Historische Geschichte · 1943

Jan Baalsrud: Flucht und Hilfe in Nordnorwegen

Nach einem gescheiterten Einsatz im besetzten Nordnorwegen verlor Jan Baalsrud durch Kälteverletzungen seine Gehfähigkeit. Helfer versorgten und transportierten ihn über Fjorde und Berge bis nach Schweden.

Ullsfjorden mit schneebedeckten Bergen, Ortsaufnahme vom Mai 2009.
Ullsfjorden, Nordnorwegen, 2009.

Am 24. März 1943 verließ der norwegische Fischkutter Brattholm Scalloway auf den Shetlandinseln mit Kurs auf das deutsch besetzte Nordnorwegen. An Bord waren acht Besatzungsmitglieder und vier Soldaten des Kompani Linge, einer in Großbritannien ausgebildeten norwegischen Einheit für geheime Einsätze im eigenen Land. Einer von ihnen war der 25-jährige Jan Baalsrud. Er arbeitete als Waffeninstrukteur und sollte nun selbst an einer Operation teilnehmen, für die der Kutter Männer, Ausrüstung und Sprengstoff über die Nordsee brachte.

Die kleine Einsatzgruppe stand unter Sigurd Eskelands Führung. Ihr Unternehmen, Martin Red, sollte den Widerstand in Troms stärken: Kontakte herstellen, militärische Gruppen organisieren und ausrüsten sowie weitere Sabotage vorbereiten. Zu den ursprünglichen Sabotageplänen hatten der Flugplatz Bardufoss und die Wasserflugzeuge im Hafen von Tromsø gehört. Baalsrud sollte als geübter Schwimmer mit der mitgeführten Taucherausrüstung Haftminen anbringen. Voraussetzung für die Arbeit an Land war jedoch zunächst, Menschen zu finden, denen die Gruppe vertrauen konnte und die ihr weiterhalfen.

Die gescheiterte Ankunft im Toftefjord

Ursprünglich war eine Landung im Raum Senja, weiter südlich, vorgesehen. Die Besatzung steuerte schließlich Rebbenesøya an und lief am 29. März in den Toftefjord ein. Skipper Kvernhellen und Eskeland hatten die Bucht auf der Seekarte ausgewählt; dort stand nur ein Haus. Ein Fischkutter konnte zwischen den anderen Fahrzeugen an der Küste weniger auffallen als ein Kriegsschiff. Für die Weiterfahrt brauchten die Männer aber ein kleineres Boot und örtliche Verbindungen. Die Informationen, die sie aus Großbritannien mitgebracht hatten, waren veraltet.

Das zeigte sich, als Eskeland einen als zuverlässig geltenden Kaufmann aufsuchte. Der Mann war bereits gestorben. Die Gruppe geriet an seinen Nachfolger, und die Nachricht von ihrer Ankunft gelangte über den örtlichen Polizeibeamten zur deutschen Sicherheitspolizei. Auch ihr Auftreten war nicht unauffällig geblieben. Olaug Idrupsen, ein fünfzehnjähriges Mädchen aus der einzigen Familie im Toftefjord, hatte die Besucher an Land gesehen. Niedrige Schuhe, Anzüge und Uniformhosen entsprachen kaum dem Aussehen der Fischer, die sie kannte.

Am Nachmittag des 30. März fuhr das deutsche Räumboot R 56 in den Fjord. Die Norweger wurden überrascht, während sie Ausrüstung und Sprengstoff an Land bringen wollten. Sie sprengten die Brattholm selbst und versuchten zu entkommen. Baalsrud wurde im anschließenden Feuer an einer Zehe verwundet. Er gelangte ins Wasser, verlor einen Stiefel und entkam über die kleinen Inseln aus dem unmittelbaren Zugriff der Deutschen. Sein Auftrag war beendet, bevor die Gruppe eine der vorgesehenen Sabotageaktionen ausführen konnte.

Von den übrigen elf Männern überlebte keiner. Einige wurden bei der Auseinandersetzung getötet oder tödlich verletzt; die Gefangenen brachte man nach Tromsø, wo sie misshandelt wurden. Acht wurden am 2. April auf dem Schießplatz Grønnåsen erschossen. Baalsrud kannte während seiner Flucht nicht das ganze Schicksal seiner Kameraden. Er befand sich zunächst noch nahe dem Ort des Angriffs, mit durchnässter Kleidung, einer verletzten Zehe und einem ungeschützten Fuß. Um diese Küste verlassen zu können, benötigte er ein Boot.

Von den Inseln zum Festland

Olaug und ihre Angehörigen hatten die Explosion gesehen. In ihrem Haus waren Fensterscheiben zerbrochen; die Frauen verließen die gefährlich gewordene Bucht in einem Ruderboot. Bei Vårøy bemerkten sie einen Mann, den sie zunächst für Olaugs Bruder Peder hielten. Er war zum Fischen hinausgefahren, und sie erwarteten ihn auf dem Weg nach Vargsund. Der Mann am Ufer war jedoch Baalsrud. Die Frauen nahmen ihn auf, sahen den einzelnen Stiefel und den nackten anderen Fuß und brachten ihn zur Tante nach Vargsund.

Im Haus konnte Baalsrud sich erstmals reinigen und aufwärmen. Seine Gastgeber wuschen die Kleidung und heizten den Ofen so stark, dass es im Zimmer kaum auszuhalten war. Die Sachen mussten rasch trocknen, damit er weiterziehen konnte. Er bekam zu essen, während jemand die Zufahrt beobachtete. Falls ein Boot mit verdächtigen Besuchern kam, sollte er über einen schmalen Weg verschwinden. Mehrmals nutzte er diesen Ausgang und wartete draußen, bis die Gastgeber die Ankommenden wieder fortgeschickt hatten. Bei diesen Gelegenheiten waren keine Deutschen darunter.

Der Sohn des Gastgeberhauses bot an, ihn im Morgengrauen nach Ringvassøya zu rudern. Sein Vater war zum Fischfang in Lofoten. Baalsrud wies den Sohn auf das Risiko hin, doch er blieb bei seinem Angebot. Am Ziel wollte er Baalsrud einer Hebamme vorstellen. Der Flüchtling ließ sich schon vorher absetzen und ging allein zu ihrem Haus: Der Ruderer sollte nicht wissen, wo Baalsrud unterkommen würde, und die Hebamme sollte nicht erfahren, wer ihn gebracht hatte. Sie versorgte ihn mit Nahrung und Wärme. Da sich auch Patientinnen im Haus befanden, zog er weiter, sobald er sich dazu in der Lage sah.

In den ersten Apriltagen ging Baalsrud über Ringvassøya nach Süden. Er suchte Menschen, die ihm als vertrauenswürdig bekannt waren, und erhielt unterwegs in mehreren Häusern Essen, eine warme Unterkunft und Hilfe für die verletzte Zehe. Diese Aufenthalte hielten ihn gehfähig. Noch konnte er selbst zwischen den Höfen und Siedlungen vorankommen, doch zum Festland führte kein Fußweg. Er musste den Grøtsundet überqueren, die von deutschen Kräften überwachte Meerenge im Zugang nach Tromsø.

Bei Einar Sørensen fand er die nächste Überfahrt. Zuerst wollten die beiden jugendlichen Söhne der Familie rudern; ihr Großvater hielt das für zu gefährlich. Stattdessen fuhren Einar und sein 72-jähriger Vater Bernhard mit Baalsrud hinaus. Sie ruderten bei starkem Wind und Schneetreiben nach Snarby. Auf einen Motor verzichteten sie, weil das Geräusch die Fahrt im überwachten Sund hätte verraten können. Das Wetter machte das Rudern schwer, verdeckte das Boot aber auch vor Beobachtern. Die drei erreichten das Festland.

Dort nahm die Familie auf Alfred Lokkertsens Hof den Flüchtling auf. Der elfjährige Alvin Andreassen, der als Pflegesohn auf dem Hof lebte, sah ihn gegen vier Uhr morgens ankommen. Baalsrud blieb über den Sonntag und aß mit der Familie, während draußen ein deutsches Wachboot vorbeifuhr. Am Abend brachte man ihn wieder zu einem Boot. Er nahm ein Lebensmittelpaket und eine Fellmütze mit, die Alvin am Strand gefunden und die Familie gewaschen und getrocknet hatte. Auch Ski wurden für seine weitere Reise beschafft und ihm nachgeschickt.

Von Snarby ging es im Motorboot über den Ullsfjord nach Kjosen auf der Lyngenhalbinsel. Die Helfer benutzten für diese Fahrt einen Motor; die geruderte Passage durch den Grøtsundet war nur eine Etappe des Weges gewesen. In Kjosen erhielt Baalsrud die Ski und Stöcke. Damit konnte er sich auf dem verschneiten Land weiterbewegen. Bis dahin hatten die Unterkünfte und Boote ihn trotz der Verletzung von der Küste weggebracht. Nun lag zwischen ihm und den weiter östlich erreichbaren Tälern das Gebirge der Lyngenhalbinsel.

Der Weg nach Furuflaten

Baalsrud gelangte nach Lyngseidet und sah dort einen deutschen Kontrollpunkt. Er wich in die Berge aus und versuchte, einen alten samischen Sommerweg nach Furuflaten zu benutzen. Den Kartenverlauf hatte er sich eingeprägt. Die Strecke sollte ihn an den höchsten Bergen vorbeiführen; sie verband zwei Siedlungen und bot damit einen anderen Weg als die kontrollierte Ortschaft. Anfang April lag dieses Gelände jedoch noch unter Schnee, und Baalsrud kannte es nicht aus eigener Anschauung.

Im Schneesturm verlor er die Orientierung. Bei schlechter Sicht konnte er die Geländeformen nicht mehr unterscheiden, und die Schneeblindheit beeinträchtigte zusätzlich sein Sehvermögen. Eine Lawine erfasste ihn; er überlebte, verlor dabei aber die Ski. Mindestens drei Tage suchte er sich tastend einen Weg durch die Berge, bis er ins Tal nach Furuflaten hinunterkam. Seine Füße waren inzwischen so schwer frostgeschädigt, dass er den Weg nicht mehr selbst fortsetzen konnte.

Auf dem kleinen Hof der Familie Grønvoll zog man ihm die Kleidung aus, gab ihm Nahrung und versorgte ihn. Baalsrud war erschöpft und brauchte umfassende Pflege. Marius Grønvoll übernahm die Organisation der weiteren Hilfe. Agnethe Lanes, die später seine Frau wurde, kümmerte sich um den Verletzten und beteiligte sich auch an den Transportwegen. Aus dem nächsten Unterschlupf musste eine längere Unterkunft werden, während Grønvoll Menschen suchte, die einen bettlägerigen Mann aus dem besetzten Gebiet bringen konnten.

Dazu zog er Alvin Larsen hinzu. Larsen besaß ein Fischereifahrzeug und konnte damit Verbindungen über die Fjorde herstellen. Die Helfer suchten zunächst Kontakte in Birtavarre und Samuelsberg, um die Weiterreise über Manndalen vorzubereiten. Lehrer und Widerstandsleute vermittelten Personal, Geld und Material. Larsen kannte nicht alle Einzelheiten der Operation Martin Red; für seine Beteiligung genügte es, den Verwundeten und die benötigte Ausrüstung auf den vereinbarten Strecken zu transportieren. Grønvoll hielt die verschiedenen Hilfeleistungen zusammen.

Versteckt am Lyngenfjord

Der Hof in Furuflaten lag nahe einer deutschen Garnison. Baalsrud konnte dort nicht auf Dauer bleiben. Etwa Mitte April brachte man ihn zum Ufer und ruderte ihn über den Lyngenfjord nach Revdalen. An einem schon vor dem Krieg verlassenen Hof stand ein kleiner Schuppen; eine Straße führte damals nicht dorthin. Die Helfer nannten die Unterkunft Hotel Savoy. Dort konnten sie den Verwundeten verbergen, während sie einen Schlitten und Männer für den nächsten Abschnitt beschafften.

Baalsrud erhielt Nahrung, blieb aber auf die Überfahrten seiner Helfer angewiesen. Als sich das Wetter verschlechterte, ließ sich der Lyngenfjord im Ruderboot nicht mehr überqueren. Er musste allein im Schuppen warten, und der Zustand seiner Füße verschlimmerte sich. An den frostgeschädigten Zehen starb Gewebe ab. Während der Wochen in seinen Verstecken schnitt er selbst Teile dieses abgestorbenen Gewebes weg. Er verlor mehrere Zehen und blieb gehunfähig.

Für den Transport baute Martin Jensen, der Hausmeister der Schule bei Lyngseidet, einen leichten Skischlitten. Die Verbindungen des Lehrers Ingjald Leigland halfen bei der Beschaffung und Organisation. Jensen tarnte den Schlitten als große Kiste, die Larsen am kleinen Hafen abholen sollte. Ein deutscher Wachposten half ihm beim Verladen an Bord. Der Soldat konnte aus der Verpackung nicht erkennen, dass die Kiste ein Transportgerät für den entkommenen Norweger enthielt. Larsen brachte es zu den Helfern, die Baalsrud bergauf ziehen sollten.

Die geplante Strecke war zu lang, um sie einer einzigen Gruppe aufzubürden. Männer aus Furuflaten sollten zunächst von Revdalen auf das Nordnesplateau steigen. Dort war eine Übergabe an Helfer aus Manndalen vorgesehen, die das weitere Hochland kannten. Für die Grenzstrecke wollte man samische Männer mit Zugrentieren gewinnen. Das setzte mehrere Absprachen voraus: Der Verletzte musste rechtzeitig an einem vereinbarten Ort ankommen, die nächste Gruppe musste ihn finden, und die Rentierhalter mussten geeignete Tiere zusammenbringen können.

Im Schneeversteck auf dem Plateau

In der Nacht zum 25. April holten Marius Grønvoll, Alvin Larsen, Amandus Lillevold und Olav Lanes Baalsrud aus dem Schuppen. Sie versorgten ihn, brachten ihn nach draußen und banden ihn auf dem Schlitten fest. Im Wald brachen die Männer immer wieder durch die Schneedecke. Weiter oben wurde die Flanke so steil, dass sie Seile benötigten. Einer ging voraus und legte eine Spur; ein anderer zog, während zwei Männer schoben und den Schlitten festhielten. Nur mit dieser gemeinsamen Arbeit konnten sie verhindern, dass die Last auf dem Hang zurückrutschte.

Als sie das Plateau erreichten, wartete dort niemand aus Manndalen. Die vier konnten Baalsrud weder an die nächsten Helfer übergeben noch selbst bis zur Grenze weiterziehen. Ihnen fehlten die Ausrüstung und die Ortskenntnis für den anschließenden Weg; der steile Abstieg zurück war mit dem Verletzten ebenfalls kaum zu bewältigen. Unter einer großen Steinplatte fanden sie einen Hohlraum aus Fels und Schnee, in dem sie Baalsrud unterbrachten. Sie mussten ihn dort zurücklassen und ins Tal absteigen, um die Verbindung zur nächsten Gruppe wiederherzustellen.

Von Manndalen aus suchten Peder Isaksen und Nils Nilsen nach dem Verwundeten. Auf dem Plateau lagen jedoch viele große Felsen. Die Männer gingen von Stein zu Stein und riefen das vereinbarte Erkennungswort, ohne Baalsrud zu finden. Eine eindeutige Markierung fehlte, und der verwehte Schnee verbarg den Unterschlupf zusätzlich. Eine Nachricht über ein nicht gefundenes Fischernetz wurde an Grønvoll übermittelt. Dahinter stand die Mitteilung, dass die Helfer Baalsrud noch nicht erreicht hatten.

Marius und Agnethe stiegen erneut aus Richtung Revdalen zu ihm hinauf. Sie brachten Nahrung, versorgten ihn und markierten den Platz besser. Als Isaksen und Nilsen nochmals aufbrachen, erkannten sie zwei Skistöcke, deren Spitzen zusammenstanden. Unter ihnen lag der verschneite Hohlraum. Die Männer gruben mit den Händen, weil sie keine Schaufel mitgebracht hatten, und riefen das Kennwort. Baalsrud besaß noch eine Waffe; er musste wissen, dass Helfer und keine Gegner zu ihm vordrangen. Zunächst antwortete er nicht. Erst beim weiteren Graben hörten sie ein Lebenszeichen und konnten ihn erreichen.

Baalsrud blieb von Ende April bis Anfang Mai unter diesem Felsen, der als Gentlemansteinen bekannt wurde. Marius und Agnethe hatten ihn während des Aufenthalts versorgt, später auch die Männer aus Manndalen. Zwischen den Besuchen vergingen jedoch lange Tage. Nach der erfolgreichen Suche wollten Isaksen und Nilsen den Weitertransport beginnen, doch ein Sturm mit starkem Nordwestwind und dichtem Schneetreiben hielt sie erneut auf. Ein Versuch, durch Kjerringdalen hinaufzugelangen, scheiterte. Die Helfer mussten umkehren, bis sich das Wetter beruhigte.

Schließlich wurde Baalsrud wieder in seinen Schlafsack gepackt und auf den Schlitten gebunden. Vier Männer zogen ihn in Richtung Grenze. Nach mehreren Stunden nahm der Sturm zu, bis sie nichts mehr erkennen konnten. Um ihre Position festzustellen, ließen sie den Schlitten vorübergehend stehen und suchten einen Weg in Richtung Manndalen. Als sie zurückkamen, erzählte Baalsrud, er habe deutschsprachige Stimmen gehört und geglaubt, die Männer seien gefangen genommen worden. Die Helfer fanden Skispuren und fürchteten Patrouillen, begegneten jedoch keiner deutschen Gruppe. Sie mussten die Fahrt zur Grenze abbrechen.

Die Männer brachten Baalsrud zurück in Richtung Manndalen und richteten ihm eine Zwischenunterkunft unter einem Felsvorsprung in Avzevaggi ein, einem Seitental von Manndalen. Dort blieb er mehrere Tage. Sechs Männer versuchten anschließend noch einmal, den Schlitten zur Grenze zu ziehen. Diesmal zwang dichter Nebel auch diese Gruppe zur Umkehr. Erst nach dem zweiten gescheiterten Transportversuch wurde Baalsrud weiter talwärts zu einem geschützteren Versteck gebracht.

Die Versorgung in Manndalen

Nach diesen gescheiterten Transportversuchen brauchte Baalsrud einen weniger ausgesetzten Aufenthaltsort. Die Helfer brachten ihn in eine natürliche Höhle im oberen Manndalen, ungefähr sechs Kilometer oberhalb des letzten Hofes. Dort war es trockener, und der Fels schützte ihn besser gegen den Wind. Er konnte sich von der Nässe erholen und erhielt regelmäßige Besuche, auch warme Mahlzeiten. In dieser Höhle verbrachte er die mittleren und späteren Maitage, während seine Helfer die Verbindung zu den Rentierhaltern herstellten.

Aslak Fossvoll organisierte zusammen mit weiteren Einwohnern die Versorgung. Zwölf Männer und Frauen teilten sich die Besuche am Versteck. Andere beschafften Lebensmittel, kochten und gaben von ihren ohnehin knappen Rationen ab. Auch Medikamente wurden zu Baalsrud gebracht. Die Versorgung erforderte somit mehr als die Menschen, die den Weg zur Höhle gingen: Zu Hause mussten Mahlzeiten zubereitet und Vorräte bereitgestellt werden, während Nachrichten über den Zustand des Kranken und die geplante Weiterfahrt zwischen den Beteiligten weitergegeben wurden.

Peder Isaksen erklärte die Hilfsbereitschaft später mit einer vertrauten örtlichen Gewohnheit. Wer durch Manndalen reiste, sollte Essen, etwas zu trinken und bei Bedarf ein Bett erhalten. In Baalsruds Fall lag der Gast allerdings im Gebirge, und seine Versorgung konnte bei Entdeckung schwere Strafen nach sich ziehen. Trotzdem übernahmen Einwohner die Wege und stellten Lebensmittel bereit. Baalsrud hatte inzwischen Dutzende Helfer: die Frauen im ersten Boot, Familien an der Küste, Bootsführer, Handwerker, Träger und Menschen, die ihn nun im Gebirge ernährten.

Die deutschen Besatzungskräfte blieben eine Gefahr, auch wenn sich die Helfer zwischen den Ortschaften bewegen konnten. Wachboote, Garnisonen und Kontrollpunkte waren Teil ihres Alltags. Eine anhaltende deutsche Jagd durch sämtliche Fluchtetappen, wie sie besonders der Spielfilm Den 12. mann von 2017 zeigt, ist dagegen nicht belegt. Deutsche Meldungen nach dem Angriff erfassten alle zwölf Männer als tot oder gefangen. Andreassen, der Baalsrud auf dem Hof bei Snarby erlebt hatte, widersprach der Darstellung einer ständigen Verfolgung. Die Helfer verbargen den Verletzten und ihre Transporte dennoch vor den deutschen Kräften.

Gegen Ende Mai wurde die schwindende Schneedecke zum dringenden Problem. Baalsrud konnte weiterhin nicht gehen, und der Schlitten brauchte Schnee. Die üblichen saisonalen Wanderungen der Rentierherden waren bereits vorbei; ein Transport ließ sich deshalb nicht einfach an eine ohnehin stattfindende Herdenbewegung anschließen. Die Brüder Aslak und Per-Thomas Baal, mit denen die Helfer Kontakt aufgenommen hatten, mussten geeignete Zugrentiere erst zusammensuchen. Das dauerte mehrere Tage, während die Menschen in Manndalen weiter Nahrung zur Höhle brachten.

Über Finnland nach Schweden

Ende Mai konnte die letzte Gebirgsetappe beginnen. Baalsrud war stark abgemagert und wurde warm eingepackt auf dem Schlitten aus der Höhle gebracht. Zunächst mussten ihn Menschen wieder hinauf auf das Plateau ziehen; erst dort konnten die Rentiere übernehmen. Die Brüder Baal führten eine Herde mit. Falls die Gruppe gesehen wurde, sollte ihre Fahrt wie gewöhnliche Arbeit mit den Tieren wirken. Sie brachten den verwundeten Soldaten auf dem Schnee voran, der in der Höhe noch liegen geblieben war.

Das Tauwetter zwang die Gruppe, höher zu bleiben, wo noch genügend Schnee lag. Die Brüder brachten Ortskenntnis, geeignete Tiere und die Fähigkeit zusammen, eine Herde durch dieses Gelände zu führen. Auch sie waren den Bedingungen ausgesetzt, an denen die früheren Transportgruppen gescheitert waren. Aslak wurde selbst schneeblind und musste an der norwegisch-finnischen Grenze zurückbleiben. Per-Thomas setzte die Fahrt mit Baalsrud fort, durchquerte den schmalen finnischen Gebietsstreifen und führte den Rentierschlitten über das Eis des Kilpisjärvi.

Am 1. Juni 1943 erreichte Baalsrud die schwedische Seite des Sees, 63 Tage nach dem Angriff im Toftefjord. Dort übergab Per-Thomas ihn an die Brüder Juuso. Sie brachten den Patienten auf demselben Schlitten weiter nach Kummavuopio, wo er erneut versorgt wurde. Er war nun außerhalb des deutschen Besatzungsgebiets, doch bis zum Krankenhaus stand noch ein weiterer Transport aus. Ein Flugzeug konnte ihn an diesem abgelegenen Ort nicht aufnehmen.

Die nächste Etappe führte deshalb im Flussboot nach Süden. Baalsrud lag im Schlafsack und konnte sich während der Fahrt kaum bewegen. Zwei Männer am Bug und am Heck steuerten das Boot mit Stangen durch den schwierigen Flussabschnitt. In Keinovuopio reinigte eine Frau nochmals seine verletzten Zehen. Danach ging es durch treibendes Eis und Stromschnellen in Richtung Sarikoski. Dort konnte die Gruppe schließlich ein Flugzeug erreichen, das Baalsrud vom Grenzfluss zwischen Finnland und Schweden ins Krankenhaus nach Boden brachte.

In Boden behandelten Ärzte seine schweren Verletzungen. Sie konnten seine Beine erhalten und deckten beschädigte Stellen mit Haut von seinen Oberschenkeln ab. Behandlung und Erholung dauerten lange; die Verletzungen an seinen Füßen blieben dauerhaft. Im Herbst 1943 kehrte er nach Großbritannien zurück und arbeitete wieder als Waffeninstrukteur. Er war der einzige der zwölf Männer von der Brattholm, der den Einsatz überlebt hatte.

Baalsrud blieb mit den Menschen in Nordnorwegen verbunden. Im Sommer 1987 traf er im Toftefjord Olaug wieder, die inzwischen Haagensen hieß; es war ihre erste Begegnung seit 1943. Nach seinem Tod 1988 wurde seine Urne auf seinen Wunsch in Manndalen beigesetzt. Sein Grab liegt neben dem von Aslak Fossvoll, der die Versorgung aus dem Tal mitorganisiert hatte.

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