HRI steht für High Risk of Isolation, ein hohes Risiko militärischer Isolation. Der Begriff bezeichnet vor allem in amerikanischen und britischen Verwendungen die Gefährdung von Personal, durch Auftrag, Einsatzraum oder besondere Aufgaben von eigenen oder befreundeten Kräften getrennt zu werden. Aus dieser Gefährdung entstehen Anforderungen an SERE-Ausbildung, einsatzbezogene Einweisung, persönliche Ausrüstung und Personnel Recovery. In der US Navy und der US Air Force bezeichnet HRI außerdem die dazugehörige besondere Einweisung. SERE verbindet Überleben, Vermeiden einer Gefangennahme, Widerstand gegen gegnerische Ausnutzung und Rückkehr unter die Kontrolle der eigenen oder einer befreundeten Organisation.
Wodurch ein hohes Isolationsrisiko entsteht
Isolation kann nach einem Abschuss, einer Notlandung, einem Hinterhalt oder der Trennung eines Fahrzeugs vom Verband entstehen. Auch ein technischer Ausfall, extremes Wetter oder das Vorgehen eines feindlichen Staates können die Verbindung zu den eigenen Kräften unterbrechen. Entscheidend ist die tatsächliche Lage: Wo befindet sich die Person, welche Bedrohung wirkt auf sie, und kann sie mit den vorhandenen Mitteln unter die Kontrolle der eigenen oder einer befreundeten Organisation zurückkehren? Eine Person außerhalb des eigenen Lagers ist deshalb nicht bereits isoliert; eine Besatzung mitten im eigenen Einsatzraum kann es nach dem Ausfall ihres Fahrzeugs durchaus sein.
HRI richtet sich nach dieser möglichen Lage und den Aufgaben, die jemanden dorthin bringen. Ein Flug über feindlichem Gebiet kann nach dem Verlust des Flugzeugs eine ungeschützte Besatzung am Boden zurücklassen. Eine kleine Gruppe oder ein abgetrennter Konvoi kann nach dem Ausfall von Fahrzeugen und Verbindung weder den geplanten Auftrag fortsetzen noch den vorgesehenen Rückweg benutzen. Dienstgrad allein erklärt diese Gefährdung nicht. Die Navy verbindet die Einstufung ausdrücklich mit Umgebung und Risiko; Auftrag, Einsatzort und verfügbare eigene Kräfte müssen deshalb vor der Verwendung betrachtet und bei veränderter Lage erneut geprüft werden.
Isolation und gegnerische Ausnutzung
Das Risiko, isoliert zu werden, und der Wert einer gefangenen Person für einen Gegner beantworten unterschiedliche Fragen. Die erste betrifft ihre mögliche Trennung von der Truppe. Die zweite betrifft Informationen, Verantwortung oder andere Vorteile, die der Gegner aus ihrem Gewahrsam gewinnen könnte. Einsatzkenntnisse können weitere Kräfte gefährden; erzwungene Aussagen oder Bilder können für Propaganda dienen. Auch Personal mit wenig Wissen über größere Operationspläne kann daher für einen Gegner brauchbar sein. Die konkrete Ausnutzungsgefahr hängt von dessen Zielen und den Kenntnissen und Aufgaben der Person ab.
Die Unterscheidung verändert die Vorbereitung. Die Navy begründet ihre praktische SERE-Ausbildung auf Level C mit hohem Isolationsrisiko oder deutlich erhöhter Ausnutzungsgefahr bei Gefangennahme. Die amerikanische Personnel Recovery Academy richtet besondere, zugeschnittene SERE-Ausbildung dagegen an ausgewähltes Personal, bei dem hohes Isolationsrisiko mit besonders hohem gegnerischem Ausnutzungswert zusammentrifft. Sie deckt Anforderungen ab, die in bestehenden Programmen der Teilstreitkräfte oder Einsatzkommandos nicht berücksichtigt werden. Eine gefährdete Verwendung kann somit zusätzliche Vorbereitung erfordern, obwohl die Person bereits einen regulären SERE-Lehrgang absolviert hat.
Der französische Begriff RIE steht für Risk of Isolation and Exploitation und bezeichnet das Risiko von Isolation und/oder gegnerischer Ausnutzung. LRIE, MRIE und HRIE ordnen diese Gefährdung als niedrig, mittel oder hoch ein. HRI benennt dagegen die Isolationsgefährdung und den nationalen Vorbereitungsbezug; die französischen Kategorien beziehen sich auf ihr eigenes Modell von Isolation und/oder Ausnutzung.
Ausbildung und HRI-Einweisung
Im Navy-Modell verbindet die Vorbereitung für hohes Risiko die Grundlagen von Level A, die praktische SERE-Ausbildung auf Level C und ein zusätzliches HRI-Briefing. Level A vermittelt unter anderem den Verhaltensrahmen, die Vorbereitung auf Isolation sowie grundlegende Evasion-, Signal- und Rückführungsaufgaben. Level C lässt die Teilnehmer Survival, Evasion und Resistance unter kontrollierten Belastungen praktisch anwenden. Die ergänzende Einweisung behandelt den konkreten Einsatzbezug. Die Navy führt High Risk of Isolation auch als eigenes Angebot im Ausbildungsbereich Code of Conduct.
Eine HRI-Einweisung der US Air Force verbindet Informationen über den vorgesehenen Einsatz- oder Dienstreiseort mit den dortigen Gegnern und bekannten Terrorgruppen, möglichen Bedingungen einer Gefangennahme sowie Inhalt und Bedienung der eigenen Überlebensausrüstung. SERE-Spezialisten arbeiten dafür mit dem Nachrichtenpersonal zusammen.
Großbritannien verwendet die Bezeichnungen medium risk of isolation und high risk of isolation. Der operative Kommandeur verantwortet das Einsatzrisiko; die daraus ermittelte Ausbildungsanforderung wird in der Liste des durch Gefangennahme und Ausnutzung gefährdeten Personals festgehalten. Erhöhtes Risiko begründet die Vorbereitung auf Level B oder C. Level B wird auf Ebene der Einheiten durchgeführt, Level C ausschließlich durch die Defence SERE Training Organisation, DSTO.
Die Ausbildungsentwicklung bei DSTO verwendet High Risk of Isolation außerdem als Zuständigkeitsbezeichnung für Lehrgänge wie SERE C und umweltbezogene Ausbildung. Während die operative Einstufung die gefährdete Verwendung einer Person betrifft, bezeichnet HRI hier den Bereich, der entsprechende Ausbildungsanforderungen in Lehrgänge umsetzt.
Was vor dem Einsatz vorbereitet sein muss
Die Einweisung muss der Person einen brauchbaren Handlungsrahmen für die mögliche Isolation geben. Dazu gehören die örtlichen Merkmale, an denen sie den Übergang zur Isolation erkennt, eigene erste Maßnahmen, verfügbare Meldungs- und Signalwege sowie das Verhalten bei einem Zusammentreffen mit Rückführungskräften. Das amerikanische Army-Modell fasst solche Vorgaben als Isolated Soldier Guidance, ISG. Bei einer Bodenoperation kann die zeitweilige Trennung von der Einheit Teil des Auftrags sein; nach einer erzwungenen Landung in feindlichem Gebiet ist die Lage anders.
Ein Evasion Plan of Action, EPA, teilt den zuständigen Kräften mit, wie sich die Person oder Gruppe bei Isolation voraussichtlich verhalten will und welche Ausrüstung sie besitzt. Die geplanten Handlungen müssen zur tatsächlichen Beweglichkeit und zu möglichen Ausfällen passen. Ein Isolated Personnel Report, ISOPREP, enthält dagegen Angaben für die Identifizierung und Authentifizierung: Die Rückführungskräfte müssen prüfen können, ob sie wirklich mit der gesuchten Person sprechen. Falsche oder überholte Angaben können die Suche in ein Gebiet lenken, das die Person längst verlassen hat, oder eine Kontaktaufnahme verzögern.
Die Ausrüstung wird nach Auftrag, Umgebung und Gefährdung zusammengestellt. Ein amerikanisches Air-Mobility-Command-Modell ergänzt allgemein ausgelegte Survival-Ausrüstung durch einen regional angepassten Personnel Recovery Kit. Dazu können Hilfen für die Navigation im Einsatzgebiet, örtliche Sprach- und Verständigungshilfen sowie kleine nächtliche Signalmittel gehören. Der Satz muss zum PR-Plan und zu den tatsächlich vorhandenen Rückführungsfähigkeiten passen; seine Mittel werden auch bei der EPA-Vorbereitung berücksichtigt. Das AMC-Modell sieht das Tragen am Körper während operativer Aufgaben vor. Für die isolierte Person zählt, was nach Verlust von Fahrzeug oder Gepäck noch erreichbar ist.
Zur Vorbereitung gehört deshalb die praktische Nutzung der ausgegebenen Mittel unter Feldbedingungen: Zugriff, Bedienung, Pflege und der vorgesehene Schutz empfindlicher Inhalte. Für Informationen und Material, die einem Gegner nützen könnten, gelten die eigenen Einweisungen und Schutzverfahren. Dazu zählen besonders Rückführungsunterlagen und Authentifizierungsinformationen. Ihre Preisgabe kann dem Gegner helfen, einen Kontakt vorzutäuschen oder eine Rückführungskraft an den falschen Ort zu führen.
Die Aufgaben der isolierten Person
Nach dem Isolationsereignis prüft die Person zuerst ihre unmittelbare Bedrohung, Verletzungen, Beweglichkeit und verbliebenen Mittel. Das ergibt die Grundlage für eigene Entscheidungen: Kann sie den Gefahrenbereich verlassen, welche Versorgung braucht sie, und welche Bewegungen sind noch möglich? Die einstudierten ersten Maßnahmen helfen, unter Druck zu handeln; bei zerstörter Ausrüstung, Verletzung oder einer veränderten gegnerischen Lage muss die Person den vorbereiteten Plan anpassen.
Wer eine weite Strecke zurücklegt, kann einen bedrohten Ort verlassen, verbraucht aber Kraft und Wasser und schafft neue Gelegenheiten zur Entdeckung. Ein Ruhepunkt kann die Beweglichkeit erhalten, muss jedoch zur örtlichen Bedrohung und zur weiteren Absicht passen. Die Person beurteilt deshalb, was sie dort erkennen kann, welche Gefahren auf sie wirken und ob sie den Ort mit ihren verbliebenen Mitteln wieder verlassen kann. Die Rückkehr aus eigener Kraft kommt infrage, wenn Lage, Zustand und Weg dies erlauben. Die Aufgaben Survival, Evasion und Unterstützung der Rückführung bleiben bis zur Rückkehr unter die Kontrolle der eigenen oder einer befreundeten Organisation bei ihr.
Bei einer tatsächlichen Kontaktmöglichkeit nutzt die Person die vereinbarten Verfahren und die verfügbaren Mittel. Sie übermittelt eine möglichst zuverlässige Position, ihren Zustand, ihre Beweglichkeit und die für die weitere Handlung relevanten Ausfälle. Signale und Übertragungen können zugleich einen Gegner auf den Aufenthaltsort aufmerksam machen. Die Auswahl muss deshalb zum empfangenden System, zur örtlichen Bedrohung und zur vorherigen Einweisung passen.
Was HRI für Personnel Recovery bedeutet
Zur Planung gehören die mögliche Lage des isolierten Personals, seine Ausbildung, Ausrüstung und körperliche Leistungsfähigkeit, gegnerische und natürliche Bedrohungen sowie die Reichweite und Fähigkeiten tatsächlich verfügbarer Kräfte. Im britischen Modell wird deren Eignung für die jeweilige Aufgabe anhand dieser Bedingungen geprüft.
Die eigene Zustandsmeldung beeinflusst diese Entscheidung. Eine bewegliche Person kann andere Möglichkeiten zur Annäherung nutzen als ein Verletzter, der seinen Aufenthaltsort nicht verlassen kann. Verbliebene Versorgung und Schutz vor der Umgebung bestimmen mit, wie lange sie dort handlungsfähig bleibt. Veränderungen von Position, Zustand oder Kontaktmöglichkeiten können den vorbereiteten Ansatz unbrauchbar machen.