MIST ist ein Schema für die kurze, geordnete Übergabe medizinischer Informationen über einen Verletzten oder Erkrankten. Im militärischen Verwundetentransport stehen die Buchstaben häufig für Mechanism of injury, Injuries, Signs/Symptoms und Treatment: Entstehung der Verletzung, festgestellte Verletzungen, Zeichen und Beschwerden sowie bereits erfolgte Behandlung. Damit erfährt der nächste Helfer oder Versorgende, was geschehen ist, wie sich der Zustand entwickelt hat und welche Maßnahmen schon durchgeführt wurden. Bei der Rückführung isolierten Personals hilft das Schema, diese Informationen bei einem tatsächlich möglichen Kontakt oder einer Übergabe geordnet weiterzugeben.
Was die vier Angaben erklären
Die Reihenfolge führt von der Entstehung über die festgestellten Probleme zum gegenwärtigen Zustand und zur bisherigen Versorgung. Sie trennt Informationen, die beim Blick auf den Patienten leicht vermischt werden: Ein Unfallhergang ist noch kein Verletzungsbefund, eine Beschwerde noch keine bestätigte Diagnose und ein angelegter Verband noch kein Nachweis seiner anhaltenden Wirkung.
| Feld | Inhalt und Informationszweck |
|---|---|
| M – Mechanism | Was hat die Verletzung verursacht? Beispielsweise Sturz, Explosion oder Schussverletzung; dazu die bekannten Umstände und der Zeitpunkt. So erhält der nächste Versorgende den Entstehungszusammenhang. Bei einer Erkrankung kann dieses Feld als Medical Complaint die führende Beschwerde und ihren Beginn aufnehmen, etwa seit mehreren Stunden bestehende Bauchschmerzen. Die Ursache wird nur genannt, wenn sie bekannt ist. |
| I – Injuries | Welche Verletzungen wurden festgestellt, an welcher Körperstelle und auf welcher Seite? Bei Erkrankten gehören die bekannte Erkrankung oder die bislang festgestellten Probleme dazu. Sichtbare Wunden, eigene Beschwerden und medizinisch bestätigte Befunde werden als solche bezeichnet. Ein vermuteter Bruch bleibt ein Verdacht; nicht untersuchte Körperbereiche bleiben offen. Der nächste Helfer erkennt dadurch, welche Probleme bekannt sind und wo Informationen fehlen. |
| S – Signs/Symptoms | Wie ist der Zustand jetzt? Zeichen sind beobachtete oder gemessene Befunde, Symptome die vom Betroffenen geschilderten Beschwerden. Dazu gehören etwa Ansprechbarkeit, auffällige Atmung, Schmerzen und tatsächlich erhobene Vitalwerte. Messzeit und Veränderungen machen erkennbar, ob die Angabe noch den aktuellen Zustand beschreibt. „Spricht zusammenhängend“ und „klagt über Atemnot“ vermitteln unterschiedliche Informationen. |
| T – Treatment | Was wurde tatsächlich getan, wann und mit welchem erkennbaren Ergebnis? Genannt werden die erfolgten Maßnahmen und verwendeten Mittel, bei örtlichen Maßnahmen auch die Körperstelle. Bei bereits gegebenen Medikamenten gehören bekannte Bezeichnung, Menge, Verabreichungsart und Zeitpunkt dazu. Ein vergeblicher Versuch oder eine erneut aufgetretene Blutung muss erkennbar bleiben, damit die nächste Versorgung nicht von einer nur angenommenen Wirkung ausgeht. |
Zeitpunkt, Verlauf und unbekannte Werte
Ereigniszeit, Messzeit und Behandlungszeit bezeichnen verschiedene Dinge. „Sturz um 14:10 Uhr“ sagt nichts darüber, wann ein später genannter Puls erhoben wurde. Auch die Zeit einer Verband- oder Tourniquetanlage gehört zu dieser konkreten Maßnahme. Bei Uhrzeiten muss klar sein, welches Zeitsystem gemeint ist; in einer internationalen Übergabe können Ortszeit und UTC sonst mehrere Stunden auseinanderliegen.
Fehlen Uhr oder sichere Erinnerung, wird die Unsicherheit mitgemeldet: „vor ungefähr einer Stunde“, „Zeitpunkt geschätzt“ oder „Anlagezeit unbekannt“. Auch bei Messwerten muss der tatsächliche Kenntnisstand erkennbar bleiben. Blutdruck und Sauerstoffsättigung können ohne die entsprechenden Geräte nicht angegeben werden; ein als schnell empfundener Puls ist keine gezählte Herzfrequenz. „Nicht gemessen“ erhält diese Information besser als eine vermeintlich normale Zahl.
Für den Verlauf sind frühere und aktuelle Angaben mit ihrem Zeitbezug nötig. „Zunächst wach und zusammenhängend sprechend, seit etwa zehn Minuten zunehmend schläfrig“ beschreibt eine Veränderung, die „Patient ansprechbar“ verdeckt. Bei vorhandenen Messungen werden der letzte Wert und wesentliche Veränderungen weitergegeben. Fehlen Messgeräte, bleiben nachvollziehbare Beobachtungen nutzbar. Ein Blick auf den Betroffenen rechtfertigt keine pauschale Meldung „Vitalwerte stabil“.
Was die isolierte Person festhalten kann
Eine verletzte Person kann die Entstehung, eigene Beschwerden und erfolgte Eigenhilfe beschreiben, auch wenn sie medizinische Befunde nicht benennen kann. Ein Begleiter ergänzt, was er selbst gesehen hat. Die Herkunft einer Angabe wird deutlich gemacht: „Er sagt, er war kurz bewusstlos“ ist eine Patientenaussage; „ich habe die Bewusstlosigkeit beobachtet“ ist eine eigene Beobachtung. Eine vor der Isolation bestätigte Erkrankung kann genannt werden; neu entstandene Beschwerden erhalten dadurch noch keine gesicherte Diagnose.
Eine fehlende vollständige Untersuchung wird ausdrücklich benannt. „Wunde am rechten Unterschenkel, weitere Verletzungen nicht untersucht“ ist brauchbarer als „nur eine Beinverletzung“. Schmerzen im Bauch lassen sich als Beschwerde melden, ohne eine innere Verletzung oder eine bestimmte Erkrankung zu behaupten. Bei begrenzten Kenntnissen werden Ansprechbarkeit und Verhalten in verständlichen Worten beschrieben. Ein klinischer Punktwert gehört nur in die Meldung, wenn seine Prüfung beherrscht und tatsächlich durchgeführt wurde.
Wenn Schreibmittel vorhanden sind und die Lage es zulässt, werden die Angaben auf einer mitgeführten Verletztenkarte oder einer lesbaren Notiz festgehalten und später ergänzt. Die Notiz muss dem richtigen Patienten zugeordnet bleiben und mit ihm weitergegeben werden. Durch Nässe oder Verschmieren können Angaben unlesbar werden; vom Patienten getrennte Unterlagen können bei der Übergabe fehlen. Beim Schreiben dürfen weder eine unmittelbar nötige Versorgungsmaßnahme noch der Schutz vor einer gegenwärtigen Bedrohung liegen bleiben.
Eine kurze, nachvollziehbare Übergabe
Bei einem tatsächlichen Kontakt wird zunächst klargestellt, zu welcher Person die Meldung gehört. Danach folgen die wesentlichen Angaben in der vereinbarten Reihenfolge M–I–S–T. Eine akute Zustandsänderung, die sofortiges Handeln verlangt, wird vorangestellt. Der Empfänger erhält die aktuellen Angaben und den wichtigen Verlauf, statt eine frühere Meldung unverändert wiederholt zu bekommen. Im lauten Transportfahrzeug kann eine schriftliche Kurzmeldung die Verständigung ergänzen.
Ein einfaches fiktives Meldebeispiel ohne Messgeräte lautet:
„MIST für den Patienten auf dieser Trage. M: Sturz vor ungefähr einer Stunde, Zeitpunkt geschätzt. I: Wunde am rechten Unterschenkel; weitere Verletzungen nicht vollständig untersucht. S: wach, spricht zusammenhängend, klagt über Schmerzen im rechten Bein; Blutdruck und Sauerstoffsättigung nicht gemessen. T: Wunde vor etwa vierzig Minuten verbunden; seitdem keine neue sichtbare Blutung. Keine Medikamente gegeben.“
Bei der Übergabe werden die vorhandenen Unterlagen mitgegeben und wesentliche Maßnahmen am Patienten gezeigt. Nicht sichtbare Maßnahmen, besonders bereits gegebene Medikamente, müssen ausdrücklich zur Sprache kommen. Unklar verstandene Körperseiten, Zeitangaben oder Mittel werden berichtigt, bevor sich die Helfer trennen. Bei jeder weiteren tatsächlichen Übergabe gehören neue Beschwerden, Veränderungen und inzwischen erfolgte Maßnahmen in die aktualisierte Meldung.
Meldung, Versorgung und Transportanforderung
MARCH ordnet die Untersuchung und Versorgung unmittelbar lebensbedrohlicher Verletzungen. MIST ordnet die Weitergabe des bekannten Geschehens, Zustands und der bereits erfolgten Maßnahmen. Die Reihenfolge der Meldung legt deshalb nicht fest, welche Behandlung zuerst nötig ist. Das Ausfüllen eines MIST-Schemas darf die dringende Versorgung nicht aufhalten.
Die 9-Line MEDEVAC Request der US Army bündelt Angaben für eine Transportanforderung, darunter Abholort, Kontakt, Patientenzahl, Transportbedarf und Lage am Aufnahmepunkt. MIST ergänzt die medizinischen Informationen und wird dort so bald wie möglich nach der Anforderung übermittelt; die Evakuierungsmission soll nicht auf fehlende MIST-Angaben warten. Ein MIST-Report enthält keinen vollständigen Transportauftrag. Für isoliertes Personal müssen Auffinden, Identitätsprüfung, Zugang und physische Aufnahme zusätzlich geregelt werden. Das geschieht über die tatsächlich verfügbaren Rückführungsverfahren, Kräfte und Verbindungen.
Militärische Verwendung und ATMIST
In der deutschen militärischen Verwundetenversorgung wird MIST mit Mechanism of injury, Injuries, Signs/Symptoms und Treatment verwendet. Im amerikanischen En-Route-Care-System bilden dieselben Informationsgruppen die mündliche Übergabe; schriftliche Versorgungsunterlagen begleiten den Patienten. Die amerikanische TCCC-Verletztenkarte DD Form 1380 ist auch für nichtmedizinische Ersthelfer ausgelegt und nimmt unter anderem Verletzungsstellen, zeitbezogene Vitalwerte und durchgeführte Maßnahmen auf. In amerikanischer militärischer Verwendung kommt für M außerdem die Bezeichnung Mechanism/Medical Complaint vor. Bei einem Erkrankten werden damit die Beschwerden und ihr Verlauf übergeben, ohne einen Verletzungsmechanismus zu erfinden.
In der britischen klinischen Übergabekette ist auch ATMIST gebräuchlich. Im nordschottischen Traumaversorgungssystem stehen Age und Time vor den vier MIST-Gruppen: Alter sowie Zeitpunkt des Ereignisses, anschließend Mechanismus, Verletzungen, Zeichen und bisherige Behandlung. Die Ereigniszeit hilft, die Dauer seit der Verletzung einzuordnen; sie ersetzt nicht die Zeit einzelner Messungen oder Maßnahmen. Zusätzliche Angaben für eine Voranmeldung, etwa erwartete Ankunft und besondere Anforderungen, bleiben eigene Informationen.