
Überleben, Ausweichen und die eigene Rückkehr ermöglichen
Britisches SERE bereitet militärisches Personal darauf vor, nach einem Absturz, der Trennung von der eigenen Einheit oder einer Gefangennahme handlungsfähig zu bleiben. Die Aufgaben heißen Survive, Evade, Resist, Extract: überleben, einer Gefangennahme ausweichen, gegnerischer Ausnutzung widerstehen und die Rückführung ermöglichen. Eine isolierte Person muss mit dem arbeiten, was sie noch bei sich hat. Sie kann verletzt sein, ihre Position nur ungenau kennen und weder eine Verbindung zur eigenen Seite noch verfügbare Rückführungskräfte voraussetzen.
Survival und Evasion greifen deshalb ineinander. Wasser und Schutz vor Witterung erhalten die Bewegungsfähigkeit; ihre Beschaffung kann zugleich Zeit kosten und die Person sichtbar machen. Ein Versteck verschafft Ruhe; den weiteren Weg muss die Person trotzdem planen. Nach einer Gefangennahme kommen Material- und Informationsschutz unter fremder Kontrolle hinzu. Gelingt eine Flucht, beginnt erneut die Aufgabe, sich zu versorgen, Gefangennahme zu vermeiden und die eigene Seite zu erreichen. Extraction verbindet diese Fähigkeiten mit den tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten zur Aufnahme.
Risiko, Zielgruppen und die Stufen A, B und C
Im britischen System bestimmen das operative Isolationsrisiko und die Gefahr gegnerischer Ausnutzung den erweiterten Ausbildungsbedarf. Die nationalen Kategorien für diesen Bedarf sind mittleres und hohes Isolationsrisiko. Gefährdetes Personal wird über die operative Anforderung und die Prone to Capture and Exploitation List erfasst. Der Dienstgrad allein beschreibt dieses Risiko schlecht: Auch ein junger Soldat kann Wissen, Material oder einen öffentlich verwertbaren Status besitzen, den ein Gegner ausnutzen will.
Die Stufen lassen sich zunächst im NATO-Ausbildungsrahmen einordnen. Für die britische Durchführung gilt zusätzlich eine klare Zuständigkeit: Level B wird auf Einheitsebene vermittelt; Level C darf ausschließlich die Defence SERE Training Organisation, kurz DSTO, durchführen. Diese Organisation verbindet fachliche Theorie mit praktischer Land-, Evasion-, Resistance- und Seenotausbildung. Ihr Sitz bei RAF St Mawgan macht SERE nicht zu einer reinen RAF-Aufgabe. Die Programme richten sich an Personal verschiedener Teilstreitkräfte.
| Stufe | Risiko und Inhalt | Bedeutung für die Person |
|---|---|---|
| Level A | Grundlegende theoretische Vorbereitung für geringes Risiko; ergänzende einfache Survival-Praxis kann in einer kontrollierten Umgebung hinzukommen. | Isolation, Gefangennahme und Rückführung einordnen; die grundlegenden Aufgaben und die Bedeutung der eigenen Vorbereitung kennen. |
| Level B | Mittleres Risiko; Theorie, grundlegende praktische Survival- und Evasion-Aufgaben sowie Resistance-Unterricht. Britische Durchführung auf Einheitsebene. | Versorgung und Ausweichen praktisch anwenden und den Verhaltensrahmen für Gefangenschaft verstehen. |
| Level C | Hohes Risiko; Theorie und umfangreiche praktische Survival-, Evasion- und Resistance-Ausbildung in einer streng kontrollierten, realitätsnahen Umgebung. Britische Durchführung durch DSTO. | Die eigenen Aufgaben auch mit begrenzten Mitteln, unter Bedrohung und in kontrollierten Gefangenschaftslagen erfüllen. |
Konkrete britische Zielgruppen sind unter anderem fliegende Besatzungen von RAF, Royal Navy und Army. Bei ihnen kann ein Luftfahrzeugausfall die reguläre Versorgung, Bewegung und Verbindung innerhalb weniger Augenblicke beenden. Conduct after Capture richtet sich an Personal, das einer Gefahr von Isolation und Ausnutzung ausgesetzt ist. Fachbezogene Aircrew-, maritime und Umweltprogramme ergänzen den risikobezogenen Bedarf.
Land-Survival: mit wenig Ausrüstung weiter handlungsfähig bleiben
Ein britisches Aircrew-Landprogramm führt Besatzungsangehörige in einem fünftägigen Ausbildungsmodell in das Szenario eines Absturzes in feindlichem Gebiet. Die Feldphase nutzt Gelände in North Yorkshire und beginnt mit sehr wenig Ausrüstung. Zu den eigenen Aufgaben gehören grundlegende Erste Hilfe, eine Unterkunft, die Beschaffung von Nahrung, die Aufbereitung und Aufbewahrung von Wasser sowie Orientierung ohne Karte oder Kompass. Diese Tätigkeiten müssen auch dann gelingen, wenn die Person verletzt, müde, kalt, nass oder hungrig ist.
Eine Verletzung verändert, wie weit und wie schnell sich jemand bewegen kann. Ein ungeschützter Ruheplatz kann weitere Auskühlung verursachen und die nächste Bewegung erschweren. Wasser muss nicht nur gefunden, sondern als nutzbarer Vorrat erhalten werden; ohne eine Möglichkeit zur Aufbewahrung bleibt der nächste Abschnitt wieder von einem erreichbaren Wasserpunkt abhängig. Nahrungssuche bindet dagegen Zeit und Kraft. Die Person muss diese Aufgaben so gegeneinander abwägen, dass sie ihre Fähigkeit zum Ausweichen und zur weiteren Versorgung behält.
Die geringe Ausstattung zwingt dazu, den tatsächlichen Bestand zu kennen: Was ist nach dem Absturz noch vorhanden, was ist nutzbar und welche Aufgabe kann damit gelöst werden? Ein Gegenstand kann Schutz, Versorgung oder Signalisierung ermöglichen. Fehlt er, muss die weitere Bewegung mit dieser Einschränkung geplant werden. In der Ausbildung muss die Person sich deshalb selbst versorgen, während die Umgebung ihre Kräfte aufzehrt und die gegnerische Bedrohung den Aufenthalt begrenzt.
Zusätzliche örtliche Praxis bietet eine SERE Outdoor Land Survival Training Area, abgekürzt SOLSTA. Das RAF-Modell bei Coningsby arbeitet ebenfalls mit einem überlebten Absturz hinter gegnerischen Linien. Unterkunft, Nahrungssuche und Zubereitung dienen dazu, die Zeit bis zu einer möglichen Rückführung zu überstehen. Solche Übungsflächen ermöglichen die Wiederholung einzelner Landaufgaben im Umfeld der Besatzungsausbildung. Sie ersetzen weder den gesamten Evasion-Auftrag noch die Gefangenschafts- und Resistance-Anteile.
DSTO führt außerdem Umweltausbildung in Dschungel, Wüste und Kälte durch. Diese Ausbildung bereitet auf die Bedingungen am späteren Einsatzort vor: Klima und Gelände bestimmen, welche Ausrüstung benötigt wird und ob die vorhandenen Fähigkeiten ausreichen, sich zu versorgen, verborgen zu bewegen und einen Aufnahmeraum zu erreichen. Ein Land-Survival-Programm, eine Umweltqualifikation und Level C haben daher unterschiedliche Umfänge; die jeweilige Aufgabe entscheidet, welche Anteile zusammen benötigt werden.
Evasion: Versorgung und Bewegung unter Suchdruck
Ein britisches urbanes Evasion-Modell verband eine vorgelagerte Lehrphase mit mehreren Tagen im Feld. Zunächst wurden Fähigkeiten wie Selbstverteidigung und das Finden von Unterkunft vermittelt. Anschließend mussten die Teilnehmer mit wenig Ausrüstung in einem städtischen Umfeld einer professionellen gegnerischen Übungskraft ausweichen. Die Ausbildung stand Angehörigen aller drei Teilstreitkräfte offen; Piloten und Besatzungen des Army Air Corps gehörten zu den ausdrücklich vorgesehenen Nutzern von Evasion- und Extraction-Ausbildung.
Wie die Person Gelände und Gebäude nutzen kann, hängt auch von der gegnerischen Suche ab. Eine Unterkunft kann Witterungsschutz geben, zugleich aber den Bewegungsspielraum verengen. Auf dem Weg zu Wasser, Nahrung oder einem weiteren Aufenthaltsort kann eine zuvor verborgene Person entdeckt werden. Auch wer unbemerkt einen Unterschlupf erreicht hat, kann dort später von methodisch suchenden Gegnern gefunden werden. Die Person muss die Lage weiter beobachten und neu entscheiden, ob sie den Ort noch nutzen kann oder durch Bleiben die nächste Bewegungsmöglichkeit verliert.
Im Feld hängen diese Entscheidungen zusammen: weitergehen oder ruhen, einen brauchbaren Ort nutzen oder wegen der Bedrohung aufgeben, Kraft für Versorgung einsetzen oder für die nächste Bewegung erhalten. Der vorhandene Bestand begrenzt die Wahl. Wer einen Schutzplatz braucht, hat nicht beliebig viele gleich geeignete Alternativen; wer nur wenig Wasser tragen kann, bleibt häufiger auf Versorgung angewiesen. Bei der Wahl ihrer Route und ihres Verhaltens muss die Person deshalb sowohl ihren körperlichen Zustand als auch die Möglichkeit des Gegners berücksichtigen, Fehler auszunutzen.
Conduct after Capture: Material und Informationen schützen
Conduct after Capture, kurz CAC, behandelt das Verhalten nach einer Gefangennahme und die Gefahr, vom Gegner ausgenutzt zu werden. Ausnutzung kann den militärischen Informationsgewinn ebenso betreffen wie die Wirkung der Gefangenschaft auf die eigene Seite. Eine gefangene Person oder mitgeführte sensible Ausrüstung kann dazu dienen, operative Vorteile zu gewinnen oder politischen Druck auszuüben. Der Schutz beginnt deshalb vor dem Moment, in dem die Person über ihre Bewegung und ihre Sachen nicht mehr frei bestimmen kann.
Eine ausdrücklich britische Verhaltensaufgabe ist, Material mit möglichem Nutzen für den Gegner vor dessen Zugriff zu schützen. Für die Person bedeutet das, die mitgeführten Informationen und Gegenstände bereits in der Vorbereitung zu prüfen. Unterlagen oder gespeicherte Angaben können etwas über Aufträge, andere Kräfte oder geplante Bewegungen verraten. Der Inhalt eines Gegenstands entscheidet über seinen Nutzen für den Gegner. Nach einer Gefangennahme lässt sich fehlende Vorbereitung unter fremder Kontrolle nur schwer nachholen.
Für die Angaben zur Person gelten in Kriegsgefangenschaft klare Grenzen: Auf entsprechende Befragung sind Familienname, Vornamen, Dienstgrad, Geburtsdatum und die militärische oder entsprechende persönliche Nummer anzugeben. Die Identitätskarte ist auf Verlangen vorzuzeigen und darf dem Gefangenen nicht abgenommen werden. Diese Angaben identifizieren die Person; sie umfassen keine Auftragsdetails, Stellungen anderer Kräfte oder Rückführungsplanung. Die Befragung muss in einer verständlichen Sprache erfolgen. Zwang zur Gewinnung von Informationen ist verboten.
In einer Geisellage kann bereits die öffentlich sichtbare Gefangenschaft dazu dienen, politischen Druck auf die eigene Seite auszuüben. Die festgehaltene Person muss neben ihrem Überleben auch den möglichen Nutzen ihrer Angaben und ihres Materials für den Gegner berücksichtigen. Informationen über eigene Kräfte oder eine geplante Rückführung können weitere Personen gefährden. CAC bereitet darauf vor, gegnerischer Ausnutzung unter fremder Kontrolle zu widerstehen. Lässt die Lage eine Flucht zu, bleiben der körperliche Zustand und die verfügbaren Mittel entscheidend: Die Person muss sich anschließend selbst versorgen, erneute Gefangennahme vermeiden und ihre Rückkehr ermöglichen.
Im NATO-Stufenrahmen wird Resistance bei B im Unterricht behandelt und bei C umfangreich praktisch in einer kontrollierten, realitätsnahen Umgebung trainiert. DSTO verbindet theoretische und praktische Resistance- und CAC-Ausbildung mit dem Risiko des betroffenen Personals. Der praktische Auftrag ist, den Schutz von Informationen und die eigene Handlungsfähigkeit auch bei fremdbestimmten Bedingungen aufrechtzuerhalten.
Extraction: die eigene Mitwirkung an der Rückführung
Die Vorbereitung auf Rückführung beginnt vor dem Einsatz. Wo sie für den Auftrag vorgesehen sind, erfüllen ein Evasion Plan of Action und ein Isolated Personnel Report unterschiedliche Aufgaben. Der EPA teilt der eigenen Seite mit, wie die Person nach einer Isolation auszuweichen beabsichtigt. Der ISOPREP dient dazu, sie später eindeutig zu identifizieren und zu authentifizieren. Eine geplante Bewegung und eine belegbare Identität geben Rückführungskräften Ansatzpunkte, auch wenn nach der Isolation zunächst keine Verbindung zustande kommt.
Die eigene Lage bleibt maßgeblich. Eine unverletzte Person mit brauchbarer Ausstattung hat andere Bewegungsmöglichkeiten als jemand, der kaum gehen kann und seinen Wasservorrat verloren hat. Selbständige Rückkehr zu eigenen Kräften kann eine Möglichkeit sein; unterstützte Rückführung eine andere. Der körperliche Zustand, die Bedrohung, die Entfernung und tatsächlich nutzbare Mittel bestimmen, welcher Weg noch möglich ist. Wer nur deshalb weitergeht, weil ein früherer Plan einen bestimmten Ort vorsah, kann sich eine Strecke zumuten, die er inzwischen nicht mehr bewältigen kann.
Kommt eine nutzbare Verbindung zustande, meldet die Person ihre Position und ihren Zustand. Die andere Seite muss wissen, wo die Person tatsächlich ist und ob sie einen vorgesehenen Aufnahmeraum erreichen kann. Ein Positionswechsel kann eine frühere Angabe unbrauchbar machen. Zugleich müssen Verbindung und Ortung so erfolgen, dass sie den Aufenthalt gegenüber dem Gegner nicht offenlegen. Die Person nutzt dafür die vorab vermittelten, zum Einsatz passenden Verfahren und die tatsächlich vorhandenen Mittel. Ohne nutzbares Kommunikationsmittel muss sie ihre Versorgung und Evasion eigenständig fortsetzen.
Auch eine genaue Position beantwortet noch nicht die Frage, wer dort wartet. Authentifizierung verbindet den Kontakt mit der vorbereiteten Identität und schützt sowohl die isolierte Person als auch die während der Aufnahme gefährdeten Kräfte. Die Person muss am vereinbarten Verfahren mitwirken und die dafür vorgesehenen Informationen schützen. Ihre Weitergabe an den Gegner könnte einen späteren Kontakt verfälschen. Verfügbare Signalmittel helfen bei der Ortung nur dann, wenn sie zur Rückführung passen und ihre Verwendung mit dem Positionsschutz abgestimmt ist.
Bei der Aufnahme kann ein Bodenteam den körperlichen Kontakt herstellen, die Identität prüfen und die Person zum Rückführungsfahrzeug bringen. Dieses Fahrzeug kann am Boden, in der Luft oder auf dem Wasser eingesetzt werden. Die isolierte Person muss an diesem Übergang weiter mitwirken; Verwundung und eingeschränkte Beweglichkeit gehören zur Information, die die Aufnahme beeinflusst. Erst die Übernahme durch eine eigene oder verbündete Organisation beendet die Isolation. Dabei kann eine letzte Authentifizierung erfolgen.
Der britische Ansatz der Combat Recovery nutzt dafür Kräfte, die aufgrund ihres eigentlichen Auftrags zur Rückführung geeignet sind. Er baut auf deren Fähigkeiten auf und sieht keine eigene, ständig dafür vorgehaltene CSAR-Truppe vor. Bei jeder Aufgabe werden drei Seiten zusammen betrachtet: Zustand, Ausbildung und Ausstattung der isolierten Person; Fähigkeiten und Ausstattung der verfügbaren Kräfte; Umwelt und gegnerische Bedrohung.
Maritime Survival und Unterwasserausstieg
Für Besatzungen kann Isolation bereits im Wasser beginnen. Maritime Survival trainiert daher eigene Aufgaben nach einer Notwasserung, etwa den Umgang mit einer Rettungsinsel. Eine britische Aircrew-Ausbildungsform verbindet hierzu eine Einweisung mit Rettungsinselpraxis im Becken. Die Rettungsinsel bietet einen Aufenthaltsort und Schutz, wie es an Land eine Unterkunft tut. Die Person muss die dafür vorhandene Ausrüstung selbst nutzen können.
Helicopter Underwater Escape Training, kurz HUET, liegt noch vor diesem Abschnitt: Die Person muss aus einem notgewasserten Hubschrauber herauskommen. Im Royal-Navy-Programm für fliegende Besatzungen und regelmäßige Passagiere folgen auf Unterricht zu Ausstiegsverfahren und Gefahren vier Durchgänge im Trainingsmodul: untergetaucht bei Tageslicht, untergetaucht und umgedreht bei Tageslicht, in umgedrehter Lage bei Dämmerung und schließlich bei Dunkelheit. Die veränderte Lage und das schwindende Licht erschweren die Orientierung am Ausstieg. HUET konzentriert sich auf diese konkrete Notlage; die anschließende Versorgung, Evasion, Gefangenschaftsvorbereitung und Rückführung bleiben weitere Aufgaben der SERE-Ausbildung.