Wiki · Begriffserklärung

RIE

RIE steht für Risk of Isolation and Exploitation, das Risiko militärischer Isolation und gegnerischer Ausnutzung. Im französischen Personnel-Recovery-System bezeichnet der Begriff die Gefährdung von Personal durch eine Trennung von der eigenen Truppe und durch die Vorteile, die ein Gegner aus seiner Isolation oder Gefangennahme ziehen könnte. Die Beurteilung beeinflusst SERE-Vorbereitung, Ausrüstung und die Planung einer Rückführung. SERE verbindet dabei Überleben, Vermeiden einer Gefangennahme, Widerstand gegen gegnerische Ausnutzung und die Rückkehr unter die Kontrolle der eigenen oder einer befreundeten Organisation.

Isolationswahrscheinlichkeit und Ausnutzungsrisiko

Isolation entsteht, wenn eine Person von ihrer Einheit oder Organisation getrennt wird und deren Kontrolle über sie verloren geht. Das kann nach einem Luftfahrzeugnotfall, einem Hinterhalt, einer Panne oder einer Trennung während des Auftrags geschehen. Für die Wahrscheinlichkeit sind Auftrag und Arbeitsweise entscheidend: Wer weit von eigenen Kräften entfernt eingesetzt wird, hat andere Rückkehrmöglichkeiten als jemand in deren unmittelbarer Nähe. Schwer passierbares Gelände kann die Verbindung zur Einheit unterbrechen und zugleich die Versorgung und Weiterbewegung erschweren. Gegnerische Kräfte beeinflussen das Risiko durch ihre Zahl, ihre Mittel zum Auffinden von Personen und ihre Fähigkeit, Beobachtungen weiterzugeben.

Ausnutzung betrifft den Gewinn, den ein Gegner aus der Person erzielen kann. Dazu gehören militärische Informationen, Kenntnisse über Verfahren oder Technik, Angaben über andere Angehörige der Truppe und Aussagen oder Bilder für Propaganda. Funktion, Verantwortung und Zugang zu empfindlichen Informationen können diesen Wert erhöhen. Für Propaganda kann auch eine Person ohne hohen Dienstgrad interessant sein: Schon ihre sichtbare Gefangenschaft lässt sich gegen ihre Truppe oder ihren Staat verwenden. Entsprechend muss die Vorbereitung sowohl die Vermeidung einer Gefangennahme als auch den Schutz von Informationen und Mitgefangenen behandeln.

Beide Dimensionen können unterschiedlich ausgeprägt sein. Bei einem Auftrag kann es zu häufigen Trennungen oder einem Absturz über gegnerisch kontrolliertem Gebiet kommen, ohne dass die betreffende Person über besonders umfangreiche Informationen verfügt. Umgekehrt kann jemand seltener exponiert sein, bei einer Gefangennahme aber Wissen besitzen, nach dem der Gegner gezielt sucht. Eine Beurteilung muss deshalb die erwartete Isolation, die Möglichkeiten des Gegners und die Folgen einer Ausnutzung zusammenführen. Eine bloße Sortierung nach Dienstgrad übersieht sowohl die tatsächliche Exposition als auch den Informationszugang.

RIE im französischen System

Die französische Verwendung unterscheidet LRIE, MRIE und HRIE: Low, Medium und High Risk of Isolation and Exploitation, also niedriges, mittleres und hohes Risiko. In der Beschreibung der Kategorien wird ausdrücklich das Risiko von Isolation und/oder Ausnutzung erfasst. LRIE bildet im französischen Modell die Ausgangskategorie für in Operationen eingesetztes Personal. Die Einstufung bezieht sich auf eine bestimmte Operation, einen Zeitraum und einen Raum. Berücksichtigt werden die Umwelt, die gegnerische Bedrohung, die Nähe eigener oder befreundeter Kräfte und die mit Aufgabe und Auftrag verbundenen Gefahren.

Diese operative Einstufung kann sich mit dem Verlauf eines Einsatzes ändern. Eine Bewegung entfernt die Truppe möglicherweise von einer eigenen Basis; ein Gegner gewinnt zusätzliche Beobachtungsmittel; eine schwierige Umwelt erschwert den Rückweg. Das kann vorbereitende Maßnahmen auslösen, etwa die Herstellung einer PR-Alarmbereitschaft vor einer besonders gefährdeten Operation oder andere Aktivierungszeiten der Koordinierungsstellen für Personnel Recovery. Für die möglicherweise isolierte Person bedeutet das, dass sich die vorbereiteten Rückführungsbedingungen und die Einweisung für den nächsten Auftrag ändern können, obwohl ihre Ausbildung dieselbe bleibt.

Die Ausbildungsstufe wird vor der Verlegung anhand der erwarteten Aufgaben festgelegt. Im französischen Modell vermittelt A elementare Kenntnisse zu Überleben, Gefangennahme und Rückführung. B richtet sich an Personal, dessen Aufgaben regelmäßig mindestens ein mittleres Isolationsrisiko erwarten lassen, und verbindet Theorie mit praktischer Anwendung von Evasion, Ausrüstung und Rückführungsverfahren. C bereitet Personal mit regelmäßig zu erwartendem hohem Risiko umfassender vor; dazu gehören ein realistisches Szenario mit Einsatzausrüstung und Gegenkräften sowie praktische Resistance-Anteile. Der Auftrag muss rechtzeitig festlegen, welche Personen diese Vorbereitung benötigen. Ein kurzfristiger Wechsel des örtlichen Risikos liefert die notwendige Ausbildung nicht nach.

NATO-Rahmen, Großbritannien und USA

Der NATO-Rahmen betrachtet Einheit, Tätigkeit, Auftragsprofil, Verfahren sowie persönliche Kenntnisse und Verantwortung. Er verbindet das Risiko einer Isolation oder Ausnutzung mit deren operativen Folgen. Seine Stufen A, B und C steigern die Vorbereitung von grundlegender Theorie über praktische Survival- und Evasion-Anteile bis zu umfangreicher praktischer Survival-, Evasion- und Resistance-Ausbildung. Bei B wird Resistance im Unterricht behandelt; C übt sie in einer streng kontrollierten, realistischen Umgebung. So wird der mögliche Informationsverlust bereits in der Ausbildungsplanung berücksichtigt und nicht erst nach einer Gefangennahme.

Großbritannien verwendet für die nationale Einstufung die Bezeichnungen medium risk of isolation und high risk of isolation. Der operative Befehlshaber trägt die Verantwortung für das Einsatzrisiko; der Ausbildungsbedarf wird in einer Liste des besonders durch Gefangennahme und Ausnutzung gefährdeten Personals erfasst. Erhöhtes Risiko führt zur Vorbereitung auf B oder C. B wird auf Einheitsebene vermittelt, C darf nur die Defence SERE Training Organisation durchführen. Für einen Angehörigen der britischen Streitkräfte entscheidet daher die nationale Auftrags- und Bedarfszuordnung darüber, welche Vorbereitung er erhalten soll und wo sie stattfindet.

In der US Air Force richtet sich die Tiefe der Code-of-Conduct-Vorbereitung nach Gefangennahmewahrscheinlichkeit, empfindlichen Kenntnissen und dem Wert der Person für einen Gewahrsamsinhaber. Die Beschreibung von C verbindet ein bedeutendes oder hohes Gefangennahmerisiko mit erhöhter Ausnutzungsgefährdung durch Funktion, Dienstgrad oder Verantwortung. Das Modell der US Navy fasst C als praktische Ausbildung für Personal mit hohem Isolationsrisiko oder deutlich erhöhter Ausnutzungsbedrohung. Ihr B kann gezielt Lücken der für Auftrag und Teilstreitkraft benötigten Fähigkeiten schließen. Zusätzliche Risikoeinweisungen können A, B oder C ergänzen. Eine solche Einweisung behandelt die konkrete Gefährdung; sie vermittelt nicht die gesamte praktische Vorbereitung eines C-Lehrgangs.

Besondere Aufgaben können darüber hinaus eine zugeschnittene Ausbildung erfordern. Die amerikanische Personnel Recovery Academy bereitet ausgewähltes Personal vor, dessen Auftrag, Funktion oder Einsatzumgebung ein hohes Isolationsrisiko mit besonders hohem Ausnutzungswert verbindet. Sie deckt Anforderungen ab, die Programme der Teilstreitkräfte oder Einsatzkommandos noch nicht erfüllen. Das kann zusätzliche auftragsbezogene Kenntnisse und Fähigkeiten verlangen; daraus entsteht keine weitere einheitliche SERE-Stufe.

Was die Beurteilung vor dem Auftrag auslösen muss

Eine brauchbare Vorbereitung verbindet die erwartete Lage mit den Aufgaben der Person. Welche Trennung ist wahrscheinlich? Was erschwert Überleben und Weiterbewegung? Welche gegnerischen Mittel sind zu erwarten? Welche Kenntnisse und mitgeführten Informationen wären für den Gegner wertvoll? Aus diesen Fragen ergeben sich Ausbildungsbedarf, persönliche Ausrüstung und die Einweisung in die für das Einsatzgebiet vorgesehenen Verfahren. Im französischen Modell umfasst die Vorbereitung allgemeine Grundlagen, spezialisierte Ausbildung, Vorbereitung vor der Verlegung und weiteres Training im Einsatzgebiet. Die höheren Ausbildungsbedarfe müssen frühzeitig an die Kräfte gestellt werden, die das Personal für den Einsatz bereitstellen.

Vor einem konkreten Auftrag werden Rückführungsinformationen und persönliche Planungsunterlagen geprüft, soweit sie vorgesehen sind. Ein Evasion Plan of Action, kurz EPA, hält die beabsichtigten Handlungen bei Isolation fest: Welche Bewegung oder welches Verhalten sollen eigene Kräfte bei der Suche berücksichtigen? Ein ISOPREP, der Isolated Personnel Report, unterstützt dagegen Identifizierung und Authentifizierung. Der EPA hilft, das Verhalten zu verstehen; das ISOPREP hilft zu prüfen, ob die angetroffene oder sprechende Person tatsächlich die gesuchte Person ist. Beide Aufgaben werden umso schwieriger, wenn die Einsatzvorbereitung veraltete Absichten oder unzutreffende persönliche Angaben enthält.

Die Einsatzbesprechung muss deshalb auch den Übergang von eigener Handlungsfähigkeit zur möglichen Rückführung behandeln: vorgesehene Kommunikations- und Signalverfahren, Schutz der Authentifizierungsinformationen, bekannte Einschränkungen der eigenen Mittel und das Verhalten bei Kontakt mit einer Rückführungskraft. Schutz vor gegnerischer Ausnutzung beginnt vor einer Gefangennahme. Die Person muss wissen, welche auftragsbezogenen Informationen sie mitführt und welche nationalen Verhaltensregeln für eine mögliche Gefangenschaft gelten.

Ausrüstung und tatsächlich mögliche Rückführung

Die Ausrüstung muss die erwarteten Aufgaben ermöglichen: körperliche Handlungsfähigkeit erhalten, Bewegung und Orientierung unterstützen, die Person für eigene Kräfte lokalisierbar machen und gegebenenfalls Kommunikation erlauben. Im französischen Modell gehören bei B unter anderem Navigationsmittel, Signalmittel und Kommunikationsgeräte zum funktionalen Zusammenhang der Ausbildung; bei C werden auch sichere Kommunikationsmöglichkeiten berücksichtigt. Diese Funktionen müssen zu den tatsächlich mitgeführten Mitteln und den vorgesehenen Rückführungskräften passen.

Bei der PR-Planung wird zugleich die andere Seite geprüft: Können vorhandene Kräfte die Person unter den gegebenen gegnerischen und Umweltbedingungen erreichen, erkennen und aufnehmen? Entscheidend sind auch ihr Zustand und ihre Beweglichkeit. Eine Verletzung, die einen geplanten Fußmarsch verhindert, verändert den Zugang, den eine Rückführungskraft schaffen muss. Im britischen Modell werden dafür die Fähigkeiten der Person, die verfügbaren Kräfte und die Einsatzumgebung gemeinsam betrachtet. Vorgesehene Rückführungskräfte sind nach ihrer Hauptaufgabe ausgerüstet; ihre Eignung wird für den jeweiligen Auftrag beurteilt.

Was die isolierte Person selbst daraus macht

Nach einer Isolation verschiebt sich die Aufgabe von der Vorbereitung zur Erhaltung eigener Handlungsmöglichkeiten. Die Person beurteilt unmittelbare Bedrohung, Verletzungen, Wetterschutz, Wasser, verfügbare Mittel und ihre Beweglichkeit. Eine Bewegung kann die Nähe zum Gegner verringern, zugleich aber Kraft verbrauchen oder Beobachtung auslösen. Die Person prüft, ob ein Ruhepunkt Erholung ermöglicht, wie weit sie dort gegnerischer Beobachtung ausgesetzt ist und ob sie ihn mit den vorhandenen Mitteln wieder verlassen und ihre Bewegung fortsetzen kann. Ihre vorbereiteten Bewegungsabsichten gleicht sie mit ihrer aktuellen Kraft, den nutzbaren Wegen und der beobachteten Bedrohung ab. Unter passenden Bedingungen kann auch die eigenständige Rückkehr möglich sein.

Wenn ein nutzbares Kommunikationsmittel und eine erreichbare Gegenstelle vorhanden sind, tragen eine zutreffende Position sowie Angaben über Zustand und Beweglichkeit zur Rückführungsplanung bei. Wer eine Strecke wegen einer Verletzung nicht bewältigen kann, muss diesen Umstand zusammen mit seiner Lage übermitteln. Beim Signalisieren ist die mögliche gegnerische Beobachtung zu berücksichtigen; Zeitpunkt und Verfahren richten sich nach der vorbereiteten Einweisung und den vorhandenen Mitteln. Authentifizierungsinformationen werden geschützt, weil ihr Verlust dem Gegner helfen kann, eine Rückführungskraft gegen eine falsche Person oder in eine gefährdete Lage zu lenken.

Bei einer Gefangennahme tritt der Schutz vor Ausnutzung unmittelbar in den Vordergrund. Die Person muss ihre national vermittelte Vorbereitung auf Befragung, Informationsschutz, Propaganda und Verhalten gegenüber Mitgefangenen anwenden. Angaben über Aufgaben, Verfahren oder besonders kenntnisreiche Kameraden können den Gegner bei weiterer Ausnutzung unterstützen. Bei einem Rückführungskontakt bleiben Identifizierung, Authentifizierung und die vorbereiteten Aufnahmeverfahren eigene Aufgaben. Präzise Koordinaten zeigen einen Ort; sie beantworten noch nicht die Frage, wer dort auf die Kräfte wartet.