
Airey Neave führte im Mai 1940 einen Zug im britischen 1st Searchlight Regiment der Royal Artillery, einer Suchscheinwerfereinheit. Nach dem Rückzug aus dem Raum Arras bezog seine Einheit eine Stellung südlich von Calais. Dort wurde er am 24. Mai bei der Verteidigung eines vorgeschobenen Postens verwundet und in ein französisches Krankenhaus gebracht. Während der nächsten beiden Tage trafen Beschuss und Bomben das Krankenhaus. Als die britische Verteidigung am 26. Mai zusammenbrach, konnten die Verwundeten nicht mehr evakuiert werden. Gegen 17.30 Uhr geriet Neave am Ufer, auf einer Trage liegend, in deutsche Gefangenschaft.
Die Verwundung verzögerte seinen Transport nach Deutschland bis August. Zunächst kam er nach Spangenberg bei Kassel, wo ein Schloss als Offizierslager diente. Die Unterkunft war überfüllt, die medizinischen Vorräte knapp; anfangs fehlten zudem die Rotkreuzpakete, die später für viele Gefangene einen wesentlichen Teil ihrer Versorgung ausmachten. Neave blieb dort bis zum März 1941. Dann verlegten ihn die Deutschen nach Thorn im besetzten Polen.
Von Thorn nach Colditz
In Thorn mussten die Offiziere in unterirdischen Räumen mit kaum Tageslicht und schlechten sanitären Verhältnissen leben. Von acht Uhr abends bis sieben Uhr morgens waren sie eingeschlossen. Bewacht wurden sie von Männern mit Gummiknüppeln; dreimal am Tag mussten sie zum Appell antreten.
Die verschärften Bedingungen in Thorn waren als Vergeltung für die angebliche Behandlung deutscher Gefangener in Kanada angeordnet worden. Nach einigen Wochen wurden viele Beschränkungen wieder aufgehoben. Neave blieb jedoch nicht bis zur nächsten Verlegung: Am 16. April floh er mit einem Kameraden in Richtung sowjetischen Gebiets. Deutschland hatte die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt noch nicht angegriffen. In der Nähe von Warschau wurden die beiden gefasst und der Gestapo übergeben. Neave wurde im Gefängnis von Płock festgehalten, wo er Misshandlungen anderer Häftlinge beobachtete, und anschließend nach Thorn zurückgebracht.
Am 15. Mai 1941 erreichte der 25-jährige Neave Colditz. Das dortige Oflag IV C, ein Kriegsgefangenenlager für Offiziere, nahm unter anderem Männer auf, die bereits aus anderen Lagern geflohen waren. Hohe Mauern, bewachte Höfe und Kontrollstellen innerhalb des Schlosses erschwerten einen weiteren Versuch. Die Räume waren überfüllt, die Möglichkeiten zur Bewegung gering. Für die Gefangenen hatte ihre Zusammenlegung zugleich einen praktischen Nutzen: Briten, Niederländer, Franzosen und andere Offiziere konnten ihre Sprachkenntnisse, handwerklichen Fähigkeiten und Erfahrungen aus früheren Fluchten miteinander verbinden.
Zu den Gefangenen gehörte auch der 24-jährige niederländische Offizier Toni Luteyn, dessen Name ebenfalls als Tony Luteijn geschrieben wird. Nach der Kapitulation seines Landes hatte er die verlangte Ehrenworterklärung verweigert: Die Deutschen wollten das Versprechen, sich nicht weiter am Krieg gegen sie zu beteiligen. Seine Weigerung hatte ihn über die Lager Soest und Juliusburg nach Colditz geführt. Er besaß einen niederländischen Pass und sprach gut Deutsch. Mehrere seiner Landsleute waren bereits aus Colditz bis in die Schweiz gelangt. So konnten Neave und Luteyn auf Erfahrungen zurückgreifen, die auch die Reise nach dem Ausbruch betrafen.
Neave versuchte im August 1941 bereits, als deutscher Soldat hinauszugehen. Seine Uniform bestand aus umgearbeiteten und gefärbten Kleidungsstücken mit nachgebildeten Abzeichen und war für schwaches Licht gedacht. Er gelangte aus dem Gefangenenhof in den deutschen Bereich, wurde aber beim Absetzen von anderen Soldaten bemerkt, unter den Scheinwerfern verfolgt und gefasst. Hinzu kam ein weiteres Problem: Die Nummer der verwendeten Durchlassmarke war als vermisst gemeldet worden. Für den nächsten Versuch brauchte er deshalb mehr als eine bessere Uniform. Er musste auch die Stelle umgehen, an der ein Mann aus dem Gefangenenbereich seine Anwesenheit erklären und einen Durchlass vorweisen sollte.
Der verborgene Weg unter der Bühne
Pat Reid, der britische Fluchtorganisator im Lager, fand dafür einen Zugang im Saalhaus, dem Theaterblock des Schlosses. Die Gefangenen benutzten dort eine hölzerne Bühne. Reid erkannte, dass deren Unterbau über einen Gebäudeteil hinausragte, zu dem sie keinen Zugang hatten. Als er die Holzstufen zur Bühne entfernte, konnte er darunterkriechen und den Aufbau des Bodens untersuchen. Unter Stroh und Schutt lag eine Decke aus Latten und Putz; dahinter musste sich der gesperrte Raum befinden.
Zusammen mit dem kanadischen Offizier Howard Wardle öffnete Reid diese Decke. An einer Leine aus Bettlaken ließ er sich in den leeren Raum darunter hinab und öffnete das Schloss der Tür. Dahinter verlief ein Gang. Bei einer weiteren Erkundung gelangte er durch eine zweite verschlossene Tür in den Dachraum über der deutschen Wachstube. Von dort führte eine Wendeltreppe nach unten in die Räume der Wachmannschaft. Die Verbindung zwischen Bühne, leerem Raum, Gang und Dachboden bot einen Ausweg, ohne den Gefangenenhof als vermeintlicher Deutscher verlassen zu müssen.
Bis zur Flucht durfte der Zugang bei einer Durchsuchung nicht auffallen. Die Gefangenen bauten einen Holzrahmen und eine passende Sperrholzabdeckung in die Öffnung ein. Weiß gestrichen wirkte sie von unten wie die übrige verputzte Decke. Die Arbeiten und Erkundungen erstreckten sich über viele Tage. Auch der Durchgang zur Wachstube musste geöffnet werden; Neave benutzte dafür Draht. Im ungenutzten Dachraum wurden Kartons mit Uniformen, Zivilkleidung und Lebensmitteln bereitgestellt, sodass die Flüchtenden diese Sachen am gewählten Abend nicht offen durch das Lager tragen mussten.
Reid plante den Abgang kurz nach einem Wachwechsel. Der neue Posten am Eingang der Wachstube konnte nicht wissen, welche Offiziere während der vorherigen Wache hineingegangen waren. Wenn zwei Männer in passenden Uniformen die Treppe hinunterkamen und das Gebäude verließen, passten Kleidung und Bewegungsrichtung zu dem, was dort gewöhnlich geschah. Der Weg endete also auf der deutschen Seite der inneren Lagerkontrolle. Erst auf dieser Seite mussten sie die Posten davon überzeugen, zur Wachmannschaft zu gehören.
Vier Offiziere sollten diesen Zugang an zwei aufeinanderfolgenden Abenden benutzen. Neave und Luteyn bildeten das erste Paar; der Brite John Hyde-Thompson und der Niederländer H. G. Donkers sollten am nächsten Abend folgen. Die gemischten Paare verbanden niederländische Sprachkenntnisse und Dokumente mit den Vorbereitungen der britischen Gruppe. Reid konnte die Männer bis in die Wachstube bringen. Den weiteren Weg mussten beide Paare jeweils selbst bewältigen.
Uniformen, Zivilkleidung und Papiere
Neave arbeitete sechs Wochen an seiner neuen Offiziersuniform. Ein niederländischer Armeemantel lieferte die Grundlage. Seine Knöpfe bemalte er mit grauer Bühnenfarbe, den Kragen deckte er mit dunkelgrünem Material ab. Aus Linoleum schnitt er Schulterstücke, Rangzeichen und weitere Abzeichen und bemalte sie gold- oder silberfarben. Eine Dienstmütze erhielt grünen Stoff; der Schirm wurde in der Form verändert und schwarz lackiert. Die Stücke mussten im elektrischen Licht der Wachstube als deutsche Uniform zusammenpassen, obwohl ihre Materialien aus dem Gefangenenlager und dem Theater stammten.
Für die Reise außerhalb des Schlosses legten die Männer Zivilkleidung bereit. Als niederländische Arbeiter konnten sie sich unter den vielen ausländischen Beschäftigten in Deutschland bewegen. Ein Akzent allein war in dieser Rolle kein ungewöhnliches Merkmal. Die Papiere mussten aber erklären, woher die Männer kamen und wohin sie unterwegs waren. Luteyns echter niederländischer Pass gab Neave eine Vorlage für seinen eigenen falschen Pass. Das nötige Foto hatte die deutsche Lagerverwaltung zuvor von ihm aufgenommen.
Hinzu kam eine Arbeitsbescheinigung auf den Namen „de Never“. Sie bezeichnete Neave als Niederländer, der von Leipzig nach Ulm fahren sollte, um an einer elektrischen Anlage in einer Fabrik zu arbeiten. Ein deutscher Posten hatte Informationen über solche Bescheinigungen geliefert. Außerdem hatte ein niederländischer Fluchtorganisator im Lager ermittelt, dass sie bei einem Leipziger Polizeiamt ausgestellt wurden. Neave konnte seine Fälschung damit an einer wirklichen Art von Dokument orientieren und der Reise einen dazu passenden Zweck geben.
Nachts gelangte Neave in den Vernehmungsraum des Lagers und benutzte dort die Schreibmaschine. Für die Vervielfältigung der Papiere diente eine gelartige Kopierfläche, für den Stempel ein von ihm geschnitztes Stück Linoleum. Stempelabdruck und Unterschrift brachte er selbst an. Der falsche Pass sollte seine Herkunft glaubhaft machen, die Arbeitsbescheinigung seine Reise innerhalb Deutschlands erklären. Dass die Bescheinigung nur bis Ulm galt, wurde unterwegs zum entscheidenden Unterschied: Ein überzeugendes Dokument konnte den Inhaber als Arbeiter erscheinen lassen und ihm trotzdem die gewünschte Weiterfahrt verwehren.
Die erste Bahnfahrt und die Kontrolle in Ulm
Nach dem Abendappell am 5. Januar führte Reid Neave und Luteyn unter die Bühne, durch die getarnte Öffnung und bis in den Dachraum über der Wachstube. Um 21 Uhr begann ihr Abgang. Während die beiden ihre Uniformen anlegten, kehrte Reid auf demselben Weg zurück und verschloss den Zugang. Neave und Luteyn stiegen die Wendeltreppe hinunter, verließen die Wachstube und passierten zwei Posten. Beobachter aus dem Lager sahen sie zuletzt in Richtung der Brücke über den Schlossgraben gehen. Außerhalb wechselten sie in ihre Zivilkleidung.
In der Nacht zum 6. Januar gingen Neave und Luteyn zu Fuß nach Leisnig und nahmen dort um 5.45 Uhr den Zug nach Leipzig. In der Stadt erfuhren sie, dass die geeignete Verbindung für ihre Weiterreise erst um 20.52 Uhr abfuhr. Einen ganzen Tag mussten sie dort verbringen, ohne aufzufallen und ohne sich weiter zu erschöpfen. Zweimal gingen sie ins Kino. Im Publikum konnten sie sitzen und ausruhen, ohne wie zwei Reisende auszusehen, die stundenlang auf einem Bahnhof auf den nächsten Zug warteten.
Während die beiden in Leipzig warteten, verbargen ihre Mitgefangenen in Colditz ihr Fehlen bei den Appellen, damit die Zählungen den Ausbruch nicht offenlegten. Dabei kam auch eine versteckte Puppe zum Einsatz. Am Abend des 6. Januar führte Reid Hyde-Thompson und Donkers durch denselben Zugang. Das erste Paar bekam dadurch einen Vorsprung, und das zweite konnte den vorbereiteten Weg benutzen, bevor die Wachmannschaft mit der Suche begann.
Gerade große Bahnhöfe boten der Bahnpolizei Gelegenheit, auch die Papiere von Zivilisten zu kontrollieren, besonders nachts in Wartesälen. Unterwegs auf den Zügen hatten die beiden dagegen beobachtet, dass vor allem Militärangehörige nach Ausweisen gefragt wurden. Ihre zivile Kleidung erleichterte ihnen daher die langen Bahnstrecken, ohne jede Kontrolle auszuschließen. Auch alltägliche Versorgung verlangte Zurückhaltung: Kaffee und Bier ließen sich kaufen, doch öffentliches Schokoladeessen und auffällig häufiges Rauchen konnten Aufmerksamkeit auf Waren lenken, die Gefangene über Pakete erhielten.
Von Leipzig fuhren Neave und Luteyn nach Regensburg, stiegen dort um und erreichten Ulm. Am Morgen des 7. Januar stand in Colditz fest, dass zwei Briten und zwei Niederländer fehlten. Während die Wachmannschaft das Schloss durchsuchte, versuchten Neave und Luteyn gegen 10.30 Uhr in Ulm, Fahrkarten nach Engen bei Singen im Grenzgebiet zu kaufen. Bei dieser Weiterreise wurden ihre niederländischen Papiere geprüft. Die Beamten akzeptierten ihre behauptete Herkunft, erklärten die Bescheinigungen aber für eine Fahrt über Ulm hinaus als ungültig. Damit war die im Lager entworfene Arbeitsreise an ihrem vorgesehenen Endpunkt angekommen, während die eigentliche Flucht noch bis zur Schweiz weitergehen musste.
Ein Polizist brachte die Männer zu einer Dienststelle des Reichsarbeitsdienstes, wo sie sich melden sollten. Er ließ sie allein nach oben gehen und wartete unten; ihr gutes Deutsch hatte zu dieser Entscheidung beigetragen. Neave und Luteyn gingen durch das obere Stockwerk zu einer anderen Tür und verließen das Gebäude. Der Polizist hatte ihnen die Arbeiterrolle geglaubt, ohne ihnen die Weiterfahrt zu erlauben. Indem sie den unbewachten Ausgang nutzten, entkamen sie der angeordneten Meldung und konnten ihre Reise fortsetzen.
Die schnelle Bahnverbindung in den Grenzraum kam nun nicht mehr infrage. Das Paar ging zu Fuß weiter und benutzte lokale Züge. So erreichte es am frühen Morgen des 8. Januar eine Stelle etwa drei Kilometer vor Singen. Hinter ihm traf das zweite Paar auf dieselbe Schwierigkeit: Hyde-Thompson und Donkers erschienen ebenfalls in Ulm mit ähnlichen Papieren und dem Wunsch, in Richtung Grenze weiterzufahren. Die Polizei war inzwischen aufmerksam geworden. Sie nahm die beiden fest; am 10. Januar waren sie zurück in Colditz. Der gemeinsame Plan hatte beiden Paaren den Weg durch die Wachstube geöffnet, aber nur das erste kam durch die Kontrolle in Ulm und weiter zur Schweiz.
Versteckt bei Singen, unterwegs nach Ramsen
Neave und Luteyn hatten gehofft, nach ihrer Ankunft bei Singen gegen vier Uhr morgens noch im Schutz der Dunkelheit die Grenze zu erreichen. Arbeiter auf Fahrrädern hielten sie jedoch an und stellten Fragen. Die beiden hörten, dass die Polizei verständigt werden sollte. Weiterzugehen hätte sie bei Tagesanbruch in der Nähe von Menschen gelassen, die gerade auf sie aufmerksam geworden waren. Sie suchten stattdessen ein Versteck und fanden eine kleine Hütte, in der sie schlafen konnten.
Das Wetter war schlecht, die Temperaturen lagen sehr niedrig. In der Hütte verbrachten die Männer den ganzen Tag. Als sie gegen 18 Uhr erneut aufbrachen, nahmen sie große Spaten und zwei lange weiße Mäntel mit, die sie dort gefunden hatten. Mit den Spaten konnten sie im bebauten Grenzgebiet als Arbeiter auftreten. Die Mäntel bewahrten sie für den Weg über den Schnee auf. Nach der Unterbrechung mussten sie die Annäherung an die Grenze noch einmal bei Dunkelheit beginnen.
Eine Streife der Hitlerjugend stoppte sie. Diesmal gaben sich Neave und Luteyn als westfälische Arbeiter aus und überzeugten die Jugendlichen. Während der Kontrolle erfuhren sie, dass in der Gegend zwei Kriegsgefangene gesucht wurden. Die Männer durften weitergehen, wussten nun aber, dass ihre Begegnung mit den Radfahrern kein vereinzeltes Problem gewesen war: Auch eine Jugendstreife suchte im Grenzraum nach Flüchtenden.
Die beiden gingen durch Singen und vom Bahnhof aus nach Westen. Ein Wegweiser nach Gottmadingen zeigte eine Entfernung von vier Kilometern an. Sie wandten sich zunächst nach Norden und umgingen einen großen Wald an der Straße zwischen Singen und Gottmadingen. Anschließend bewegten sie sich wieder nach Süden, überquerten eine Bahnlinie nördlich der Straße und näherten sich einem kurzen Abschnitt, an dem Straße und Schweizer Grenze zusammentrafen. Schweizer Gebiet ragte hier in deutsches hinein. Eine Annäherung von Deutschland aus musste deshalb weder auf eine lange, gerade Grenzlinie noch auf eine deutlich erkennbare Trennung der Landschaft stoßen.
Vor den Männern lag eine offene Fläche, von Wald umgeben. Etwa siebzig Meter links von ihnen stand ein Posten an einer Straßensperre, wo Autos angehalten wurden. Hier endete die Verwendung der Spaten. Sie warfen sie weg und zogen die weißen Mäntel an, bevor sie die Straße und die schneebedeckte Freifläche überquerten. Auf dem ungefähr zweihundert Yards breiten Stück wechselten sie zwischen Gehen und Kriechen. Die helle Kleidung verringerte ihren Kontrast zum Schnee; bis zum Wald blieben sie dennoch in der Nähe des deutschen Postens unterwegs.
In der Nacht vom 8. zum 9. Januar gelangten sie über die Grenze. Doch der erste Übertritt gab ihnen noch keinen sicheren Anhaltspunkt für den weiteren Weg. Sie sahen weder Schweizer Wachleute noch Lichter. Auch die Schweiz verdunkelte nach 22 Uhr, sodass beleuchtete Häuser oder Straßen ihnen die Lage nicht verrieten. Die Männer gingen versehentlich wieder auf deutsches Gebiet. Erst als sie erneut einen deutschen Posten links von sich, im Osten, bemerkten, erkannten sie ihren Fehler.
Nun hielten sie sich mit dem Kompass auf Ramsen zu. Dort gelangten sie in Schweizer Gewahrsam. Nach den Bahnfahrten, Fußmärschen, Kontrollen und dem Aufenthalt in der kalten Hütte kamen sie hungrig und erschöpft an. Der deutsche Grenzraum lag hinter ihnen, und sie konnten ihre wirklichen Namen nennen. Am 9. Januar nahm die Polizei in Schaffhausen ihre Aussagen auf.
Drei Monate in der Schweiz und die Rückkehr
Die Schweizer Behörden mussten feststellen, wer die beiden Männer waren und wie sie behandelt werden sollten. Luteyn trug Zivilkleidung und konnte seinen niederländischen Pass vorlegen. Bei Neave verzeichnete die Polizei teilweise englische Militärkleidung und eine deutsche Gefangenen-Erkennungsmarke. Am 10. Januar ordnete die Militärverwaltung an, ihn als Offizier zu behandeln und nach Bern zu bringen. Aus der Flucht durch Deutschland wurde damit ein Aufenthalt unter Schweizer Aufsicht, mit festgelegten Orten und genehmigungspflichtigen Reisen.
In Colditz war der verborgene Zugang inzwischen verloren. Am 13. Januar durchsuchte die deutsche Wachmannschaft das Saalhaus. Ein Unteroffizier hob ein Brett an den Stufen zur Bühne an; ein kleinerer Soldat kroch darunter und fand die Öffnung in der Decke. Danach wurde die Tür am oberen Ende der Wachstubentreppe zusätzlich verriegelt. Hyde-Thompson und Donkers waren bereits wieder Gefangene. Neave und Luteyn befanden sich außer Reichweite dieses Lagers, konnten aber von der Schweiz aus ebenso wenig einfach einen Zug nach Hause nehmen. Das neutrale Land war vom britischen Ziel durch weitere Grenzen getrennt.
Neave blieb mehr als drei Monate im Land. Am 16. Januar erhielt er die Erlaubnis, sich für zwei oder drei Wochen in Gerzensee medizinisch behandeln zu lassen. Im Februar gestatteten ihm die Behörden den Besuch von Vorlesungen an der juristischen Fakultät der Universität Freiburg; vor seiner Abreise sollte die Universität seine Teilnahme bescheinigen. Im März wurde eine Besuchsreise nach Gstaad ausdrücklich genehmigt. Neave konnte sich erholen, studieren und Besuche machen, musste solche Reisen aber mit der Verwaltung abstimmen.
Am 13. April genehmigte die Schweizer Militärverwaltung Neaves beantragten Umzug nach Vevey. Er blieb nicht mehr lange: Am 15. April verließ er die Schweiz. Sein weiterer Weg führte durch Frankreich und Spanien nach Gibraltar und von dort im Frühjahr 1942 nach Großbritannien. Auf diesem Abschnitt half ihm ein organisiertes Fluchtnetz, das Flüchtende unterbrachte und über Grenzen weiterleitete. Nach der weitgehend selbst bewältigten Reise durch Deutschland konnte er so die Strecke aus dem eingeschlossenen neutralen Land bis zu britischem Gebiet zurücklegen.
Luteyn reiste später ab. Am 8. Mai verließ er die Schweiz zusammen mit neun weiteren Niederländern. Über Suriname gelangte er nach Australien und schloss sich dort wieder dem niederländisch-indischen Militär an. Neave war bei seiner Heimkehr der erste britische Offizier, der erfolgreich aus Colditz entkommen war. In Großbritannien arbeitete er anschließend für MI9 und unterstützte die Flucht und Rückführung weiterer Gefangener. Die beiden Männer hatten denselben Weg aus dem Schloss und über die Schweizer Grenze genommen; ihre weiteren Reisen brachten sie wieder in den Dienst ihrer jeweiligen Streitkräfte.


