
Kolumbiens SERE-Ausbildung – Supervivencia, Evasión, Resistencia y Escape – bereitet Luftfahrzeugbesatzungen darauf vor, nach einem Abschuss, einer Notlandung oder dem Absprung außerhalb des Luftfahrzeugs weiter handlungsfähig zu bleiben. Versorgung, verdeckte Bewegung und Schutz vor Gefangennahme führen dabei auf dasselbe Ziel hin: die Rückkehr in einen sicheren Bereich. Wird die Person gefangen genommen, kommen Informationsschutz, das Überleben unter fremder Kontrolle und die Vorbereitung einer Flucht hinzu. Die Fuerza Aeroespacial Colombiana, kurz FAC, verbindet diese Aufgaben mit Wasserüberleben und den Verfahren zur Aufnahme isolierten Personals.
ESIMA und die fliegerische Vorbereitung
Die Escuela de Instrucción Militar Aérea, ESIMA, befindet sich beim Comando Aéreo de Combate No. 1 in Palanquero bei Puerto Salgar. Zu ihren SERE-Teilnehmern gehören Offiziere und Unteroffiziere mit Aufgaben in Luftfahrzeugbesatzungen. Die Schule vermittelt SERE außerdem innerhalb der Ausbildung professioneller Soldaten für irreguläre Gefechtsführung. Dort steht es neben Verwundetenversorgung und -transport sowie weiteren Gefechtsanteilen. Der Besatzungslehrgang behandelt dagegen besonders den Verlust des Luftfahrzeugs und die anschließende Lage auf dem Boden oder im Wasser.
Im früheren fliegerischen Ausbildungsrahmen war SERE eine Voraussetzung für die Freigabe zur Flugtätigkeit. Personal mit einer Funktion an Bord erhielt die Ausbildung für die Not- und Überlebenssysteme; Erst- und Wiederholungsausbildung waren mit dieser Freigabe verbunden. Schüler der Primär- und Basisflugschulen waren von dieser SERE-Pflicht ausgenommen. Daneben waren getrennte Ausbildungsanteile für den jeweiligen Fallschirm, Schleudersitz, Wassernotfall und die Noträumung des Luftfahrzeugs vorgesehen. Für die Person zählt dabei der Übergang in die Isolation: Ein Ausstieg muss mit dem konkreten Sitz, Gurt, Notausgang und Rettungsmittel funktionieren, bevor sie draußen Nahrung, Wasser oder einen Evasionsweg nutzen kann.
Bei der Vorbereitung auf einen Wasserausstieg wird der Weg vom Sitz zur passenden Öffnung bereits vor dem Notfall gedanklich und praktisch zugeordnet. Eine mit der Hand gehaltene Referenz hilft, diesen Weg auch bei fehlender Sicht unter Wasser wiederzufinden. Gurt, Ausstieg und Rettungsmittel müssen zum jeweiligen Luftfahrzeug passen. Wer diese Verschlüsse erst in der vollgelaufenen Kabine suchen muss, verbraucht dafür Zeit und Atemreserve. Auf den Ausstieg folgt eine neue Aufgabe: mit den erreichbaren Auftriebsmitteln an der Oberfläche bleiben und weitere Überlebensmittel erreichen.
Menschen ohne fliegerische Bordfunktion brauchen ebenfalls die zu ihrer Tätigkeit und ihrem Luftfahrzeug passende Notfallausbildung. Für regelmäßig an Bord tätiges Personal ohne formellen Flugposten waren Evakuierung und Gebrauch der vorhandenen Ausrüstung Teil des vorgeschriebenen Trainings. Auch Personen, die ohne Bordfunktion in einem Luftfahrzeug mit Schleudersitz mitflogen, mussten eine passende Einweisung in Notverfahren, Ausrüstung und den Gebrauch des Schleudersitzes erhalten. Für diese beiden Gruppen ersetzte ein kurzes Vorflugbriefing die praktische Vorbereitung nicht. Die Kabinenausstiegsvorbereitung bezieht auch Passagiere ein.
Unterricht, Geländeaufgaben und Einsatzbriefing
Das kolumbianische Ausbildungsmodell verbindet formellen Unterricht, selbstständige Vorbereitung und das Briefing vor dem konkreten Flug. Im Unterricht werden die Verfahren und die Überlebens- und Rückführungsausrüstung behandelt. Die individuelle Vorbereitung ergänzt dies durch SERE-Material und Inhalte zu Search and Rescue, kurz SAR, der Suche und Rettung, sowie den vertrauten Umgang mit den Geräten. Das Einsatzbriefing klärt dagegen die gegenwärtige Lage: Was soll die Besatzung nach dem Verlust des Luftfahrzeugs tun, welche Bereiche sind geeignet und welche Kontaktverfahren gelten für diesen Auftrag? Resistance und Gefangenschaft verlangen einen eigenen Ausbildungsanteil; sie werden nicht erst in einem kurzen Vorflugbriefing vermittelt.
In einem internationalen ESIMA-SERE-Lehrgang übten die Teilnehmer Auftrieb und Überleben im Wasser, Unterkunftbau, Versorgung im Dschungel, Abseilen sowie hubschraubergestützte Extraktion mit Seil und Leiter. Hinzu kamen Evasion, Verhalten in Gefangenschaft und Flucht. Ein solcher Umfang verbindet unterschiedliche Kontrollverluste: Zunächst fehlen Luftfahrzeug und reguläre Versorgung, später kann ein Gegner auch die Bewegungsfreiheit nehmen. Die praktischen Aufgaben behandeln deshalb sowohl den Gebrauch verbliebener Mittel als auch den Übergang zur Aufnahme durch andere Kräfte.
Die Vorbereitung auf Evasion beginnt vor dem Einsatz mit Anfangspunkt, möglichen Treffpunkten, Haupt- und Ausweichroute sowie Bereichen für Ruhe und Versorgung. Ein Treffpunkt hilft einer getrennten Besatzung nur, wenn Ort und zeitlicher Rahmen vorher gemeinsam verstanden wurden. Eine Ausweichroute wird notwendig, wenn der erste Weg besetzt, zu offen oder durch das Gelände unbrauchbar ist. Das Briefing muss außerdem klären, ob die Person im Unfallraum bleiben oder ihn verlassen soll, und welche Signale und Identitätsverfahren zu einer möglichen Rückführung gehören.
Vom Unfallraum zum gedeckten Aufenthaltsort
In gegnerisch bedrohtem Gebiet beginnt die eigene Arbeit mit dem Zustand der Überlebenden und dem Material, das nach dem Notfall tatsächlich verfügbar ist. Verletzungen können die Gehfähigkeit einschränken; ein Überlebenssatz im unzugänglichen Wrack trägt die weitere Versorgung nicht. Brauchbares Material wird deshalb ausgewählt und gesichert. Anschließend braucht die Person einen Aufenthaltsort mit Sichtschutz und einem möglichen Weiterweg. Der auffällige Unfallraum und ein geeigneter Ort für längere Versorgung können weit auseinanderliegen.
Am gedeckten Ort lassen sich Verletzungen, Kleidung, Wasser, Nahrung und Ruhe eingehender behandeln. Der kolumbianische Ansatz verbindet dabei Rationierung mit dem unbekannten Zeitraum bis zur Aufnahme. Die Person muss mit dem vorhandenen Vorrat planen und weitere Beschaffung gegen Zeit, Kraft und Exposition abwägen. Ein Gewässer kann Wasser liefern und zugleich zu einem vorhersehbaren Anlaufpunkt werden. Dort lange offen zu arbeiten, macht aus der Versorgung ein zusätzliches Entdeckungsrisiko.
Feuer liefert Wärme, trocknet Material oder ermöglicht die Zubereitung von Nahrung; Rauch und Licht machen zugleich den Aufenthaltsbereich erkennbar. Bei einer Signalaufgabe ist diese Sichtbarkeit beabsichtigt, beim verborgenen Aufenthalt kann sie den Gegner heranführen. Die Person muss deshalb den Nutzen für Wärme und Versorgung gegen die Gefahr der Entdeckung abwägen. Ein Ruheplatz mit bereits vorhandenem Wetterschutz verringert den Aufwand, ohne die Beobachtung der Umgebung entbehrlich zu machen.
Die Vorbereitung reicht über den Dschungel hinaus. Meer, trockene Räume sowie Schnee und Hochgebirge verlangen unterschiedliche Überlebensmittel. Die FAC ordnet die Ausstattung nach Umwelt, Topografie, taktischer Lage und Risiko des Flugauftrags. Ob die Ausrüstung nach dem Notfall erreichbar bleibt, hängt auch davon ab, ob sie am Körper getragen oder im Luftfahrzeug verstaut wird. Nach dem Absprung oder Wasserausstieg entscheidet die Person mit den Mitteln, die sie bei sich hat oder noch sicher erreichen kann; die geplante Gesamtausstattung ist dann möglicherweise nur noch teilweise vorhanden.
POEO: die Bewegung wiederholt unterbrechen
Ein kolumbianischer Merksatz für die Beobachtung während der Evasion lautet POEO: parar, observar, escuchar y oler – anhalten, beobachten, hören und riechen. Der Halt schafft zunächst Gelegenheit, Gelände und gewählte Richtung wieder zuzuordnen. Beim Beobachten sucht die Person nach Bewegung, auffälligen Veränderungen und menschlicher Aktivität. Beim Lauschen können Fahrzeuge, Stimmen oder andere Geräusche hervortreten, die das eigene Gehen überdeckt. Ungewohnter Zigarettenrauch oder Essensgeruch kann auf Menschen in der Nähe hinweisen. Daraus entsteht ein Anlass zur genaueren Lagebeurteilung; der Geruch allein sagt noch nicht, wer dort ist.
Die Bewegung erfolgt zwischen gedeckten Beobachtungspunkten. Vor einer notwendigen Wegequerung wird der Bereich aus Sichtschutz geprüft, statt erst auf der offenen Fläche nach Personen oder Fahrzeugen zu suchen. Ein Weg kann bequem sein und gleichzeitig Bewegung bündeln, sichtbar machen oder an bewachten Stellen vorbeiführen. Eine hohe Silhouette gegen den Horizont, klappernde Ausrüstung und abgebrochene Vegetation hinterlassen unterschiedliche Hinweise auf dieselbe Person. Tarnung muss deshalb Bewegung, Geräusch und Spuren einschließen.
Weniger Licht oder schlechtes Wetter kann die optische Beobachtung erschweren, verändert aber auch die eigene Fähigkeit, Hindernisse und den Weiterweg zu erkennen. Dichtes Gelände schützt vor direktem Einblick und kostet beim Durchqueren Kraft. Die Person beurteilt daher den nächsten Abschnitt nach seinem tatsächlichen Sichtschutz, den erkennbaren Aktivitäten und ihrem Zustand. Der längste Weg abseits einer Straße ist kein brauchbarer Ausweg, wenn sie ihn mit ihrer Verletzung oder dem verbliebenen Wasser nicht bewältigen kann.
Alleine entstehen meist weniger Geräusche und Spuren als bei einer größeren Gruppe. Gleichzeitig fehlt die gegenseitige Hilfe beim Versorgen einer Wunde, Beobachten oder Tragen von Material. Eine noch zusammengebliebene Besatzung kann diese Aufgaben verteilen, muss dafür aber Bewegung und Ruhe abstimmen. Für eine bereits allein isolierte Person bleiben die Entscheidungen an die eigene Kraft und Ausrüstung gebunden.
Gefangenschaft und der kolumbianische Resistance-Ansatz
Die kolumbianische SERE-Vorbereitung behandelt neben Gefangenschaft durch gegnerische Streitkräfte auch die Entführung von Militärangehörigen durch nichtstaatliche bewaffnete Gruppen. Dazu gehört eine Lage mit Fesselung, Trennung von Mitgefangenen, unzureichendem Wetterschutz und kontrolliertem Zugang zu Wasser, Nahrung oder Medikamenten. Solche Einschränkungen greifen direkt in die spätere Handlungsfähigkeit ein: Bewegungsmangel schwächt die körperlichen Möglichkeiten, Schlafentzug beeinträchtigt Aufmerksamkeit und zeitliche Orientierung, eine unbehandelte Verletzung begrenzt den möglichen Weiterweg.
Resistance umfasst deshalb mehr als Antworten in einer Befragung. Die Person braucht ein Verhalten, mit dem sie ihren täglichen Bedarf unter fremder Kontrolle regelt und militärische Informationen schützt. Eine Bitte um Wasser oder die Verständigung über Nahrung ist eine andere Kommunikation als die Preisgabe von Auftrag, Standorten oder Rückführungsverfahren. Der kolumbianische Ansatz berücksichtigt diesen Unterschied. Die Gefangenen sollen ihren Alltag über längere Zeit organisieren können, ohne durch notwendige Gespräche zugleich militärische Informationen preiszugeben.
Im kolumbianischen SERE-Verhaltensmodell gehören Solidarität unter Mitgefangenen, Schutz militärischer Informationen und die Vermeidung gegnerischer Ausnutzung zusammen. Bevorzugte Behandlung kann die Gruppe spalten; öffentliche Erklärungen können der Propaganda dienen. Eine vorhandene militärische Gefangenengruppe behält außerdem ihre Verantwortung füreinander und eine geordnete Führung. Für einen einzeln Festgehaltenen bleiben Selbstkontrolle, Beobachtung, die Erhaltung körperlicher Möglichkeiten und der Schutz von Informationen die eigenen Aufgaben.
Nach einer Flucht kann erneut Evasion nötig werden. Die Person muss daher über das Verlassen des Gefangenschaftsorts hinausdenken: Welches Gelände wartet draußen, welche Versorgung ist erreichbar, wie weit trägt ihr körperlicher Zustand und wohin kann sie sich bewegen? Die kolumbianische Fluchtvorbereitung verbindet Gelegenheit und Bewachung mit Wetter, Gelände und eigener Fähigkeit. Eine Bewegung, die unmittelbar aus der Kontrolle führt, kann anschließend an Erschöpfung, einem Gewässer oder erneutem Kontakt mit dem Gegner scheitern.
Signalisierung, Identitätsprüfung und die eigene Lage
Bei Personnel Recovery kommen die Aufgaben der isolierten Person und der aufnehmenden Kräfte zusammen. Die Person bereitet vorhandene Signale und Kommunikationsmittel vor, hält einen geeigneten Bereich unter Beobachtung und versorgt sich weiter. Erst wenn Kräfte tatsächlich erreichbar sind, wird aus der Vorbereitung ein gemeinsames Verfahren. Ein Funkgerät braucht Energie und einen nutzbaren Übertragungsweg; ein optisches Signal braucht eine Sichtverbindung zur richtigen Seite.
Ein Lagebericht muss den Kräften die für ihre Entscheidung nötigen Angaben geben: Ort, Zahl der Personen, Verletzungen und Bewegungsfähigkeit sowie Gegneraktivität, Gelände und Wetter. Vereinbarte Kontaktzeiten schonen die begrenzte Batterie. Die kolumbianische Vorbereitung behandelt außerdem persönliche Antworten oder Kennzahlen zur Authentifizierung. Damit wird geprüft, ob der Kontakt wirklich zur gesuchten Person gehört. Die Person muss die vorab vereinbarten Angaben selbst erinnern können und die vorgesehenen Erkennungszeichen der Kräfte ebenfalls prüfen.
In bedrohtem Gelände richten sich Funk und sichtbare Signale nach dem Einsatzbriefing und dem hergestellten Kontakt. Rauch, Signalraketen oder ausgebreitete Markierungen können den richtigen Hubschrauber heranführen und gleichzeitig den Gegner aufmerksam machen. Vorbereitete, rasch wieder verdeckbare Signale begrenzen die Dauer dieser Exposition. Fehlt die Verbindung, bleibt die eigene Arbeit an Schutz, Versorgung und einem tatsächlich gangbaren Weiterweg bestehen; ein ungerichtetes Dauersignal kann diese Aufgaben erschweren und die Energie aufbrauchen.
Landung, Winde und der letzte Weg zur Aufnahme
Ein Aufnahmeort muss zwei Bedürfnisse verbinden: Die Person braucht Deckung und einen Ausweg, das Luftfahrzeug einen nutzbaren Anflug und Raum für das gewählte Verfahren. Ein guter Ruheplatz unter dichter Vegetation kann für eine Landung ungeeignet sein. Deshalb werden Versteck, Weg zur Aufnahmestelle und eigentlicher Aufnahmebereich gemeinsam beurteilt. Solange sich die Kräfte nicht tatsächlich annähern, muss die Person dort weder offen warten noch ihre gesamte Ausrüstung auslegen.
Kann ein Hubschrauber nicht landen, kommt eine Windenaufnahme mit geeignetem Rettungsgerät in Betracht. Zum kolumbianischen Ausbildungsgegenstand gehören dafür der penetrador de selva, ein zusammenklappbarer Rettungssitz für die Aufnahme durch Vegetation, sowie weitere Sitz-, Schlingen- und Verwundetenmittel. Diese Geräte werden vom Luftfahrzeug herabgelassen und verlangen den passenden Umgang mit Gurt, Halterung und Anschlagpunkt. Sie helfen erst, wenn ein entsprechend ausgerüsteter Hubschrauber die Stelle erreicht.
Bei der tatsächlichen Aufnahme werden lose Gegenstände gegen den Rotorwind gesichert, Waffen gesichert und unnötige Bewegungen vermieden. Die Person nähert sich dem Luftfahrzeug erst auf das entsprechende Zeichen. Bei der Winde muss das herabgelassene Gerät zunächst den Boden berühren, damit sich statische Ladung ableiten kann. Danach werden die vorgesehenen Sicherungen angelegt und geprüft. Die konkrete Annäherung und das Anschlagen richten sich nach Luftfahrzeug und Rettungsmittel.
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