
Militärische Überlebensausbildung hat sich um drei Aufgaben erweitert, die über den Erhalt des Körpers hinausgehen: Gefangennahme vermeiden, gegnerische Ausnutzung in Gefangenschaft begrenzen und die Rückkehr zu eigenen Kräften unterstützen. Daraus entstand der Zusammenhang von Survival, Evasion, Resistance und Escape beziehungsweise Extraction. Diese Entwicklung verlief in verschiedenen Streitkräften unterschiedlich. Luftfahrzeugbesatzungen brauchten Schutz nach einem Absturz, Spezialkräfte Vorbereitung auf längere Isolation hinter gegnerischen Linien und eingesetztes Personal einen Verhaltensrahmen für Gefangenschaft und Festhaltung. Heute verbindet SERE diese persönlichen Aufgaben mit Personnel Recovery: der Vorbereitung, Koordination und Durchführung einer Rückführung sowie der Betreuung nach der Rückkehr.
Umweltüberleben und die Rückkehr von Luftfahrzeugbesatzungen
Ein wichtiger Entwicklungsweg führte über die militärische Luftfahrt. Wer einen Absturz oder eine Notlandung überlebte, konnte weit entfernt von eigenen Kräften in Kälte, Gebirge, Wüste oder auf See zurückbleiben. Der unmittelbare Erfolg bestand darin, die Zeit nach dem Unfall überhaupt zu überstehen: Verletzungen erkennen, Wärmeverlust begrenzen, nutzbare Ausrüstung sichern und die verbleibende Kraft einteilen. Die Ausbildung musste zur Flugroute und zum mitgeführten Material passen. Ein auf See ausgestiegener Flieger verfügte über andere Bewegungsmöglichkeiten und Schutzmittel als eine Besatzung in verschneitem Gelände.
Die arktische Ausbildung der amerikanischen Army Air Forces im Zweiten Weltkrieg verband bereits das Leben unter Kältebedingungen mit Rettungsausbildung. Einzelne Unterrichtsanteile richteten sich nach der militärischen Verwendung; die gemeinsame Aufgabe war das praktische Bewältigen der arktischen Umgebung. Damit standen Umweltüberleben und Rückkehr schon nebeneinander. Die spätere Erweiterung zu SERE beseitigte diese Fachgebiete nicht. Wärme, Wasser und die Versorgung von Verletzungen bleiben erforderlich, weil ein erschöpfter oder ausgekühlter Mensch schlechter beobachten, ausweichen, Signale geben und bei einer Aufnahme mitwirken kann.
Evasion verändert die Verwendung von Überlebensfähigkeiten
Im gegnerisch kontrollierten Gebiet konnte eine Maßnahme, die das Überleben erleichterte, zugleich die Gefangennahme begünstigen. Feuer gab Wärme, aber Licht und Rauch verrieten einen Aufenthaltsort. Ein offener Platz erleichterte die Sichtbarkeit für Suchkräfte und die Beobachtung durch den Gegner. Eine gut begehbare Straße sparte Kraft, konnte aber überwacht sein. Mit Evasion erhielt Überlebensausbildung deshalb eine zusätzliche taktische Aufgabe: den Körper versorgen und den Anschluss an eigene Kräfte suchen, während Entdeckung vermieden wird.
Daraus entstanden zusammenhängende Aufgaben für die isolierte Person. Nach einem Zwischenfall muss sie Verletzungen, Ausrüstung und Lage beurteilen, eine geschützte Position gewinnen und die Umgebung beobachten. Eine weitere Bewegung braucht ein Ziel und eine Strecke, auf der sie möglichst wenig exponiert ist. Ruheplätze müssen Schutz vor der Umwelt mit Verbergen und Beobachtungsmöglichkeiten verbinden. Wasserbedarf, Erschöpfung und Verletzungen beeinflussen, ob eine Strecke überhaupt bewältigt werden kann. Wer nur weiterläuft, verbraucht die Kraft, die für eine spätere Gefahrenstelle oder Aufnahme gebraucht wird.
Auch Signalisierung bekam einen anderen Stellenwert. Ein Signal soll bei einer tatsächlich möglichen Kontaktaufnahme Aufmerksamkeit auf die richtige Person lenken. Wird es zu früh oder gegenüber unklaren Kräften eingesetzt, kann es den Gegner zu ihr führen. Deshalb gehören Wahrnehmen, Identifizieren, abgestimmte Kontaktverfahren und das anschließende Verhalten bei einer Rückführung zur gleichen Vorbereitung. Evasion bedeutet dabei nicht zwangsläufig eine ununterbrochene Flucht. Verbergen, Beobachten und die Entscheidung zwischen Bleiben und Weiterbewegung sind ebenso Teile der Aufgabe.
Gefangenschaft wurde zum eigenen Ausbildungsgegenstand
Die Erfahrungen amerikanischer Kriegsgefangener im Koreakrieg gaben der US-Ausbildung einen weiteren Schwerpunkt. Gefangene konnten zur Preisgabe militärischer Informationen und zur Mitwirkung an Propaganda gedrängt werden. Der daraufhin eingeführte Code of Conduct schuf einen gemeinsamen amerikanischen Verhaltensrahmen für Kampf und Gefangenschaft. Er verband Widerstand gegen Ausnutzung mit Verantwortung gegenüber Mitgefangenen, militärischer Führung innerhalb der Gruppe und dem Bemühen um Flucht. Der Ausbildungsauftrag reichte damit bis in die Gefangenschaft: Er sollte erklären, welche Aufgaben unter der Kontrolle des Gegners fortbestehen.
Für eine gefangene Person geht es um mehr als das Durchhalten einer Befragung. Angaben können Kameraden mit besonderen Kenntnissen erkennbar machen, Aussagen für politische Zwecke verwendet und Vergünstigungen an die Schädigung anderer gebunden werden. Der Schutz von Informationen, die Unterstützung kranker oder verletzter Mitgefangener und der Erhalt einer gemeinsamen Organisation gehören deshalb zusammen. Der amerikanische Rahmen erlaubt Gespräche über Gesundheit und Wohlergehen; er verlangt kein jahrelanges Schweigen zu jeder Lebensfrage. Entscheidend ist, welche Information oder Handlung dem Gegner bei der Ausnutzung hilft.
Die Vorbereitung muss auch den Umgang mit erzwungener Mitwirkung erfassen. Körperlicher und psychischer Druck kann Gefangene zu Aussagen oder Handlungen zwingen. Danach besteht die Aufgabe darin, weitere Preisgaben zu begrenzen und gegenüber der nächsten Forderung wieder Widerstand aufzunehmen. Ein bereits erzwungenes Zugeständnis macht die Person nicht dauerhaft handlungsunfähig. Dieser amerikanische Verhaltensrahmen ist ein nationaler Bestandteil von SERE. Andere Streitkräfte haben eigene Regeln und Begriffe für das Verhalten nach Gefangennahme; die sechs amerikanischen Artikel werden dadurch nicht zu einem internationalen Gesetz.
Aus Gefangenschaftserfahrung entstanden besondere Ausbildungswege
Bei den amerikanischen Army Special Forces prägten Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg die Entwicklung eines eigenen fortgeschrittenen SERE-Lehrgangs. Nick Rowe brachte seine langjährige Gefangenschaft und seine Flucht in die Ausarbeitung ein. Das daraus entwickelte Lehrgangsmodell für Army-Spezialoperationskräfte (ARSOF) verband Vorbereitung und praktische Fertigkeiten, eine Überlebens- und Evasionphase im Gelände sowie eine kontrollierte Gefangenschaftsphase. Die Teilnehmer sollten die Versorgung unter Verfolgungsdruck und anschließend ihre individuellen und gemeinsamen Aufgaben gegenüber Ausnutzung bewältigen. Rowes Rolle gehört zu dieser besonderen Army-Entwicklungslinie.
Auch staatliche Festhaltung im Kalten Krieg führte zu besonderer Vorbereitung. Der Abschuss des U-2-Piloten Francis Gary Powers über der Sowjetunion war ein Anlass für eine amerikanische Ausbildung, die auf diese Gefangenschaftsumgebung reagierte. In der Entwicklungslinie der Personnel Recovery Academy setzte sich daraus die Vorbereitung für Personen fort, deren Auftrag, Position oder Wissen einem Gegner besonderen Nutzen bieten kann. Das Ausbildungsproblem ist hier nicht allein die Wahrscheinlichkeit einer Gefangennahme. Auch die Folgen einer Ausnutzung bestimmen den erforderlichen Umfang.
Diese Risikobetrachtung erklärt die Abstufung der Ausbildung. Im NATO-Modell vermittelt Level A grundlegendes Wissen; Level B verbindet dieses mit praktischen Survival- und Evasionanteilen und Widerstandsausbildung im Unterricht. Level C umfasst umfangreiche praktische Vorbereitung auf Survival, Evasion und Resistance in einer kontrollierten, realitätsnahen Umgebung. Die Zuordnung berücksichtigt Isolation, Ausnutzung und deren Folgen. Für die Person mit hohem Risiko müssen Entscheidungen unter Erschöpfung, Unsicherheit und gegnerischem Druck eingeübt werden. Die Buchstaben bezeichnen einen Ausbildungsumfang im jeweiligen System, keinen weltweit identischen Lehrgang.
Ausbildung für unterschiedliche Formen von Gefangenschaft
Australien erweiterte seine frühere Resistance-to-Interrogation-Ausbildung zu Conduct After Capture. Dabei kamen staatliche Festhaltung und Geisellagen als eigene Ausbildungsfelder hinzu; der militärische Anteil wurde als Military Exploitation gefasst. Diese Änderung verbreiterte den Gegenstand von der Sicherung von Informationen bei Befragung zum Verhalten während verschiedener Formen von Gefangenschaft. Eine Grenzbehörde, eine fremde Streitkraft und eine kriminelle oder terroristische Gruppe können unterschiedliche Ziele verfolgen und unterschiedliche Bewegungs- und Gesprächsspielräume zulassen.
Für die betroffene Person ändern sich damit die Fragen, die sie beurteilen muss. Steht eine staatliche Untersuchung im Vordergrund, eine militärische Informationsgewinnung oder soll mit ihrer Person Druck auf Dritte ausgeübt werden? Welche Aussagen betreffen den eigenen Zustand, welche den Auftrag oder andere Menschen? Welche Handlung würde die eigene Lage oder die der Mitgefangenen verschärfen? Eine Geisel kann etwa zur Übermittlung einer Forderung benutzt werden, ohne über wertvolle militärische Kenntnisse zu verfügen. Die Ausbildung muss deshalb Ausnutzung über das klassische militärische Verhör hinaus behandeln.
Im britischen System wurde die gemeinsame SERE-Ausbildung ebenfalls mit den Risiken von Geiselnahmen und der Ausnutzung auch jüngerer Dienstgradgruppen begründet. Die gemeinsame Ausbildung umfasst Umweltüberleben, Evasion, Resistance und Extraction; die Teilstreitkräfte behalten ihre besonderen Anforderungen. Heute wird britisches Level B auf Einheitsebene vermittelt, während Level C der Defence SERE Training Organisation vorbehalten ist. Die persönliche Vorbereitung soll damit sowohl zum Einsatzrisiko als auch zu den eigenen Mitteln passen.
Kanada entwickelte mit einem eigenen Code of Conduct After Capture eine allgemeine, eine missionsbezogene und eine vertiefte Vorbereitung für besonders gefährdetes oder für den Gegner wertvolles Personal. Die behandelten Lagen umfassen Kriegsgefangenschaft, staatliche Festhaltung und Geiselnahme. In der vertieften Vorbereitung werden Reaktionen auf Gefangenschaft und Fähigkeiten zur Bewältigung von Belastung zunächst erklärt und eingeübt, bevor sie unter kontrolliertem Druck angewendet werden. Die Person soll die Bedrohung und ihre eigenen Reaktionen erkennen und ihre Aufmerksamkeit wieder auf eine Aufgabe richten können, die sie bewältigen kann. Solche Gefangenschaftsanteile haben einen anderen Gegenstand als ein Lehrgang zum Überleben in arktischer Umgebung.
Nationale Ausprägungen verbinden unterschiedliche Aufgaben
Die französische Entwicklung zeigt, wie neue Gefangenschaftsanteile in eine bereits spezialisierte Überlebens- und Rettungsausbildung eingegliedert wurden. Im Centre de formation à la survie et au sauvetage kamen Module zur conduite après capture in ausgewählten Lehrgängen hinzu. Daneben bestanden eigene Ausbildungen für äquatoriale Umgebung, Kälte und Wüste. Im kalten Gelände stand das Überleben nach einem Unfall auch ohne taktische Bedrohung im Mittelpunkt; im feindlichen Gebiet kamen Verbergen, gegnerische Suche und die Vorbereitung auf Kampfrettung hinzu. Für den Teilnehmer entscheidet also der konkrete Ausbildungsgegenstand darüber, ob er Umweltprobleme, Gefangenschaftsprobleme oder ihre Verbindung bewältigt.
Die französische Kampfüberlebensausbildung verband persönliche Ausrüstung mit der Identifizierung bei einer Rückführung. Ein Überlebensfunkgerät und die vorbereiteten persönlichen Angaben müssen zusammenpassen: Die Kräfte benötigen einen Hinweis auf den Aufenthaltsort und müssen prüfen können, ob sie mit der gesuchten Person sprechen. Der Teilnehmer musste die Geräte und die Angaben kennen, die seine Aufnahme unterstützen. Für ihn verknüpfte sich damit das Überleben nach Ausstieg mit einer eigenen Aufgabe im Rettungsverfahren.
In Deutschland zeigt sich diese Verbindung im SERE-Rahmen für abgeschnittenes Personal. Zur praktischen Vorbereitung gehören neben Überleben und Durchschlagen der Evasion Plan of Action, die vorbereiteten Identifizierungsangaben im ISOPREP und das Verhalten bei der Wiederaufnahme. Auf fortgeschrittener Ebene kommen das Verhalten in Kriegsgefangenschaft und zusätzliche Resistance-to-Interrogation-Module für besonders gefährdetes Personal hinzu. Für eine Person im Gelände heißt das: Sie muss ihre Weiterbewegung mit den vorbereiteten Absichten verbinden, ihre Angaben zur Identifizierung schützen und bei einer tatsächlichen Aufnahme so handeln, dass die Kräfte sie übernehmen können.
Personnel Recovery macht die Rückführung zur gemeinsamen Aufgabe
Mit organisierter Personnel Recovery wurde die Rückkehr als Aufgabe von drei Seiten gefasst: der isolierten Person, der Führung mit ihren Koordinierungsstellen und den Kräften, die eine Rückführung durchführen können. Die Führung muss vor dem Einsatz festlegen, welche Fähigkeiten verfügbar sind, wie eine Isolation erkannt wird und wie Informationen zwischen den Beteiligten gelangen. Auf der persönlichen Seite ergänzt diese Planung die SERE-Fertigkeiten um missionsbezogene Angaben, Kontaktverfahren und die Vorbereitung auf eine Aufnahme.
Der Evasion Plan of Action beschreibt vorbereitete Absichten für den Fall der Isolation. Rückführungskräfte erhalten dadurch eine Grundlage, um mögliche Bewegung und Aufenthaltsorte einzugrenzen. Das ISOPREP liefert Angaben zur Identifizierung und Authentifizierung. Beide Instrumente erfüllen unterschiedliche Funktionen: eine plausible Position ersetzt keinen Identitätsnachweis, und ein Identitätsnachweis liefert noch keinen geeigneten Aufnahmeort. Verfügbare Funkmittel können Lage, eigenen Zustand und gegnerische Aktivität übermitteln. Wo nur Sichtkontakt entsteht, kommen vereinbarte optische Zeichen in Betracht. Die Person muss jeweils prüfen, welche Mittel sie tatsächlich besitzt und wem sie ihre Position offenbart.
Eine Aufnahme benötigt Zugang zur Person, geeignete Kräfte und eine vertretbare Lage für deren Annäherung. Ein Gegner kann versuchen, Suchkräfte durch eine falsche Nachricht oder übernommene Identifizierungsangaben in eine gefährliche Position zu ziehen. Deshalb bleibt Authentifizierung selbst bei genauen Koordinaten erforderlich. Bei einer abgestimmten Aufnahme hält die isolierte Person Ausrüstung bereit, meldet erkennbare Hindernisse und ihren Zustand und folgt den Anweisungen der aufnehmenden Kräfte. Sie tritt erst aus dem Verbergen heraus, wenn der Ablauf das vorsieht. Bis eine solche Verbindung und Aufnahme möglich werden, muss sie ihre Handlungsfähigkeit erhalten, weiter beobachten und über die weitere Evasion entscheiden.
Die Rückkehr umfasst auch Betreuung und Reintegration
Die Rückkehr amerikanischer Gefangener aus Vietnam zeigte die Bedeutung einer vorbereiteten Aufnahme und Betreuung nach langer Gefangenschaft. Die dabei gewonnenen Erfahrungen wurden später erneut gebraucht; ein vollständig nutzbarer Plan lag bei der Rückführung von Gefangenen aus dem Golfkrieg jedoch nicht einfach bereit. Die weitere Entwicklung bestand deshalb auch darin, Erfahrungen in wiederverwendbare Verfahren zu übertragen. Die medizinische Nachbeobachtung zurückgekehrter Gefangener im Robert E. Mitchell Center untersucht bis heute körperliche und psychische Folgen und ihren Bezug zu späteren Einsätzen.
Für die zurückgeführte Person haben medizinische Versorgung, psychologische Unterstützung und die Aufarbeitung des Geschehens unterschiedliche Zwecke. Verletzungen und Erkrankungen benötigen Behandlung; belastende Erfahrungen und die Rückkehr in Familie und Einheit können weitere Betreuung erfordern. Ein operatives Debriefing gewinnt Informationen über Isolation, gegnerisches Verhalten und Rückführung. In der US Navy bestehen dafür gesonderte psychologische und operative Unterstützungsaufgaben. Im NATO-Rahmen liegt Reintegration in nationaler Verantwortung. Mit der Übernahme durch eigene Kräfte endet die Evasion. Versorgung, Nachbesprechung und die Vorbereitung auf die Rückkehr in den Alltag schließen sich an.
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