Wiki · Begriffserklärung

Duress Code

Ein Duress Code ist ein vorab vereinbartes Warnsignal, mit dem eine Person mitteilt, dass sie unter gegnerischem Zwang steht und nicht frei kommunizieren oder handeln kann. Im SERE- und Personnel-Recovery-Zusammenhang warnt er die empfangende Seite vor einem erzwungenen Kontakt oder einer erzwungenen Mitwirkung der isolierten Person. Als vereinbartes Wort oder vereinbarte Formulierung kann er in einen scheinbar normalen Austausch eingebunden sein.

Zwangslage und Aussage

Ein Gegner kann eine gefangene Person dazu zwingen, falsche Angaben zu machen, eine Bedrohung zu verschweigen oder Rückführungskräfte zum Herankommen zu bewegen. Die Stimme kann echt sein; selbst eine erfolgreiche Identitätsprüfung beantwortet noch nicht, wer den Inhalt bestimmt. Der Duress Code fügt dem Austausch den entscheidenden Hinweis hinzu, dass die Person unter Zwang steht. Die empfangende Seite muss dadurch auch Meldungen und Anweisungen anders bewerten, die zunächst wie die freiwillige Mitwirkung eines Überlebenden wirken.

Authentisierung prüft die behauptete Identität anhand der vorgesehenen Vergleichsdaten oder Verfahren. Ein Duress Code kennzeichnet die Zwangslage. Beides kann im selben Kontakt vorkommen: Die richtige Person antwortet, wird aber vom Gegner kontrolliert. Umgekehrt bestätigt ein empfangenes Zwangslagensignal allein noch keine bestimmte Identität; auch der Zugang zur Kennung kann kompromittiert sein.

Ein Notruf oder eine Notbake meldet eine Notlage beziehungsweise ermöglicht je nach System die Übermittlung einer Position. Damit ist noch nicht mitgeteilt, dass ein Gegner die Person zur Aussage zwingt. Ein Hinweis auf Verletzung beschreibt Versorgungsbedarf; ein Zwangshinweis warnt davor, dass ein Gegner die Angaben und damit die Aufnahme beeinflussen kann.

Was vorher vereinbart sein muss

Zum Verfahren gehören die Bedeutung des Signals, die Situation für seine Verwendung, die gültige Kennung, der vorgesehene Übertragungsweg und das Verhalten der empfangenden Seite. Diese Angaben müssen den potenziell isolierten Personen und den vorgesehenen Empfängern rechtzeitig bekannt sein. Eine Kennung, die nur die sendende Person kennt, kann auf der anderen Seite wie ein gewöhnliches Wort erscheinen. Ebenso gefährlich ist ein gemeinsames Wort bei unterschiedlicher Bedeutung: Die Person meldet erzwungene Kommunikation, während der Empfänger lediglich Gegner in der Umgebung vermutet.

Die eigene Vorbereitung besteht darin, die geltenden Kontaktinstruktionen einschließlich ihrer Änderungen zu kennen und das Zwangslagensignal von normalen Erkennungszeichen und Notrufen zu unterscheiden. Dabei muss feststehen, mit welchen tatsächlich mitgeführten Geräten oder vereinbarten Ersatzmitteln es verwendet werden kann. Für eine mehrtägige Mission ist auch die vorgesehene Gültigkeit entscheidend. Ein selbst erfundenes Ersatzwort oder eine eigenmächtige Abwandlung der Kennung fehlt im bekannten Verfahren des Empfängers und kann die Warnung unverständlich machen.

Kennung und Übertragungsweg

Das Codewort trägt die vereinbarte Bedeutung; Funk, Datenverbindung oder ein ausdrücklich festgelegtes anderes Signal tragen die Nachricht. Die Kennung verschlüsselt den übrigen Austausch nicht. Beim CSEL-System sind geschützte Datenübertragung und unverschlüsselter Sprechfunk der Grundausführung verschiedene Funktionen. Wer dort ein Wort über den Sprechfunk übermittelt, macht daraus keine verschlüsselte Meldung. Ein Gefangennehmer in unmittelbarer Nähe kann zudem das Sprechen oder die Bedienung des Geräts beobachten, auch wenn die Fernverbindung verschlüsselt ist.

Geht das Funkgerät verloren oder fällt es durch eine Beschädigung aus, muss die Person prüfen, ob sie das vorbereitete Ersatzverfahren mit den verbliebenen Mitteln nutzen kann. Der Empfänger muss diese Mittel beobachten und ihre festgelegte Bedeutung erkennen können. Ein Lichtsignal oder Bodenzeichen zur allgemeinen Kontaktaufnahme erhält jedoch nicht nachträglich die Bedeutung eines Duress Code. Für die isolierte Person ist deshalb wichtig, die unterschiedlichen Funktionen der noch verfügbaren Mittel zu kennen; ein Signal für Anwesenheit übermittelt nicht zugleich eine Warnung vor erzwungener Mitwirkung.

Auswertung, Fehler und Kompromittierung

Ein erkannter Zwangshinweis verändert die Bewertung der anschließenden oder damit verbundenen Angaben. Eine Aufforderung zum Herankommen kann nun unter gegnerischer Kontrolle stehen; ein scheinbar günstiger Aufnahmeort muss auch auf diese Gefahr beurteilt werden. Das Warnsignal bedeutet weder, dass jedes übermittelte Detail falsch sein muss, noch legt es einen einheitlichen Abbruch- oder Angriffsablauf fest. Die empfangende Kraft bewertet die konkrete Bedrohung und handelt nach dem vereinbarten Verfahren mit den tatsächlich verfügbaren Mitteln.

Eine verstümmelte Übertragung, eine verwechselte Kennung oder unterschiedliche Informationsstände können eine Warnung überdecken oder einen gewöhnlichen Kontakt fälschlich als Zwangslage erscheinen lassen. Wird die Kennung dem Gegner bekannt, kann er ihre Verwendung unterbinden oder sie selbst zur Irreführung einsetzen. Deshalb gehören die Gültigkeit, die Behandlung kompromittierter Kennungen und vorgesehene Änderungen zur Kontaktvorbereitung. Eine einseitig geänderte Kennung beseitigt das Problem nicht: Die vorgesehene Gegenstelle muss dieselbe Änderung kennen.

Das Ausbleiben des Signals beweist keine freie Kommunikation. Der Gegner kann die Person überwachen, ihr die Verwendung des Signals verbieten oder ihr nur einen eng kontrollierten Austausch erlauben. Auch ein ausgefallener Übertragungsweg kann verhindern, dass die Warnung ankommt. Die empfangende Seite muss daher Identität, Inhalt und erkennbare Kontaktbedingungen zusammen beurteilen. Eine echte Stimme mit richtiger Antwort kann weiterhin zu einer Person gehören, die weder frei sprechen noch frei zum Aufnahmeort gelangen kann.

Militärische Systeme und unterschiedliche Bedeutungen

Im NATO-Rahmen gehören Duress Codes zu den vorbereiteten PR-Kennungen. Für ihre Verteilung und Verwendung müssen auch Gültigkeit, mehrtägige Einsätze und Kompromittierung geregelt werden. Internationale Notzeichen und die Nutzung persönlicher ISOPREP-Daten werden gesondert behandelt. Bei einer multinationalen Mission müssen die jeweils vorgesehenen Kräfte dieselbe gültige Kennung erhalten und ihre Bedeutung kennen.

Das US-Heeresmodell verbindet die Duress-Kennung im Evasion Plan of Action mit den vorhandenen Kommunikationsmitteln, Batterien sowie primären und alternativen Kontaktverfahren. Dadurch lässt sich die vorgesehene Warnung mit den eigenen Möglichkeiten und den Erwartungen der Rückführungskräfte abstimmen. Die konkrete Kennung und ihre Verwendung ergeben sich aus den geltenden Vorgaben für die Mission.

Im brasilianischen aeronavalen Ausbildungsmodell heißt das Signal Código de Ameaça, auch Duress Codeword. Seine Bedeutung umfasst Gefangennahme oder eine Gegnernähe, die den Resgate, also die Aufnahme, verhindert. Hier kann die Warnung deshalb eine unmittelbar bedrohte Aufnahme anzeigen, ohne ausschließlich eine erzwungene Aussage zu bezeichnen. Wer mit Kräften eines anderen Systems zusammenarbeiten soll, muss diese Bedeutung vor der Mission abgleichen. Derselbe englische Oberbegriff genügt nicht, wenn die eine Seite einen Gefangenen und die andere eine ungehinderte Person mit Gegnern in der Nähe darunter versteht.