte auf das Dach beziehungsweise die Terrasse des Gefängnisgebäudes. Der Ausgang auf diese Terrasse führte durch ein Lüftungsoberlicht.
Mit den vorbereiteten Leinen konnten sie vom Dach in den Hof hinuntergelangen. Dort stand ihnen ein Wachposten im Weg. Devigny erwürgte ihn.
Danach mussten sie noch die beiden aufeinanderfolgenden Umfassungsmauern überwinden. Die Haken und Leinen bildeten die Verbindung über diese Hindernisse. Als Devigny und Gimenez die letzte Mauer hinter sich hatten, waren sie aus Montluc heraus.
Sie befanden sich weiterhin im besetzten Raum um Lyon. Die Strecke zur Schweizer Grenze führte durch ein Gebiet, in dem deutsche Dienststellen und bewaffnete Kräfte tätig waren. Devigny kannte Menschen, die ihm weiterhelfen konnten; zu ihnen gelangen musste er zunächst selbst. Schon außerhalb des Gefängnisses scheiterte der gemeinsame Fluchtweg beinahe erneut.
Bei Vaulx-en-Velin trennen sich die Wege
Nordöstlich von Lyon, bei Vaulx-en-Velin, gerieten die beiden Männer wieder in deutsche Hände. Devigny entzog sich dem Zugriff, indem er in die Rhône sprang. Gimenez entkam bei dieser Gelegenheit nicht und wurde erneut eingesperrt.
Devigny verbarg sich für ungefähr fünf Stunden im Schlamm am Fluss. Nach den Monaten der Haft, der Schussverletzung und den Misshandlungen brauchte er anschließend einen Ort, an dem er bleiben und sich erholen konnte.
Ein aus Savoyen stammender Mann bei Vaulx-en-Velin nahm ihn auf und versorgte ihn. Der Aufenthalt unterbrach die Flucht für mehrere Tage. Erst nach dieser Ruhe- und Erholungsphase erreichte Devigny die Schweiz und damit wieder den Raum, aus dem Groussard seine Verbindungen führte.
Die Flucht beendete die Gefahr für seine Angehörigen nicht. Nach Groussards späterem Bericht planten die Deutschen, Devignys dreijährige Tochter Chantal zu ergreifen. Sie befand sich bei ihrer Großmutter. Das Netz erhielt rechtzeitig eine Warnung, und Jean Cambus brachte das Kind nach Genf. Die Organisation, deren Kontakte Devigny in den Verhören geschützt hatte, half nun auch, seine Tochter außer Reichweite zu bringen.
Der lange Weg zurück zu französischen Truppen
Devigny blieb bis Januar 1944 in der Schweiz. Sein Ziel war weiterhin die Rückkehr zu französischen Kräften, die den Krieg gegen Deutschland führten. Der Weg dorthin bedeutete eine weitere Reise durch Europa. Am 25. Januar erreichte er Spanien und wurde dort ebenfalls inhaftiert. Zwei Monate verbrachte er in spanischer Haft, bevor er weiter nach Nordafrika gelangte. Zwischen dem Ausbruch aus Montluc und der Ankunft in Casablanca Mitte April 1944 lagen damit fast acht Monate.
In Nordafrika meldete er sich freiwillig zum Bataillon de choc. Er durchlief die Ausbildung für Kommando- und Fallschirmeinsätze und nahm im August 1944 an der Landung in der Provence teil. Später kämpfte er im Elsass. Der frühere Gefangene stand wieder als Offizier in einer regulären französischen Einheit. Am Ende des Krieges war er Hauptmann; am 27. Dezember 1945 wurde er zum Compagnon de la Libération ernannt.
Die beiden Leinen aus Montluc überdauerten den Krieg. Devigny fand sie nach der Befreiung wieder und übergab sie später dem Museum des Ordre de la Libération. Sein 1956 erschienener Bericht Un condamné à mort s’est échappé und Robert Bressons gleichnamiger Film machten vor allem die Vorbereitung und die Ausbruchsnacht bekannt. Devignys Weg in Sicherheit setzte sich jedoch nach den Mauern fort — mit der erneuten Flucht an der Rhône, der Hilfe eines Gastgebers und weiteren Monaten, bis er französische Truppen erreichte.


