Historische Geschichte · 2019

Abhinandan Varthaman: Abschuss über Kaschmir

2019 überlebte der indische Jagdflieger Abhinandan Varthaman den Abschuss seiner MiG-21 über Kaschmir. Nach der Gefangennahme durch Pakistan wurde er zwei Tage später am Grenzübergang Wagah–Attari freigelassen.

Eine indische MiG-21 Bison im Flug mit der Kennung CU2813 und orange-weiß-grünem Seitenleitwerk.
MiG-21 Bison der indischen Luftwaffe am 9. September 2025. Die Aufnahme zeigt den Flugzeugtyp, nicht Abhinandans 2019 abgeschossene Maschine.

Am 27. Februar 2019 wurde der indische Jagdflieger Abhinandan Varthaman über Kaschmir abgeschossen. Mit dem Schleudersitz rettete er sich aus seiner MiG-21 Bison, doch sein Fallschirm brachte ihn auf der pakistanisch kontrollierten Seite zu Boden. Dort erreichten ihn Einwohner, bevor Soldaten eintrafen. Der Pilot überlebte den Abschuss, die Verfolgung und die Schläge bei seiner Gefangennahme. Während die Kämpfe zwischen Indien und Pakistan weitergingen, verlangte die indische Regierung seine Freilassung.

Von Pulwama zum Luftkampf

Knapp zwei Wochen zuvor, am 14. Februar, hatte ein Selbstmordanschlag auf einen Konvoi der indischen Central Reserve Police Force bei Pulwama vierzig Angehörige dieser paramilitärischen Polizeitruppe getötet. Die islamistische Organisation Jaish-e-Mohammed bekannte sich zu dem Anschlag. Indien warf Pakistan vor, der Gruppe die Tätigkeit auf seinem Gebiet zu ermöglichen; Pakistan wies eine Beteiligung zurück. Am 26. Februar griff die indische Luftwaffe ein Ziel bei Balakot in Pakistan an, das die indische Regierung als Ausbildungslager der Organisation bezeichnete.

Am folgenden Vormittag flogen pakistanische Kampfflugzeuge einen Einsatz an der Line of Control, der militärischen Kontrolllinie zwischen den beiden Teilen Kaschmirs. Beide Staaten beanspruchten das Gebiet, hielten aber unterschiedliche Teile davon. Diese Linie war deshalb keine gewöhnliche, von beiden Seiten als endgültig anerkannte Staatsgrenze.

Nach der späteren indischen Darstellung erfassten die Radare gegen zehn Uhr eine größere pakistanische Formation, deren Flugzeuge in unterschiedlichen Höhen anflogen. MiG-21 Bison, Su-30MKI und Mirage 2000 wurden zum Abfangen eingesetzt. Abhinandan gehörte zu den MiG-21-Piloten, die der Formation entgegenflogen. Das Gefecht spielte sich unmittelbar am umkämpften Grenzraum ab; nach dem Verlust seines Flugzeugs kam er jenseits der eigenen Stellungen zu Boden.

Abschuss und Landung jenseits der Kontrolllinie

Die MiG-21 Bison war eine modernisierte Ausführung des sowjetischen MiG-21-Jagdflugzeugs, das schon seit den 1960er-Jahren in Indien geflogen wurde. Abhinandans Einsatz am 27. Februar war eine Abfangmission gegen die pakistanischen Flugzeuge. Die spätere indische Auszeichnungsbegründung schildert, wie er mit seinem Bordradar ein tief fliegendes gegnerisches Flugzeug erfasste und die anderen Piloten warnte. Zusammen mit seinem Flügelmann ging er zum Angriff über. Anschließend verfolgte er nach dieser Darstellung eine zurückfliegende gegnerische Maschine, bevor seine eigene MiG getroffen wurde. Indien schrieb ihm den Abschuss einer pakistanischen F-16 zu. Pakistan bestritt diesen Verlust; der behauptete F-16-Abschuss blieb zwischen den beiden Ländern umstritten.

Abhinandans eigene Maschine ging verloren. Er löste den Schleudersitz aus und kam unter einem Fallschirm in der Gegend des Dorfes Horran im Raum Bhimber nieder. Das Dorf lag im pakistanisch verwalteten Teil Kaschmirs, in einem Gebiet unter der Kontrolle der gegnerischen Armee.

Die Bewohner hatten den Absturz und den sinkenden Fallschirm bemerkt. Der örtliche Politiker Mohammad Razzaq Chaudhry machte sich mit anderen Männern auf den Weg. Er berichtete später, dass das Wrack und der Pilot an verschiedenen Stellen niedergegangen waren. Die Männer fanden Abhinandan, bevor Soldaten ihn erreichten. Er hatte nach dem Ausstieg kaum Zeit gewonnen, um sich unbemerkt vom Landeort zu entfernen; die Menschen am Boden waren bereits auf ihn aufmerksam geworden.

Verfolgung und Gefangennahme bei Horran

Chaudhry schilderte die Begegnung in Interviews mit Dawn und der BBC. Abhinandan habe zunächst gefragt, ob er in Indien gelandet sei. Ein junger Mann bejahte die Frage. Der Pilot löste sich von seinem Fallschirm und rief einen patriotischen Slogan. Aus der Gruppe kam ein Ruf für Pakistan zurück. Die vermeintliche Auskunft über den Landeort war falsch gewesen. Abhinandan zog seine Pistole, schoss in die Luft und wich vor den Männern zurück, die Steine aufnahmen und ihm folgten.

Während der Verfolgung versuchte Abhinandan, mitgeführte Papiere zu vernichten. Er nahm Blätter in den Mund und brachte andere ins Wasser. Nach Chaudhrys Aussage entrissen ihm Einwohner jedoch einen Teil der Unterlagen und übergaben sie später der Armee. Chaudhry beschrieb die Sicherstellung, ohne den Inhalt der Papiere offenzulegen.

Als die Männer Abhinandan überwältigten, handelten sie nicht geschlossen. Einige schlugen auf ihn ein; andere versuchten, die Angriffe zu unterbinden. Chaudhry erklärte, er habe den Piloten lebend in die Hände der Armee bringen wollen und zugleich befürchtet, dass der Pilot oder seine Verfolger einander verletzen könnten. Die Ankunft pakistanischer Soldaten beendete diese Lage. Auf den veröffentlichten Aufnahmen schirmten sie den blutenden Piloten gegen weitere Schläge ab und brachten ihn aus der Menschenmenge.

Die Soldaten übernahmen Abhinandan in militärischen Gewahrsam. Dawn berichtete, dass sie ihn zu einer militärischen Einrichtung in Bhimber brachten. Über seine weiteren Haftorte und die Wege zwischen ihnen wurde öffentlich wenig bekannt. Die nächsten Bilder zeigten ihn bereits als Gefangenen vor einer Kamera.

Ein Gefangener vor laufender Kamera

Noch am Tag des Abschusses verbreiteten pakistanische Stellen Videos des Piloten. Eine frühe Aufnahme zeigte ihn mit verbundenen Augen und Blut im Gesicht. Er nannte seinen Namen und Dienstgrad, erklärte, verletzt zu sein, und bat um Wasser. Bei weiteren Fragen blieb er bei der Auskunft, diese nicht beantworten zu dürfen. In einer späteren Aufnahme saß er ohne Augenbinde bei einer Tasse Tee. Er bedankte sich bei den pakistanischen Offizieren für ihre Behandlung.

Die Aufnahmen erreichten ein großes Publikum in beiden Ländern. In Indien waren sie zugleich ein Lebenszeichen des vermissten Piloten. Seine Familie und die Öffentlichkeit konnten sehen, dass er den Abschuss überlebt hatte. Pakistan konnte denselben Gefangenen als Ergebnis des Luftkampfs präsentieren. Seine Bewacher bestimmten, wann gefilmt wurde und welche Bilder die Öffentlichkeit erreichten. Auch der ruhig wirkende Mann mit der Teetasse war weiterhin ein Gefangener. Die Aufnahmen ließen offen, was zwischen ihnen geschah und unter welchen Bedingungen die Befragungen geführt wurden.

Abhinandan beantwortete die Fragen zu seiner Identität und hielt weitere Informationen zurück. Im Genfer Abkommen über Kriegsgefangene sind die Pflichtangaben zur Identität ausdrücklich begrenzt: Name, Dienstgrad, Geburtsdatum und Dienstnummer beziehungsweise gleichwertige Angaben. Artikel 17 verbietet körperlichen oder psychischen Zwang zur Gewinnung weiterer Informationen. Ein Auftrag, die Zusammensetzung eines Verbands oder andere Einsatzangaben gehören nicht zu diesen Pflichtangaben.

Das Abkommen verpflichtete die festhaltende Macht zugleich zur menschlichen Behandlung und zum Schutz vor Gewalt, Einschüchterung, Beleidigungen und öffentlicher Neugier. Indien protestierte deshalb gegen die Veröffentlichung der Aufnahmen des verletzten Offiziers und forderte seine unverzügliche, sichere Rückkehr. Pakistan erklärte, ihn nach den Regeln militärischer Ethik zu behandeln. Abhinandan blieb während dieser öffentlichen Auseinandersetzung in pakistanischem Gewahrsam.

Die Ankündigung seiner Freilassung

Am 28. Februar kündigte der pakistanische Premierminister Imran Khan vor dem Parlament an, Abhinandan am nächsten Tag freizulassen. Er bezeichnete die Entscheidung als Friedensgeste. Die Staaten standen nach den Luftangriffen und dem Gefecht unter internationalem Druck, weitere Kämpfe zu vermeiden. Die USA, China und andere Mächte riefen zur Zurückhaltung auf.

Die indische Luftwaffe begrüßte die angekündigte Rückkehr ihres Piloten. Bei derselben gemeinsamen Pressekonferenz der drei Teilstreitkräfte erklärte das Heer, bodengebundene Luftabwehr in Alarmbereitschaft und mechanisierte Verbände in Bereitschaft versetzt zu haben. Entlang der Kontrolllinie wurde weiterhin geschossen. Die Freilassung löste das unmittelbare Problem eines gefangenen Offiziers, während der Konflikt zwischen den Staaten fortbestand.

Für die Rückgabe wurde der Grenzübergang Wagah–Attari bei Lahore und Amritsar gewählt. Abhinandan sollte die internationale Grenze in Punjab überqueren. Seine Heimreise führte damit an einen regulären Übergabepunkt weit entfernt von dem Dorf in Kaschmir, in dem er nach dem Luftkampf gelandet war.

Der Weg über Wagah–Attari

Am 1. März brachten pakistanische Behörden Abhinandan von Lahore aus in einem von Militärfahrzeugen begleiteten Konvoi zum Grenzübergang. Bewaffnete Soldaten sicherten den Transport. Vor der Übergabe waren mehrere Verfahren zu erledigen, darunter eine medizinische Untersuchung. Der Ablauf zog sich über Stunden hin. Bis zum Grenzübertritt blieb der Pilot unter pakistanischer Bewachung.

Noch vor der Übergabe strahlte das pakistanische Fernsehen eine weitere Aufnahme aus. Darin trug Abhinandan seinen grünen Fliegeranzug und schilderte die Rettung vor den Einwohnern durch zwei pakistanische Soldaten. Wann das Video aufgenommen worden war, blieb unklar.

Auf der indischen Seite hatten sich während des Tages Menschen mit Fahnen versammelt, um den Piloten zu empfangen. Als er am Abend tatsächlich die Grenze überquerte, waren viele schon wieder gegangen. Die Fernsehkameras zeigten Abhinandan in einem blauen Jackett und einer grauen Hose, begleitet von pakistanischen Beamten. Auf der anderen Seite übernahmen indische Angehörige der Sicherheitskräfte. Etwas mehr als zwei Tage nach seiner Gefangennahme befand er sich wieder in Indien.

Damit endete seine Haft. Abhinandan wurde nach Neu-Delhi gebracht und medizinisch betreut. Air Vice Marshal R. G. K. Kapoor erläuterte, dass die Untersuchung insbesondere wegen des Ausstiegs mit dem Schleudersitz vorgeschrieben sei. Bevor der Pilot wieder fliegen konnte, musste seine Flugtauglichkeit festgestellt werden.

Wieder im Cockpit

Abhinandan kehrte in den Flugdienst zurück. Am 2. September 2019 flog er auf dem Luftwaffenstützpunkt Pathankot mit dem damaligen Luftwaffenchef B. S. Dhanoa in einer zweisitzigen MiG-21. Der gemeinsame Flug im Schulflugzeug fand gut sechs Monate nach dem Abschuss statt. Die Freigabe für den Flugdienst war nach erneuter medizinischer Untersuchung im August erfolgt.

Am 22. November 2021 überreichte Präsident Ram Nath Kovind ihm im Rashtrapati Bhavan in Neu-Delhi das Vir Chakra, eine indische Tapferkeitsauszeichnung. In der Liste der Geehrten wurde er bereits als Group Captain geführt. Die amtliche Begründung würdigte seinen Einsatz im Luftkampf und sein Verhalten in Gefangenschaft.

Am 31. März 2026 verließ Abhinandan die indische Luftwaffe im vorzeitigen Ruhestand. Im August trat er als Pilot in die Regionalfluggesellschaft FLY91 in Goa ein. Als der Wechsel Anfang September öffentlich wurde, befand er sich Berichten zufolge in der Ausbildung auf der ATR 72-600; die Fluggesellschaft selbst nannte aus Datenschutzgründen keine Einzelheiten zu seinem Einsatz.

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