Wiki · Begriffserklärung

Resistance Training Laboratory

Resistance Training Laboratory (RTL) bezeichnet in US-SERE-Programmen eine kontrollierte Ausbildungsumgebung, in der eine Gefangenschaftssituation dargestellt wird. Teilnehmer üben, Befragung und gegnerischer Ausnutzung zu widerstehen, Informationen und Mitgefangene zu schützen und in ihrer Lage handlungsfähig zu bleiben. Ausbilder stellen die Gegenseite dar und besprechen anschließend das Verhalten. RTL-Formen reichen vom nachgebildeten Kriegsgefangenenlager bis zum Geiselszenario.

Was im RTL dargestellt wird

Mit der Gefangennahme verändert sich die Aufgabe der isolierten Person. Zuvor ging es darum, sich zu versorgen und dem Gegner auszuweichen. In Gefangenschaft beeinflusst die Gegenseite die Situation und versucht, den Gefangenen für ihre Zwecke zu nutzen. Befragung kann Informationen erschließen; mündliche oder schriftliche Aussagen können gegen das eigene Land oder die Kameraden verwendet werden. Das RTL bringt diese Aufgaben in eine praktische Situation: Ein Teilnehmer muss auf andere Personen reagieren, während seine Antwort oder sein Verhalten auch Mitgefangene betreffen kann.

Im früheren Camp-Mackall-Modell der US Army war das RTL ein nachgebildetes Kriegsgefangenenlager. Die Teilnehmer mussten sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Widerstand gegen Befragung und Ausnutzung leisten. Der Code of Conduct bildete dabei den amerikanischen militärischen Verhaltensrahmen. Im Geiselszenario eines USAF-ECAC-Kurses steht dagegen die Festhaltung als Geisel im Mittelpunkt. Für den Teilnehmer verändern sich damit die dargestellte Gegenseite, die Gefangenschaftslage und die Anwendung des zuvor vermittelten Verhaltens.

Vorbereitung, Anwendung und Nachbesprechung

Das Camp-Mackall-Modell verband zunächst Unterricht zum Code of Conduct mit SERE-Techniken und praktischen Feldfertigkeiten. Es folgte eine Survival- und Evasion-Phase, in der die Teilnehmer Versorgung und Bewegung unter gegnerischer Bedrohung miteinander vereinbaren mussten. Im anschließenden RTL wechselte die Lage zur dargestellten Gefangenschaft. Danach besprachen Ausbilder die Erfahrungen einzeln und mit der Gruppe: Welche Reaktion hatte Informationen oder Kameraden geschützt, welche hatte zusätzliche Angriffsflächen eröffnet und welches Verhalten musste angepasst werden? Diese Folge verbindet die Vorbereitung auf Isolation mit dem Verhalten nach einer Gefangennahme.

Ein Academic Role-Play Laboratory (ARL) bereitet auf solche Situationen durch Rollenszenarien mit Ausbildern vor. Im amerikanischen Ausbildungsanteil für staatliche Festhaltung und Geisellagen beobachten Teilnehmer auch das Verhalten anderer und besprechen es. Dadurch können sie eine Befragung oder eine andere Ausnutzungssituation aus der Beobachterposition nachvollziehen. Im RTL des Lagerbeispiels müssen sie selbst als Gefangene in der zusammenhängenden Situation handeln.

Aufgaben der Teilnehmer

Im amerikanischen Kriegsgefangenenszenario üben die Teilnehmer, den Code of Conduct auf Befragung und Gruppensituationen anzuwenden. Zu den vorgeschriebenen Identitätsangaben gehören Name, Dienstgrad, Dienstnummer und Geburtsdatum. Weiteren Fragen sollen sie nach Kräften ausweichen und mündliche oder schriftliche Aussagen vermeiden, die dem eigenen Land oder seinen Verbündeten schaden. Die praktische Aufgabe ist, die Bedeutung einer verlangten Auskunft oder Aussage zu erkennen und den Informationsschutz auch in der Interaktion mit der Gegenseite aufrechtzuerhalten.

Widerstand umfasst außerdem die Verantwortung für Mitgefangene. Im US-Verhaltensrahmen sollen Gefangene keine Informationen geben und keine Handlungen unterstützen, die ihren Kameraden schaden. Der Ranghöchste übernimmt die Führung; die anderen unterstützen die rechtmäßige Führung und ihre Befehle. Im RTL müssen die Teilnehmer damit nicht allein ihre eigene Befragung bewältigen. Sie müssen auch eine gemeinsame Organisation tragen und Verhalten vermeiden, das die Gruppe gefährdet. Für einen Führer besteht die Aufgabe darin, den Zusammenhalt unter dem Einfluss der dargestellten Gegenseite zu erhalten.

Das australische Conduct-after-Capture-Modell unterscheidet drei Gefangenschaftslagen. Staatliche Festhaltung kann durch eine ausländische Grenzbehörde, Polizei oder einen Nachrichtendienst erfolgen, mit oder ohne bewaffneten Konflikt zwischen den Staaten. Im Geiselszenario hält eine terroristische oder kriminelle Organisation die Person fest. Bei militärischer Ausnutzung ist die Gegenseite die Streitkraft eines fremden Staates. Die Ausbildung umfasst dabei sowohl eine Kriegsgefangenschaft unter Beachtung des humanitären Völkerrechts als auch eine Festhaltung durch eine Seite, die diese Regeln missachtet. Der Teilnehmer muss deshalb das tatsächliche Verhalten der Gewahrsamsmacht berücksichtigen, statt allein aus deren militärischem Auftreten auf seine Behandlung zu schließen.

Ausbilderrollen und Kontrolle

Wie Rollendarstellung und Sicherheitskontrolle getrennt werden können, zeigt ein australisches Conduct-after-Capture-Modell. Qualifizierte Resistance Trainers stellen dort staatliche oder nichtstaatliche Bedrohungsakteure dar. Ein leitender Offizier, der verantwortliche Trainer der Schicht, neutrale Beobachter sowie medizinisches und psychologisches Personal beobachten die Aktivitäten über Video. Das Sicherheitspersonal kann eine Aktivität stoppen; medizinische und psychologische Kräfte können einen Teilnehmer aus der Ausbildung nehmen. Belastungen unterliegen festgelegten Protokollen. Diese Kontrollen begrenzen, was innerhalb des Szenarios geschehen darf.

In diesem australischen Modell erhalten Teilnehmer vor der praktischen Phase eine Einweisung, bestätigen ihre freiwillige Teilnahme und können sich aus der Aktivität zurückziehen. Auch nach einem vorzeitigen Ausstieg folgt eine individuelle Nachbesprechung mit einem Resistance Trainer und einem psychologischen Offizier. Verhalten im Szenario, die Verarbeitung der Ausbildung und gesundheitliche Anliegen werden dadurch gesondert besprochen.

Ausbildungsstufe und Übertragung auf Gefangenschaft

RTL benennt eine Ausbildungsform. Im US-Army-Beispiel gehört sie zu SERE Level C. Der USAF-Kurs Evasion and Conduct After Capture (ECAC) ist ausdrücklich Level B und verbindet Unterricht, Academic Role-Play Laboratories und eine praktische Evasion-Übung mit einem abschließenden Hostage RTL. Wer in einer Lehrgangsbeschreibung RTL liest, muss deshalb auch den konkreten Kurs und das dargestellte Gefangenschaftsszenario betrachten. Das Kürzel allein benennt weder die Risikostufe noch den Umfang der gesamten SERE-Ausbildung.

Der praktische Transfer liegt im Erkennen gegnerischer Ausnutzung, im Schutz von Informationen und Mitgefangenen sowie in der Anwendung des eigenen nationalen Verhaltensrahmens. Eine wirkliche Gefangenschaft lässt sich jedoch nicht entlang des Lehrgangsablaufs behandeln: Die Bewacher sind keine Ausbilder, das Ende der Festhaltung ist unbekannt und ein Rückzug aus der Situation steht dem Gefangenen nicht wie in einem kontrollierten Ausbildungsmodell offen. Geübte Reaktionen müssen deshalb anhand der tatsächlichen Gegenseite, ihrer Handlungen und der eigenen körperlichen und psychischen Lage eingesetzt werden.