Sea Survival bezeichnet das Überleben nach maritimer Isolation und die darauf ausgerichtete militärische Ausbildung. Nach dem Verlust eines Luftfahrzeugs, dem Verlassen eines Schiffs oder der Trennung vom eigenen Verband müssen Personen im Wasser oder auf vorhandenen Rettungsmitteln ihre Atmung, Körperwärme und Handlungsfähigkeit erhalten. Zugleich müssen sie mit einem veränderlichen Aufenthaltsort und begrenzten Möglichkeiten zur Ortung und Aufnahme umgehen. Die deutsche Bezeichnung lautet Überleben auf See.
Auftrieb und Schutz erfüllen verschiedene Aufgaben
Im Wasser kostet es Kraft, Mund und Nase über der Oberfläche zu halten. Eine passende, richtig sitzende Rettungsweste liefert dafür Auftrieb und vermindert die notwendige Eigenarbeit. Kälteschutzkleidung begrenzt dagegen die Abkühlung; eine Rettungsinsel hebt den Körper aus dem Wasser und kann zusätzlich gegen Wind, Spritzwasser und Sonne schützen. Welche dieser Funktionen vorhanden sind, ergibt sich aus der tatsächlich mitgeführten und nach dem Ereignis noch erreichbaren Ausrüstung. Ein einzelner Schwimmkörper, eine Einpersoneninsel und eine Besatzungsinsel eröffnen sehr unterschiedliche Möglichkeiten.
Plötzlicher Kontakt mit kaltem Wasser kann unwillkürliches Luftschnappen und eine zunächst kaum kontrollierbare Atmung auslösen. Wer dabei Wasser einatmet, kann bereits in dieser frühen Phase ertrinken. Vorhandenen Auftrieb zu nutzen und unnötige Bewegung zu verringern hilft, die Atemwege aus dem Wasser zu halten, bis die Atmung wieder beherrschbar wird. Erst dann lassen sich die Umgebung und ein erreichbares nächstes Ziel gezielt beurteilen.
Danach droht ein anderer Funktionsverlust: Die Abkühlung von Nerven und Muskeln schwächt Schwimmen, Greifen und feinere Handgriffe. Das kann eintreten, bevor die spätere Abkühlung des Körperkerns das Bewusstsein beeinträchtigt. Deshalb gehören notwendige Verschlüsse und erreichbare Signalgeber zu den Aufgaben, die nach wiedergewonnener Atemkontrolle früh erledigt werden müssen. Im Wasser wird vorhandene Schutzkleidung geschlossen, um den Austausch kalten Wassers darunter zu begrenzen. Eine dafür vorgesehene Spritzschutzhaube an der Weste schützt Mund und Nase gegen Gischt.
Rettungsinsel oder Schwimmkörper: Erreichbarkeit beurteilen
Ein naher, brauchbarer Schwimmkörper oder eine Rettungsinsel kann die Lage erheblich verbessern. Entscheidend ist, ob die Person ihn mit ihrer jetzigen Kraft tatsächlich erreichen und sich daran halten oder darauf bringen kann. Wind kann eine Insel schneller versetzen, als eine erschöpfte Person schwimmt. Deshalb muss während eines kurzen Annäherungsversuchs erkennbarer Fortschritt zum Ziel bestehen. Wer trotz Anstrengung weiter zurückfällt, verbraucht Kraft und beschleunigt im kalten Wasser die Abkühlung.
Ist kein erreichbares Ziel vorhanden, bleibt die Nutzung des vorhandenen Auftriebs und ein möglichst ruhiges Treiben. Arme körpernah zu halten und die Beine zusammenzuführen vermindert die dem kalten Wasser ausgesetzte Körperfläche, soweit das Schwimmhilfsmittel diese Haltung bei freier Atmung zulässt. Schon eine teilweise Auflagerung auf einem tragfähigen Gegenstand verringert die Wasserexposition. Für einen Menschen ohne ausreichenden Auftrieb kann dagegen eine Bewegung zum Offenhalten der Atemwege notwendig bleiben; eine Wärmeschutzposition darf ihn nicht unter Wasser bringen.
Das Einsteigen in eine Insel ist besonders allein schwierig. Ihre vorhandenen Halte- und Einstiegshilfen müssen mit den noch verfügbaren Händen und Beinen genutzt werden. Ob andere Personen beim Einsteigen helfen können, hängt davon ab, wer das Mittel erreicht hat und noch handlungsfähig ist. Eine aus einem Jet mitgeführte Einpersoneninsel bietet eine andere Ausgangslage als das gemeinsame Rettungsmittel einer größeren Luftfahrzeugbesatzung.
Nässe, Wind und Hitze auf der Rettungsinsel
Nach dem Einsteigen folgen die Prüfung des tatsächlichen Personen- und Mittelbestands sowie des Zustands der Insel. Eingedrungenes Wasser, erkennbare Lecks und beschädigte Schutzteile bestimmen, welche Arbeiten nötig sind und mit den vorhandenen Mitteln ausgeführt werden können. Nasse Kleidung kann auch außerhalb des Wassers weiter auskühlen, besonders unter Wind und durch Verdunstung. Schöpfen, Schutz gegen Wind und Spritzwasser sowie eine vorhandene Abdeckung vermindern diese Belastung. Enges Zusammenrücken kann Wärme erhalten, muss aber die Stabilität der Insel berücksichtigen.
Eine geschlossene Abdeckung verlangt weiterhin Lüftung und Beobachtung nach außen. Unter starker Sonne werden Schatten und Luftaustausch wichtig, während unnötige Arbeit zusätzliche Wärme und Flüssigkeitsverlust erzeugt. Schwäche, Kopfschmerz und Übelkeit erschweren das weitere Handeln; Verwirrung kann die Bedienung der Rettungs- und Signalmittel gefährden. Meerwasser verschärft den Wassermangel: Um die zusätzliche Salzmenge auszuscheiden, verliert der Körper mehr Wasser, als er durch das Trinken aufgenommen hat.
Drift verändert den Aufenthaltsort
Strömung versetzt die Person mit dem umgebenden Wasser; Wind wirkt zusätzlich auf die über die Oberfläche ragenden Teile einer Insel. Person, Insel und ein getrennt treibender Ausrüstungsgegenstand können deshalb auseinandergeraten. Ein vorhandener, zum Rettungsmittel gehörender Treibanker erzeugt Widerstand im Wasser und bremst dessen Drift. Er hält die Insel nicht an einer festen Stelle des Meeresbodens. Auch mit ihm bleibt der Aufenthaltsort veränderlich.
Eine gemeldete Unfallposition bezeichnet einen Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt. Nach längerer Drift kann sie weit vom jetzigen Personenort entfernt liegen. Dasselbe Problem entsteht, wenn eine Notfunkbake am Wrack verbleibt oder getrennt von den Überlebenden treibt: Suchkräfte können zunächst den Sender finden. Eine tatsächlich vorhandene Sprech- oder Datenverbindung dient deshalb auch dazu, neue Positionen mit Zeitbezug, den Zustand der Personen und eine veränderte Lage zu übermitteln.
Alarmierung und örtliche Suchhilfe
Eine aktivierte Notfunkbake für das Satellitensystem Cospas-Sarsat kann den Alarm und die Ortung ihres Senders unterstützen. Ihre Bedienung und Lage müssen zur Bauform passen. Eine persönliche PLB wird mit der Antenne in der vorgesehenen Stellung über Wasser gehalten; der Körper soll den Funkweg möglichst wenig abschirmen. Eine maritime EPIRB kann für eine bestimmte Schwimmlage ausgelegt sein und wird an einem Mittel gesichert, das sie nicht mit in die Tiefe zieht. Ein getrennt davontreibender Sender erschwert die Zuordnung zu den Personen.
Für bereits nahe Suchkräfte erfüllen Pfeife, Licht und ein Radar-SART andere Aufgaben. Der Radar-SART antwortet auf geeignete Radarimpulse und erzeugt ein auffälliges Suchsignal auf einem passenden Radarbild. Dessen Verarbeitung und Einstellungen können das Signal jedoch unterdrücken. Eine Auslöseanzeige am SART zeigt dann die Radarabfrage, während die Besatzung den Überlebenden noch nicht erkannt hat. Ebenso bestätigt ein vorhandener Return Link Service an einer Notfunkbake den Alarmempfang und seine Weiterleitung; er meldet keine bereits begonnene Aufnahme.
Unter gegnerischer Bedrohung ist die Sichtbarkeit eines Signals zugleich ein Entdeckungsrisiko. Licht und andere auffällige Zeichen richten Aufmerksamkeit auf die eigene Stelle; Funkabstrahlung kann geortet werden. Die Auswahl der vorhandenen Mittel muss deshalb zu den missionsbezogenen Kommunikationsvorgaben und der tatsächlich erkannten Lage passen. Bei einem Kontakt mit eigenen Aufnahme- oder Rückführungskräften werden die aktuelle Position und die Person getrennt geprüft. Gerätekennung und Koordinaten ersetzen die vorbereitete personale Authentifizierung nicht. Der Seegang, der Zustand der Person, die Bedrohung und die Fähigkeiten der verfügbaren Kräfte bestimmen anschließend die mögliche Aufnahme.
Nationale Ausbildungsrolle und Abgrenzung zu HUET
Die deutsche Marine bildet Luftfahrzeugbesatzungen im Überleben auf See aus. Die Rettungsmittel und Aufgaben werden an Jet, Hubschrauber oder größeres Luftfahrzeug angepasst. Ein Ausbildungsmodell verbindet theoretische Grundlagen und Rettungsmittelkunde mit Wassergewöhnung, Hallenpraxis und einer anschließenden Übung auf offener See. Dabei werden auch der Aufenthalt in der Insel und die Aufnahme mit einer Hubschrauberwinde geübt. Der Übergang aus einer geschützten Halle in Wind, Wellen und Rotorabwind verändert die Schwierigkeit derselben Handgriffe.
Die Royal Navy bündelte in Yeovilton Maritime SERE und Unterwasserausstiegstraining in einem Ausbildungsverbund. Auf das Verlassen der untergetauchten Kabine folgten die Sicherung an der Oberfläche, der Aufenthalt in einer persönlichen Insel und die Aufnahme mit einer Winde. Bei der US Air Force wird die Vorbereitung auf eine Wasserlandung auch als Water Survival Training geführt. In einer Luftfahrzeugbesatzungsauffrischung der 908th Flying Training Wing gehörten die tatsächlichen persönlichen Schwimmhilfen und der Wechsel in Rettungsinseln zur Praxis. Für die Person entscheidet die eigene Ausrüstung darüber, welche dieser Übergänge sie ausführen muss.
HUET bedeutet Helicopter Underwater Escape Training und behandelt die unmittelbare Selbstrettung aus einem untergetauchten Hubschrauber. Sea Survival erklärt die anschließende Aufgabe an der Oberfläche und den Umgang mit der maritimen Umgebung. Ein Lehrgang kann beide Aufgaben verbinden. Der Umweltbegriff Sea Survival legt jedoch weder eine SERE-Stufe noch die Inhalte einer vollständigen Land-Evasion- oder Gefangenschaftsausbildung fest. Dafür sind das nationale Ausbildungssystem sowie das Isolations- und Ausnutzungsrisiko der jeweiligen Verwendung maßgeblich.