Koppelnavigation, englisch Dead reckoning, bezeichnet das Fortschreiben der eigenen Position aus der letzten bestimmten Position sowie der Richtung und Strecke der anschließenden Bewegung. Jeder zurückgelegte Abschnitt liefert eine weitere rechnerische Positionsänderung. Der daraus gewonnene Standort ist eine fortgeschriebene Position mit den Unsicherheiten des Ausgangspunkts und der Bewegungsdaten. In militärischer Isolation kann dieses Verfahren den räumlichen Zusammenhang zwischen letzter bekannter Lage und eigener Bewegung erhalten, wenn elektronische Positionsbestimmung fehlt oder ausfällt.
Was die fortgeschriebene Position aussagt
Ein bestimmter Ausgangsstandort beruht auf einer Ortsfeststellung, etwa einem eindeutig identifizierten Punkt im Gelände mit bekannter Lage. Auch diese Feststellung besitzt eine begrenzte Genauigkeit. Die anschließend gekoppelte Position entsteht, indem die zurückgelegte Strecke in ihrer jeweiligen Richtung auf diesen Ausgangspunkt bezogen wird. Beginnt die Rechnung dagegen an einem nur vermuteten Ort, bleibt auch jeder Folgepunkt an diese Vermutung gebunden. Zusätzliche Stellen in einer Koordinate beseitigen einen falsch angenommenen Ausgangspunkt nicht.
Bei einer Richtungsänderung beginnt ein neuer Abschnitt mit eigener Richtung und Strecke. Wer einen Umweg um unpassierbares Gelände macht, hat danach mehr Weg zurückgelegt, als er in Richtung des ursprünglichen Ziels vorangekommen ist. Die gesamte Gehstrecke dem ersten Kurs zuzuschlagen würde den errechneten Standort zu weit auf dieser Linie verschieben. Für die Fortschreibung zählt deshalb die tatsächlich erfolgte Bewegung, einschließlich der Abweichungen vom Plan.
Richtung, Strecke und fehlende Mittel
Richtung und Strecke brauchen eine erkennbare Grundlage. Ein brauchbares Richtungsinstrument kann einen abgelesenen Wert liefern; eine erinnerte allgemeine Bewegungsrichtung bleibt gröber. Bei Schrittzählung ergibt sich die Streckenschätzung aus der gezählten Bewegung und der dafür bekannten persönlichen Schrittlänge. Eine vorhandene Fahrzeug-Wegstreckenanzeige liefert eine andere Streckenbasis. Die eigene Vorstellung, nun ungefähr weit genug gegangen zu sein, enthält bereits eine Schätzung und muss auch als solche in die Position eingehen.
Eine Uhr liefert Zeit. Um daraus eine Strecke abzuleiten, wird zusätzlich eine zur tatsächlichen Bewegung passende Geschwindigkeit benötigt. Wer eine Stunde unterwegs war, davon aber einen erheblichen Teil unbewegt in Deckung lag, darf diese Stunde nicht vollständig als Gehzeit mit gleichbleibender Geschwindigkeit rechnen. Auf weichem Boden, bergauf oder bei Erschöpfung verändern sich Geschwindigkeit und Schrittlänge. Fehlen verlässliche Richtungs- oder Streckendaten, bleibt eine grobe Lagevorstellung; eine genaue Rechnung mit angenommenen Werten macht die Eingangsdaten nicht genauer.
Wie sich Fehler fortpflanzen
Ein Richtungsfehler verschiebt den Endpunkt seitlich; bei gleicher Winkelabweichung wird diese seitliche Differenz mit der Abschnittslänge größer. Ein Streckenfehler setzt den Endpunkt in dieser Richtung zu nahe oder zu weit entfernt an. Wird von diesem fehlerhaften Punkt weitergerechnet, geht seine Abweichung in die nächsten Punkte ein. Dazu kommen die Fehler der neuen Abschnitte. Einzelne Abweichungen können sich teilweise ausgleichen, doch die eigene Rechnung liefert keinen Nachweis dafür.
Verlorene Schrittzahlen, nicht erfasste Richtungswechsel und zusätzliche Umwege unterbrechen die verlässliche Fortschreibung. Beim Bezug auf eine Karte kommt hinzu, dass deren Strecke horizontal dargestellt ist: Der zusätzliche Weg über eine Steigung ist keine gleich große Verschiebung in der Kartenebene. Solche Lücken oder veränderten Bewegungsbedingungen verlangen, die Unsicherheit größer anzusetzen. Den letzten bestätigten Standort und die danach nur ungefähr rekonstruierte Bewegung getrennt festzuhalten erhält die noch vorhandene Information.
Was ein unabhängiger Ortshinweis verändert
Ein neu erkannter Ort kann die Rechnung korrigieren, wenn seine Identität und seine Lage tatsächlich feststehen. Dazu muss die Beobachtung mehr hergeben als „Hier müsste jetzt die Abzweigung sein“. Eine eindeutig zugeordnete Abzweigung kann einen neuen Ausgangspunkt liefern; irgendeine Abzweigung im erwarteten Bereich tut das nicht. Ebenso kann ein erkanntes Geländemerkmal zunächst nur den möglichen Aufenthaltsbereich eingrenzen. Wie genau sich damit die eigene Position eingrenzen lässt, hängt davon ab, wie eindeutig das Merkmal, sein Standort und die eigene Lage dazu bestimmt sind.
Widerspricht die tatsächliche Beobachtung dem errechneten Punkt, müssen Ausgangsannahme und Bewegungsdaten überprüft werden. Das erwartete Geländemerkmal allein aufgrund der passenden Marschzeit für gefunden zu erklären, würde die Schätzung mit ihrem eigenen Ergebnis bestätigen. Ein unabhängig festgestellter neuer Standort setzt dagegen einen neuen Bezug für die weitere Fortschreibung; seine verbleibende Unsicherheit bleibt bestehen.
Bedeutung bei Isolation und Rückführung
Für eine isolierte Person zeigt die gekoppelte Position, wo sie sich aufgrund der bisher erfassten Bewegung vermutlich befindet. Sie kann damit die eigene Lage zum vorgesehenen Rückführungsbereich einschätzen. Ein vereinbarter Punkt oder eine errechnete Ankunftszeit bleibt aber eine Planungsvorgabe. Das Ablaufen der geplanten Strecke bestätigt weder das Erreichen dieses Punktes noch eine mögliche Aufnahme durch eigene Kräfte. Wird ein tatsächlicher PR-Kontakt über vorhandene Mittel möglich, sind letzte bestätigte Lage, Zeitpunkt dieser Feststellung, anschließende geschätzte Bewegung und neue Ortshinweise getrennte Informationen. Damit kann der Empfänger erkennen, worauf die gemeldete Position beruht und was noch überprüft werden muss.
In der US-amerikanischen nautischen Fachsprache wird Dead reckoning enger über den letzten festgestellten Standort, den Schiffskurs sowie Geschwindigkeit und verstrichene Zeit beschrieben. Eine zusätzlich berücksichtigte geschätzte Strömung kann zu einer Estimated position führen. Das ist für Isolation auf See bedeutsam: Strömung und Wind können ein Fahrzeug gegenüber der aus seiner eigenen Bewegung berechneten Position versetzen. Die Landdefinition bezieht sich auf Richtung und Strecke der zurückgelegten Abschnitte; nautische Bezeichnungen für ergänzte Schätzungen dürfen deshalb nicht als zusätzliche Standortbestätigung verstanden werden.