Wiki · Begriffserklärung

Kälteschock

Kälteschock ist die unmittelbare, unwillkürliche Atem- und Kreislaufreaktion auf rasches Abkühlen der Haut beim Eintauchen in kaltes Wasser. Ein reflexartiger tiefer Atemzug, unkontrolliert schnelle Atmung und zusätzliche Herzbelastung können eine Person handlungsunfähig machen oder zum Ertrinken führen, während ihre Körperkerntemperatur noch nicht wesentlich gefallen ist. Der englische Ausdruck cold shock response bezeichnet diese akute Reaktion.

Was die plötzliche Hautkühlung auslöst

Beim unerwarteten Wassereintritt kann der erste Atemzug unwillkürlich erfolgen. Liegen Mund und Nase dabei unter Wasser, wird Wasser eingeatmet. Auch an der Oberfläche bleibt die anschließend beschleunigte, schwer kontrollierbare Atmung gefährlich: Eine Welle oder Spritzwasser kann den Atemweg gerade beim Einatmen treffen. Die Hyperventilation erschwert ruhiges Orientieren und koordiniertes Schwimmen. Die sonst gewohnte Fähigkeit, die Luft anzuhalten, kann stark eingeschränkt sein.

Gleichzeitig verengen sich Blutgefäße in der Haut. Der Widerstand gegen den Blutstrom nimmt zu; Herzfrequenz und Blutdruck steigen, das Herz muss stärker arbeiten. Diese Belastung kann schwere Herzprobleme auslösen. Auch eine junge oder gut trainierte Person kann betroffen sein. Angst und hektische Gegenbewegungen können die ohnehin schwierige Atemkontrolle weiter verschlechtern. Wasser muss dafür nicht eisig sein, und warme Luft sagt wenig über seine Temperatur aus. Geeignete, geschlossene Schutzkleidung kann die rasche Hautkühlung und damit die Reaktion dämpfen; sie ersetzt keinen freien Atemweg.

An der Oberfläche die Atemwege freihalten

Die erste Aufgabe ist, Mund und Nase aus dem Wasser zu halten. Zugleich muss die Person erkennen, ob sie unmittelbar aus einer lebensbedrohlichen Umgebung heraus muss. Wer noch unter Wasser eingeschlossen ist oder gegen ein gefährliches Hindernis getrieben wird, kann nicht einfach stillliegen. Die dafür notwendige Bewegung bleibt vorrangig. Ist eine atembare Oberflächenlage möglich, hilft das Vermindern unnötiger Anstrengung, die Atmung wieder zu kontrollieren.

Eine tatsächlich greifbare, tragfähige Stütze oder ein brauchbarer Schwimmkörper kann einen Teil dieser Arbeit übernehmen. Entscheidend ist, ob die Person damit ihr Gesicht frei halten kann und ob der Halt bestehen bleibt. Ein entfernter Gegenstand hilft in dieser ersten Phase noch nicht. Eine vorhandene, geeignete Rettungsweste vermindert die nötige Eigenarbeit; ohne sie muss die Person ihre Schwimmlage selbst erhalten.

Erlauben Wasserbewegung und Umgebung eine stabile Lage, kann sich die Person zurücklegen und den Kopf so nach hinten nehmen, dass die Ohren im Wasser liegen, Mund und Nase aber frei bleiben. Etwas ausgebreitete Arme und Beine unterstützen die Stabilität; sanfte Hand- und Beinbewegungen helfen nach Bedarf beim Tragen. Die Beine können dabei tiefer sinken. Maßgeblich ist die freie Atmung, nicht eine waagerechte Haltung. Wer ohne Bewegung absinkt, braucht diese Stützbewegungen weiter. Körperbau, Kleidung und Wasserbewegung verändern den nötigen Aufwand.

Mit freiem Atemweg versucht die Person, die hektische Atmung wieder regelmäßiger und langsamer werden zu lassen. Erforderliche Stützbewegungen gehen dabei weiter. Wellen können eine Korrektur der Körperrichtung nötig machen, damit sie nicht ständig ins Gesicht schlagen. Ein tatsächlich vorhandener, dafür bestimmter Spritzschutz kann die Atemwege schützen. Eine zusammengerollte Wärmeschutzhaltung mit angezogenen Beinen kommt nur infrage, wenn ausreichender Auftrieb und Stabilität das Gesicht sicher oben halten; ohne diese Voraussetzung kann sie das Atmen erschweren.

Nach der Atemkontrolle die nächsten Handgriffe wählen

Mit wieder kontrollierbarer Atmung beginnt die Beurteilung der erreichbaren Möglichkeiten: Gibt es einen nahen Ausstieg, eine Plattform oder einen Schwimmkörper, an dem sich die Person halten oder auf den sie gelangen kann? Die Entfernung allein reicht dafür nicht. Strömung, Wellen, die Bewegung des Ziels und die bereits eingeschränkte eigene Leistungsfähigkeit entscheiden mit. Ein sichtbares Ufer oder Floß kann unerreichbar sein. Wer keinen ausreichenden Fortschritt macht, muss die aussichtslose Verfolgung des Ziels beenden und seine Arbeit wieder auf freie Atmung und nutzbaren Halt konzentrieren.

Schwimmen ist sinnvoll, wenn es eine tatsächlich erreichbare bessere Lage schafft. Unnötiges Schwimmen oder Wassertreten verbraucht Kraft und beschleunigt die Abkühlung. Vollständige Ruhe setzt allerdings genug Auftrieb voraus; ohne ihn bleiben die Bewegungen zum Offenhalten des Atemwegs notwendig. Ein erreichbarer Gegenstand, der den Körper tragen kann, hilft auch dann, wenn nur ein Teil des Körpers aus dem Wasser kommt.

Handgriffe, die Greifkraft und Feinmotorik verlangen, gehören früh in diese Phase: erreichbare offene Kleidungsverschlüsse schließen, vorhandene Schutzmittel richtig ordnen oder einen tatsächlich verfügbaren Signalgeber bedienen. Dabei darf das Gesicht nicht ins Wasser geraten. Ohne ausreichende Stütze kann schon das Hochheben eines Arms zum Winken die Schwimmlage verschlechtern. Ein Signal hat zudem nur Nutzen, wenn jemand es wahrnehmen kann.

Drei Gefahren mit unterschiedlichen Folgen

Das Nachlassen der akuten Atemreaktion beendet die Kältewirkung nicht. Danach können vor allem die oberflächennahen Nerven und Muskeln der Gliedmaßen auskühlen. Kraft, Koordination und Gefühl nehmen ab; die Hände verlieren Greif- und Bedienfähigkeit, Schwimmen kann ausfallen. Diese periphere Handlungsunfähigkeit kann bereits bei noch normaler Körperkerntemperatur auftreten. Eine Person kann deshalb ertrinken, weil sie ihren Atemweg nicht mehr über Wasser halten kann, bevor eine ausgeprägte Unterkühlung des Körperkerns entstanden ist.

Hypothermie bezeichnet dagegen die fortschreitende Abkühlung des Körperkerns auf unter 35 °C. Sie verschlechtert zusätzlich Urteilsvermögen und Bewusstsein. Für die eigene Entscheidung zählt die erhaltene Funktion, keine vermeintlich sichere Schwimmfrist: Wassertemperatur, Schutzkleidung, Verletzung, Erschöpfung und Seegang verändern den Verlauf. Nach einem erreichbaren Wasserausstieg bleiben Schutz vor Wind und Nässe sowie tatsächlich verfügbare Wärmedämmung nötig. Die ruhigere Atmung allein zeigt weder ausreichenden Wärmeschutz noch erhaltene Schwimmfähigkeit an.

Bedeutung für Aircrew und maritime Isolation

Bei einer Notwasserung kann die Atemreaktion schon während des Unterwasserausstiegs einsetzen. Die Oberflächenmaßnahme „zurücklegen und die Atmung beruhigen“ bietet dort keinen Atemraum. Zuerst muss die Person aus der untergetauchten Umgebung an eine atembare Oberfläche gelangen. Die eingeschränkte Luftanhaltefähigkeit kann diesen Weg erschweren. HUET, das Helicopter Underwater Escape Training, behandelt das Verlassen eines untergetauchten Hubschraubers. Im britischen Marinelehrgang wird der Ausstieg auch in umgedrehter Lage und bei Dunkelheit geübt. Der anschließende Erhalt einer sicheren Schwimmlage ist eine eigene Aufgabe.

Für über Bord gegangenes Marinepersonal und isolierte Luftfahrzeugbesatzungen kann gerade diese kurze Anfangsphase die weitere Selbsthilfe verhindern: Eingeatmetes Wasser und eine unkontrollierte Lage können sogar den kurzen Weg zu einem vorhandenen Rettungsmittel verhindern. Später kann die durch Kälte geschwächte Greifkraft das Halten an derselben Stütze unmöglich machen.