
Beim Anflug auf die schmale Geländeterrasse verlor Jeff Peterson die Sicht auf den Boden. Die Rotoren seiner HH-60G Pave Hawk hatten Staub aufgewirbelt; neben dem Aufnahmeplatz fiel der Hang steil ab. Der Bordtechniker und der Schütze mussten ihm sagen, wohin die Maschine driftete. Unten warteten Marcus Luttrell und Mohammad Gulab. Bevor die beiden Männer ausgeflogen werden konnten, musste die Besatzung den Hubschrauber in dieser engen Lücke halten.
Vier Tage zuvor, am 28. Juni 2005, war Luttrells Aufklärungstrupp in den Bergen der afghanischen Provinz Kunar angegriffen worden. Michael Murphy, Danny Dietz und Matthew Axelson waren gefallen. Ein Hubschrauber, der Verstärkung bringen sollte, war mit sechzehn Männern an Bord abgeschossen worden. Luttrell hatte sich verwundet vom Gefechtsort entfernt. Dass die amerikanischen Suchkräfte ihn nun lebend aufnehmen konnten, lag auch an afghanischen Dorfbewohnern, die ihn versorgt, verborgen und gegen die bewaffnete Gruppe geschützt hatten.
Ein Aufklärungsauftrag in Kunar
Operation Red Wings gehörte zu den amerikanischen Bemühungen, die bewaffneten Gruppen in Ostafghanistan vor der Parlamentswahl im September 2005 zurückzudrängen. In Kunar verliefen wichtige Bewegungswege durch schwer zugängliche Täler nahe der pakistanischen Grenze. Die amerikanischen Verbände konnten dort nicht einfach ein geschlossenes Gebiet kontrollieren. Sie mussten zwischen verstreuten Siedlungen, bewaldeten Hängen und hohen Bergrücken operieren, während örtliche Kämpfer sich in der Umgebung auskannten und Kontakte in den Dörfern besaßen.
Das 2. Bataillon des 3. Marine-Regiments hatte Red Wings gegen die Gruppe von Ahmad Shah vorbereitet. Shah war ein örtlicher Milizführer mit Verbindungen zu den Taliban. Seine Männer griffen amerikanische und afghanische Kräfte an. Die Marines wollten die Gruppe aufspüren und ihre Tätigkeit im Gebiet unterbinden.
Der Plan umfasste mehrere Phasen. Zunächst sollte ein kleiner Trupp beobachten und die gesuchten Männer identifizieren. Erst dann würden größere Kräfte zugreifen und das Gebiet absperren. Die Marines sollten anschließend mit Patrouillen und länger dauernder Präsenz vor Ort bleiben. Der Erfolg hing daher schon vor dem ersten Angriff davon ab, dass die Aufklärer unerkannt beobachten und ihre Feststellungen weitergeben konnten.
Ursprünglich hatten die Marines für die Aufklärung sechs Scharfschützen vorgesehen, die sich zu Fuß an ihre Beobachtungsplätze heranarbeiten sollten. Für die später benötigte Luftbewegung bei wenig Licht forderten sie Hubschrauber des 160th Special Operations Aviation Regiment an. Mit dieser Unterstützung wurde auch die Führung der ersten beiden Phasen neu geregelt: Spezialkräfte übernahmen Aufklärung und Zugriff. Die Marines blieben für die Absperrung und die anschließende Präsenz im Gebiet vorgesehen.
Den tatsächlich eingesetzten Aufklärungstrupp bildeten vier Navy SEALs unter Führung von Lieutenant Michael Murphy. Dietz war für die Kommunikation zuständig. Mit ihnen gingen Axelson und Luttrell, der zusätzlich als Sanitäter ausgebildet war. Sie trugen Waffen, Beobachtungsmittel und Kommunikationsgeräte. In der Nacht zum 28. Juni setzte ein Hubschrauber sie am Sawtalo Sar ab, einem Berg zwischen dem Korangal- und dem Shuryek-Tal.
Die Entdeckung am Berghang
Am Vormittag des 28. Juni trafen die Amerikaner auf unbewaffnete Einheimische mit Ziegen. Damit kannten Menschen aus dem Gebiet ihren Aufenthalt. Die SEALs ließen sie wieder gehen. Die Aufklärer konnten nun nicht mehr davon ausgehen, dass sie unbemerkt blieben. Im weiteren Verlauf des Tages griff Shahs Gruppe an und nutzte dabei günstigere Stellungen oberhalb des Trupps.
Das Gelände verschärfte den Angriff. Die SEALs mussten unter Beschuss auf steilen Hängen ausweichen, während ihre Gegner von höher gelegenen Positionen mit Gewehren, Maschinengewehren und Panzerabwehrhandwaffen feuerten. Ein Fels oder eine Geländekante konnte gegen eine Schussrichtung schützen, ohne Schutz vor einer anderen Stellung zu bieten. Beim weiteren Abstieg verloren die Männer Höhe und Übersicht; Verletzungen erschwerten die Bewegung zusätzlich.
Murphys Hilferuf
Der Trupp hatte ein Handfunkgerät und ein Satellitentelefon dabei. Bergrücken und steile Einschnitte schränkten die Funkverbindung ein; zugleich wechselten die Männer unter Beschuss ihre Position. Auch das Satellitentelefon benötigte ausreichend freie Sicht zum Himmel und verlor im tief eingeschnittenen Hanggelände wiederholt die Verbindung.
Die spätere Begründung für Murphys Medal of Honor beschreibt, wie der Truppführer nach der tödlichen Verwundung des Funkers selbst versuchte, Hilfe anzufordern. Er verließ die Deckung, um eine bessere Sendeposition zu erreichen, übermittelte den Standort und verlangte unmittelbare Unterstützung. Dabei setzte er sich dem gegnerischen Feuer aus. Murphy wurde im Gefecht tödlich verwundet.
Dietz und Axelson überlebten das Gefecht ebenfalls nicht. Luttrell wurde von den anderen getrennt und gelangte aus dem unmittelbaren Kampfbereich. Er war verwundet und erschöpft, konnte sich aber noch bewegen. Auf seinem weiteren Weg durch die Berge suchte er Wasser und versuchte, seinen Verfolgern zu entkommen.
Der Abschuss der schnellen Eingreiftruppe
Während der Trupp am Boden kämpfte, wurde eine schnelle Eingreiftruppe zusammengestellt. Eine MH-47 Chinook des 160th Special Operations Aviation Regiment brachte acht weitere SEALs und acht Angehörige der Army-Luftfahrteinheit in das Gebiet. Sie sollten nahe dem Gefechtsort abgesetzt werden und den vier Aufklärern zu Hilfe kommen.
Beim Anflug auf den Berg wurde die Maschine von einem Geschoss einer Panzerabwehrhandwaffe getroffen und stürzte ab. Alle 16 Insassen kamen ums Leben. Zu ihnen gehörte der SEAL-Offizier Erik Kristensen, der mit der Verstärkung geflogen war. Zusammen mit Murphy, Dietz und Axelson starben am 28. Juni 19 amerikanische Soldaten.
Der Absturz veränderte auch die Suche. Neben den vier Aufklärern musste nun geklärt werden, ob Menschen aus dem Hubschrauber überlebt hatten. Kräfte sollten das Absturzgebiet erreichen, die Toten bergen und nach dem vermissten Trupp suchen. Während Luftfahrzeuge das Gebiet absuchten, drangen amerikanische und afghanische Soldaten in die Täler vor.
Mohammad Gulab und die Dorfbewohner
Luttrell bewegte sich vom Gefechtsort weg und suchte Wasser. Die Begegnung mit den Einheimischen begann keineswegs mit gegenseitigem Vertrauen. Gulab berichtete kurz nach den Ereignissen, der verwundete Amerikaner habe seine Waffe auf ihn gerichtet. Er habe den Daumen gehoben und sein Gewand angehoben, um zu zeigen, dass er keine Waffe darunter trug. Schließlich halfen die Dorfbewohner Luttrell in eine Siedlung im Bereich von Salar Ban. Sie versorgten ihn mit Wasser und Nahrung und gaben ihm afghanische Kleidung. Mohammad Gulab übernahm eine wichtige Rolle bei seinem Schutz.
Gulab besprach die Aufnahme mit anderen Dorfbewohnern. Sie betrachteten Luttrell als ihren Gast und beriefen sich auf die überlieferten paschtunischen Schutzpflichten. Als die Kämpfer seine Auslieferung forderten, weigerten sie sich. Nach den Drohungen brachten sie ihn aus dem Haus in einen Stall, um ihn dort über Nacht zu verbergen.
Während die Helfer Luttrell versorgten und schützten, machte sich ein Dorfbewohner mit einer schriftlichen Nachricht des Amerikaners zu einem amerikanischen Stützpunkt auf. Die Nachricht meldete seinen Aufenthaltsort und stellte eine Verbindung zwischen den Helfern im Dorf und den Suchkräften her. Luttrell hielt in der Nachricht auch fest, dass der Überbringer ihm Nahrung und Schutz gegeben hatte und selbst Hilfe erhalten sollte.
Von unklaren Funksignalen zur bestätigten Aufnahme
Die Rettungsbesatzungen hatten inzwischen nach möglichen Überlebenden gesucht, ohne deren genauen Standort zu kennen. Jeffrey Macrander erinnerte sich an Geräusche im Funk, bei denen unklar blieb, ob ein Überlebender zu antworten versuchte oder ob die Gegner eine weitere Maschine in den Bereich locken wollten. Die Hubschrauberbesatzungen riefen die Gesuchten an, konnten aber niemanden aufnehmen. Sie mussten die Suche trotz dieser Hinweise abbrechen, als Treibstoff und zunehmendes Tageslicht den weiteren Aufenthalt begrenzten.
Nach dem Hinweis aus dem Dorf erreichten Soldaten Luttrell. Für seine Ausfliegung wurden zwei Rettungshubschrauber bereitgestellt; bewaffnete Flugzeuge und Hubschrauber sollten die Aufnahme unterstützen. Gulab blieb während der Vorbereitung bei dem Verwundeten.
Die eigentliche Aufnahme übernahmen HH-60G Pave Hawk der Air Force. Diese Hubschrauber waren für die Rettung aus feindlichem Gebiet vorgesehen und hatten Pararescuemen an Bord, die Menschen aufnehmen und medizinisch versorgen konnten. Die beiden Maschinen gehörten zu den in Afghanistan eingesetzten Rettungskräften der Air Force Reserve. Jeffrey Macrander führte den Verband; Jeff Peterson flog die Maschine, die Luttrell abholte.
Die beiden Maschinen flogen von Jalalabad durch die Täler in die Berge. Noch während des Anflugs änderten die Kräfte am Boden den gemeldeten Landeplatz. Die Besatzungen mussten sich deshalb kurz vor der Aufnahme auf einen anderen Punkt einstellen. Niedrige Wolken erschwerten die Sicht auf das Zielgebiet, höher liegende Wolken verdeckten das schwache Sternenlicht. Der Aufnahmeort war eine schmale Geländeterrasse neben einer steilen Abbruchkante. A-10-Kampfflugzeuge und weitere bewaffnete Luftfahrzeuge unterstützten den Anflug, während sich am Boden bereits Spezialkräfte der Army befanden.
Auch die vorgesehene Markierung aus der Luft funktionierte zunächst nicht: Die Wolken verhinderten, dass die Infrarotbeleuchtung einer höher fliegenden AC-130 den Boden erreichte. Eine A-10 markierte den Platz schließlich so, dass Peterson ihn erkennen konnte. Macrander markierte den Aufnahmeort zusätzlich und blieb mit seiner Maschine über dem Gebiet, während Peterson zur Terrasse hinuntersank.
Kurz vor dem Aufsetzen wirbelte der Rotor Staub auf, der Peterson die Sicht auf den Boden nahm. Bei diesem Brownout konnte er Abstände und die Stellung der Maschine nicht mehr allein aus dem Cockpit erkennen. Der Bordtechniker und der Schütze meldeten ihm deshalb die Position des Hubschraubers und gaben Richtungsansagen. Die Besatzung stabilisierte die Maschine am engen Aufnahmeplatz, bis Peterson sie auf der Terrasse aufsetzen konnte. Macrander gab mit dem zweiten Hubschrauber Unterstützung von oben.
Die Pararescuemen Josh Appel und Chris Piercecchi gingen zur Aufnahme hinaus. Luttrell und Gulab trugen afghanische Kleidung. In Dunkelheit und Staub war dadurch nicht schon am Äußeren erkennbar, wer auf den Hubschrauber zukam. Piercecchi überprüfte Luttrells Identität mit persönlichen Fragen, bevor er ihn aufnahm. Beide Männer wurden in den Hubschrauber gebracht und nach Asadabad ausgeflogen. Von dort transportierte eine C-130 Luttrell zum Krankenhaus auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram. Am 2. Juli war die Suche nach dem lebenden Mitglied des Aufklärungstrupps beendet.
Die Toten und die Helfer
Die Bergung der Toten dauerte länger. Soldaten suchten weiterhin nach den gefallenen SEALs und bargen die Opfer des Hubschrauberabsturzes. Für die Einheiten und die Familien endete Red Wings daher nicht mit Luttrells Rettung. Murphy erhielt 2007 postum die Medal of Honor; die Auszeichnung wurde am 22. Oktober seinen Eltern übergeben.
Für Gulab und seine Familie blieb die Hilfe gefährlich. Sie mussten ihr Dorf verlassen, und die Drohungen gegen ihn setzten sich über Jahre fort. Im Januar 2015 verließ Gulab Afghanistan in Richtung Indien. Noch im selben Jahr konnte er mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten übersiedeln. Zwischen der Aufnahme des verwundeten Amerikaners und seiner eigenen dauerhaften Ausreise lagen zehn Jahre.
The appearance of U.S. Department of War (DoW) visual information does not imply or constitute DoW endorsement.


